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Ministry - Hopiumforthemasses

Ministry- Hopiumforthemasses

Nuclear Blast / Rough Trade
VÖ: 01.03.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Bei allem Respekt

Zählt eigentlich noch jemand mit, wie oft Alain Jourgensen schon weg vom Fenster war? Sei es die in einer kreativen Sackgasse steckende musikalische Karriere, sei es der exzessive Alkohol- und Drogenkonsum, bei dem vermutlich selbst Lemmy, der Rock'n'Roll-Gott habe ihn selig, entsetzt den Kopf geschüttelt hätte – irgendwo gab es immer Anlässe, die bei vielen anderen Musikern das sichere Karriere-Ende bedeutet hätten. Auch das letzte Ministry-Album "Moral hygiene" ist seit 2021 eher weniger gut gealtert: Den allfälligen und berechtigten Tiraden gegen alles von Rechtsaußen stand mit der Wahl von Joe Biden zum Präsidenten ein kurzfristiger Lichtblick gegenüber, erst auf lange Sicht jedoch wurde die stilistische Unentschlossenheit immer deutlicher. Dennoch: Wer einst Meilensteine des Industrial Metal veröffentlichte, wer für Göttergaben wie "The mind is a terrible thing to taste" und natürlich "Psalm 69" verantwortlich zeichnet, verdient immer wieder eine neue Chance.

Und nach dem ersten Durchlauf, nach 42 Minuten brutalem Riff-Massaker, ist erstmal Durchpusten angesagt. Ist Jourgensen, sind Ministry wieder in der Spur? Zunächst einmal führt der Opener "B.D.E." mit seinem Titel schön aufs Glatteis, denn die hier erwähnte "Big dick energy" ist der erste Faustschlag ins Gesicht der Alt-Right-Honks, die wie mit den jüngsten Gesetzen vor allem in manchen Südstaaten vor allem durch Hass auf andere von sich reden machen. "Hating what you cannot have / Killing what you cannot be", faucht Jourgensen, und plötzlich ist zwischen all den Parolen wieder diese messerscharfe Beobachtungsgabe. Die sich mit "Goddamn white trash" nahtlos fortsetzt, nur dass hier – inspiriert von der letzten Tour mit Front Line Assembly und Gary Numan – ein wahnwitzig treibendes Riff dominiert und den Song direkt zurück in die große Ära der Band knüppelt.

Die Wut ist also nicht weniger geworden beim mittlerweile 65 Jahre alten Frontmann. Daher überrascht es nicht, wenn "Just stop oil" die drohende Klimakatastrophe anmahnt oder "Aryan embarassment" mit Hilfe von Gastsänger Jello Biafra schon fast verzweifelt fragt, wie es passieren konnte, dass rechtsradikales Gedankengut in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft angekommen ist. Doch insbesondere ersterer Song begeistert mit einem phänomenalen Gitarrensolo, während im weiteren Verlauf "TV song" – trotz identischen Titels keine Neufassung der "Jesus built my hotrod"-B-Seite – zum ultrabrutalen Massaker wird, jedoch nie zu einer Krachorgie verkommt, sondern erstaunlich strukturiert bleibt. "It's not pretty" bricht gleich komplett aus diesem Rahmen aus, schleppt sich im ersten Teil förmlich dahin, gestützt durch entfernt hallenden Gesang, bäumt sich gegen Ende noch einmal auf und schließt doch mit einem resignierten "This is the end of the world, you see".

Lange, sehr lange ist es Alain Jourgensen nicht mehr gelungen, seine Wut so zu kanalisieren wie mit "Hopiumforthemasses". Ob der zwischenzeitlich schwerst drogenkranke Frontmann endgültig clean ist, lässt er selbst in Interviews kokettierenderweise offen. Doch auch wenn von Altersmilde nicht die Rede sein kann, zeigt er sich erstaunlich experimentierfreudig wie bei "Cult of suffering", wo er Wladimir Putin als "Papa Tyrant" verhöhnt und den Blick auf die unterdrückte Opposition in Russland richtet. Und wenn das Album eigentlich auserzählt ist, haut Jourgensen noch einmal richtig einen raus: "Ricky's hand" heißt das Elektro-Getrümmer, stammt im Original von Fad Gadget aus dem Jahr 1980 und schlägt tatsächlich den Bogen ins Pleistozän der eigenen Diskographie. Stilistisch bleiben Ministry also auch mit "Hopiumforthemasses" herrlich gestrig, stellen dabei aber Möchtegern-Epigonen wie Electric Callboy wie Schuljungs in die Ecke und bleiben in ihrer Botschaft so relevant wie lange nicht. Und wenn man Jourgensen Ankündigung Glauben schenken kann, er habe sich mit seinem langjährigen Mitstreiter Paul Barker versöhnt und möchte zudem das Debütalbum "With sympathy" von 1983 neu aufnehmen, dann gibt es tatsächlich endlich wieder einmal zweierlei Grund zur Freude – nämlich über das aktuelle Werk und über das, was da noch kommen mag. Chapeau.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Goddamn white trash
  • Just stop oil
  • Ricky's hand

Tracklist

  1. B.D.E.
  2. Goddamn white trash
  3. Just stop oil
  4. Aryan embarassment
  5. TV song
  6. New religion
  7. It's not pretty
  8. Cult of suffering
  9. Ricky's hand

Gesamtspielzeit: 42:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Stulle

Postings: 6

Registriert seit 12.01.2023

2024-03-07 17:55:12 Uhr
Ja, kann man sich wieder geben. Da ich LARD so liebte, find ich ja immer die ein, zwei Stücke mit Jello Biafra saugut.
Die letzte Paul Barker aka. Lead Into Gold "The Sun Behind The Sun" ging auch sehr sehr gut! Wenn da wieder ne Zusammenarbeit ins Haus steht, freue ich mich doch.

VelvetCell

Postings: 7069

Registriert seit 14.06.2013

2024-03-07 10:07:38 Uhr
Hui – das klingt ja nach classic Ministry, ohne dabei angestaubt zu wirken. Gute Spätform, Herr Jourgensen!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26928

Registriert seit 08.01.2012

2024-03-06 21:02:36 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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