Listen




Banner, 120 x 600, mit Claim


Doodseskader - Year two

Doodseskader- Year two

45 / Al!ve
VÖ: 08.03.2024

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Vorsicht vor Leuten

Mal ehrlich: Was im Leben harmoniert schon wirklich miteinander? Großflächige Tätowierungen und offensive Schnauzbärte, wie sie Tim De Gieter und Bert Minnaert alias Sigfried Bourroughs zur Schau tragen? Der wüst auftrumpfende Zusammenprall von Sludge, Alternative, Industrial und HipHop, den die beiden Belgier als Doodseskader – das niederländische Wort für Todesschwadron – auf ihrem zweiten Longplayer inszenieren? Die Antwort lautet jeweils nein, denn auf "Year two" treibt es das Duo noch etwas unberechenbarer als auf dem Vorgänger "Year one", wo es mit der Harmonie auch nicht weit her war. De Gieter hat jedenfalls noch genug Energie übrig, die er nicht am Bass bei den ohrenbetäubend schleppenden Amenra verpulvert hat – und seine Zweitband mitunter ein enormes Mitteilungsbedürfnis. Obwohl es nicht viel Erbauliches zu erzählen gibt.

Dafür jede Menge über den Pesthauch der Existenz – in allen Farben des Entsetzens opaleszierend bei "The sheer horror of the human condition", wo sich eine bösartige, übersteuert rotierende Riff-Schlaufe urplötzlich zu Minnaerts schwer atmender Schlagzeugspur gesellt und samt barmendem Klargesang und grob digital zerraspelten Growls Richtung Abgrund walzt. "This is a complete mindfuck / I'm never gonna be able to shake it off", bringt De Gieter gerade noch gurgelnd hervor, ehe das Stück eine zerstörerische Klimax erreicht. Danke gleichfalls. So viel also zum relativ moderaten Schmurgel-Groove des Openers "Pastel prison", welcher der blassrosa Anmutung des Covers noch am nächsten kommt. Streiche mysteriös angehauchte Wesen mit circa acht Köpfen und Armen, setze die volle Breitseite der hässlichen Realität, die "Year two" trefflich abbildet.

Auch wenn sich "Innocence (An offering)" dank brachialen Handkantenschlägen auf sechs Saiten als handelsüblicher Noise-Rock hören lässt, bleibt es lediglich beim Angebot, was das unbefleckte Soundbild angeht: Die hartwurstigen Aspekte der frühen 90er-Jahre wandern unter stetigem Malmen in den Häcksler, während Metall-Geschepper und ein Elektro-Break die Maschine zusätzlich antreiben. Und quasi-rappt De Gieter "I'm losing my shit" über das Getöse, kommt einem der "Judgment night"-Soundtrack auf einmal gar nicht mehr so gestrig vor. Noch imposanter: "Bone pipe", ein wahrer Horror-Hop, der ebenso Clipping. oder Death Grips Ehre machen würde und dem es über weite Strecken egal ist, ob das Gecrunche aus einer Gitarre oder einem Synthie stammt. Kann es auch sein, denn für solche nebensächlichen Fragen ist das Ganze tatsächlich viel zu gut.

Im Gegensatz zu den Menschen, die "Year two" bevölkern – oder auch nicht, da Doodseskader gründlich die Nase voll haben von ihnen. Siehe das gehässige "I ask with my mouth, I'll take with my fist", das allen Gewalttätern, Gierhälsen und sonstigen Mittelprächtigen krachend eins überbrät und dann in einen veitstanzenden Techno-Boogie ausartet. Der raumgreifende Shoegazer "Peine" oder das immerhin zur Hälfte defensive "Future perfect (A promise)" sind da schon wieder vergessen inmitten dieses großartig rabiaten Faustschlags von einem Album. Und wo Slipknot ein "People = shit" genügt, geben sich die Belgier abschließend in einem elektrifizierten Doom-Bolzen umso eloquenter: "People have poisoned my mind to a point where I can no longer function." Zwar meinen sie das gleiche – aber kämpfen mit offenem Visier. Wer braucht da noch Harmonie?

(Thomas Pilgrim)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen bei Amazon / JPC

Highlights

  • The sheer horror of the human condition
  • Bone pipe
  • I ask with my mouth, I'll take with my fist

Tracklist

  1. Pastel prison
  2. The sheer horror of the human condition
  3. Innocence (An offering)
  4. Bone pipe
  5. Peine
  6. Future perfect (A promise)
  7. Secrets make lonely
  8. I ask with my mouth, I'll take with my fist
  9. People have poisoned my mind to a point where I can no longer function

Gesamtspielzeit: 38:05 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 848

Registriert seit 22.10.2021

2024-03-19 11:53:35 Uhr
Der Zugang fällt mir nicht leicht, auch wenn ich genug Anknüpfungspunkte finde, um dranzubleiben. Ich mag, dass es so Depeche Mode-mäßige Verschnaufpausen gibt (Peine), und den Groove von zB Bone Pipe. Die Übersteuerung als Stilmittel und das Cover machen es aber nicht gerade zu einem Platten-Album für mich. :D

Gerade wer die aktuellen Code Orange mag, sollte hier mal reinhören.

kiste

Postings: 226

Registriert seit 26.08.2019

2024-03-19 09:29:43 Uhr
Ja von dem Cover stellen sich mir regelrecht die Nackenhaare auf.

Hierkannmanparken

Postings: 848

Registriert seit 22.10.2021

2024-03-18 15:41:54 Uhr
Vor allem schon mal der Gewinner in der Kategorie "Cover, die die Musik perfekt repräsentieren"

kiste

Postings: 226

Registriert seit 26.08.2019

2024-03-18 15:31:05 Uhr
Fein geschriebene Rezension! Das Album fetzt mir auf Anhieb und ist mein bisheriges Highlight dieses Jahr. Definitiv „Oouha.“

Hierkannmanparken

Postings: 848

Registriert seit 22.10.2021

2024-03-15 19:45:25 Uhr
Meinungsbildung läuft noch
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify