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Kim Gordon - The collective

Kim Gordon- The collective

Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 08.03.2024

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Skelette im Schrank

"I don't see myself as a rock star. I don't see myself in that way. I'm interested in work that offers some sort of critical dialogue." Das sagt Kim Gordon in ihrer Autobiografie "Girl in a band". Und nichts als "critical dialogue" soll es von der inzwischen 70-Jährigen nun geben, noch und nöcher, während Rockstars – oder "idols" – ohnehin schon lange von Sonic Youth getötet und irgendwo im Sand verscharrt worden sind. Sortierte sich Gordons Solo-Debüt "No home record" noch halbwegs zwischen den verblichenen New Yorker Indie-Legenden und dem Avantgarde-Stinkefinger von Body/Head ein und ließ ein gesundes Maß an Melodien zu, kommt auf "The collective" nun wieder vieles anders. Es wird finster, es wird stumpf – es werde Trap. Die Vorab-Single "Bye bye" ist die vielleicht unheilvollste Einkaufsliste aller Zeiten. Durch das Video irrlichtert Coco Gordon Moore, die ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich sieht, produziert hat wieder Justin Raisen, der durch seine Kollabos mit Charli XCX oder Yves Tumor bekannt geworden ist. Tatsächlich eine echte Teamleistung also – auch wenn Gordon klarer Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist.

Denn ihre Stimme und ihr harscher Spoken-Word-Tonfall sind keinen Tag gealtert und klingen wie eh und je. Neu ist das musikalische Fundament. Würde die bloße Vertrautheit mit Gordons Duktus nämlich beinahe so etwas wie heimelige Gemütlichkeit erzeugen, grätschen die fiesen Beats, schrillen Synths und bedrohlichen Bässe von "The collective" jäh dazwischen und drücken allem einen eindeutigen "Uneasy listening"-Stempel auf. Mit aller Gewalt. Dazu muss solches Störfeuer nicht einmal dick aufgetragen sein: Aufs Minimalste reduziert wie in "The candy house" oder dem verschlafenen "Shelf warmer" entfaltet das Konzept nämlich genauso seine beunruhigende Wirkung. Der Großteil von "The collective" ist derart roh und nackt, gönnt sich jedoch faszinierend-irritierende Details – "Bye bye" zum Beispiel das Geräusch, wenn sich die Schranke am Bahnübergang senkt. Und in "Psychedelic orgasm", das vom – was auch sonst? – wöchentlichen Kartoffeleinkauf handelt, baut Gordon sogar eine durch trancigstes Autotune verstümmelte Zeile ein, die noch am ehesten als so etwas wie ein Refrain durchgeht.

Bei allem Spaß an Glitch und Provokation präsentiert sich "Tree house" zwischendurch als beinahe konventionelle, Feedback-getränkte Noise-Installation. Generell dürfen die Sechssaiter zum Ende hin ein wenig prominenter antreten. "The believers" geht die Sache am brachialsten an, verzückt mit verspieltem Drumcomputer und der größten Schippe Aggression des Albums, verwandelt sich in der Mitte aber schließlich doch in keuchenden TripHop. Im ebenso klaren Highlight "I'm a man" kombinieren Gordon und Raisen Bohrmaschinen-Sounds und einen cleveren Text darüber, wie auch der Begriff "Männlichkeit" schlussendlich nur ein nie eindeutig definierbares Spektrum abbildet. Bockstark! Drum herum fallen "I don't miss my mind" mit seinem HipHop-Feel und die mit Stöhnen und Shouts ausgestattete Industrial-Keule "Trophies" dagegen merklich ab.

Stücke wie "It's dark inside" zeigen sich gänzlich unberechenbar: Jenes ballert No-Wave-Nicht-Akkorde raus wie Trümmerbrüche, skandiert mittendrin "Pussy, pussy, pussy!", endet auf einem von allem unnötigen Schnickschnack befreiten Basslauf. Und steht relativ stellvertretend für das ganze Album. Kunstkacke? Mitnichten, aber eben auch keine Unterhaltungsmusik. So langweilt man sich bei "The collective" die meiste Zeit zwar nicht, muss aber schon bewusst nach den greifbaren Flächen und angenehmeren Momenten suchen. Vor allem das Tempo und ihren stimmlichen Vortrag variiert Gordon auf lange Sicht kaum, nachdem sie es auf "No home record" noch vielseitiger und bunter anging. Bei aller Heldinnenverehrung und Ehrfurcht ob des indiskutablen Legendenstatus seiner Schöpferin sollte man ihr Solo-Zweitwerk insgesamt also auch als das bezeichnen, was es ist: monoton und am Ende ermüdend.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • I'm a man
  • The believers

Tracklist

  1. Bye bye
  2. The candy house
  3. I don't miss my mind
  4. I'm a man
  5. Trophies
  6. It's dark inside
  7. Psychedelic orgasm
  8. Tree house
  9. Shelf warmer
  10. The believers
  11. Dream dollars

Gesamtspielzeit: 40:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Lucas mit K

Postings: 645

Registriert seit 19.07.2024

2026-02-19 07:23:32 Uhr
„Dirty Tech“ und „Not Today“ gehen gut rein. Die Vorabsongs zum letzten Album hatten mich irgendwie abgeschreckt, sodass ich das Album dann gar nicht gehört habe. Dem neuen werde ich eine Chance geben.

saihttam

Postings: 3020

Registriert seit 15.06.2013

2026-02-18 23:40:21 Uhr
Das klingt ganz toll! Danke fürs Teilen! :)

myx

Postings: 6644

Registriert seit 16.10.2016

2026-02-18 21:31:47 Uhr
@saihttam: Super war's! Die Musik ähnlich stark wie auf dem Album und damit beeindruckend, dazu der Auftritt der Band von einer ungewöhnlichen, fast schon aufreizenden Coolness. Wir standen ganz vorne an der Bühne und haben die elektrisierende Atmosphäre voll in uns aufgesogen. Also nur gute Erinnerungen an diesen Abend in der Muffathalle in München. ;)

saihttam

Postings: 3020

Registriert seit 15.06.2013

2026-02-18 00:11:28 Uhr
Hab mich jetzt auch endlich mal rangetraut. Faszinierendes Album! Dälek kamen mir auch direkt in den Sinn, die hier auf der ersten Seite irgendwo genannt wurden. Unglaublich dichte Klanglandschaften, in denen es sehr viel zu entdecken zu geben scheint, wenn man erst mal durch das Grau hindurch taucht. Nach Psychedelic Orgasm und Tree House hat es mich jetzt komplett erwischt.
Weiß gar nicht, warum weiter vorne im Thread so viel auf ihrer Stimme herumgeritten wird? Weil sie eine Frau ist und schön singen muss? Das ist doch in dem Genre komplett handelsüblicher Sprechgesang. Absolut passend zur Musik und in keiner Weise irgendwie unangenehm oder negativ herausstechend, sondern mit einer sehr einnehmenden Präsenz. Wenn es ein Mann wäre würde vermutlich nie jemand was gesagt haben, meine These!

myx, wie war es denn nun beim Konzert? Du hast ja gar nichts mehr dazu geschrieben?

MickHead

Postings: 14372

Registriert seit 21.01.2024

2025-06-13 21:26:21 Uhr
Neuer Song "BYE BYE 25" (A Remake von Bye Bye vom Album)

https://youtu.be/TkyuLs3GHmA?si=rFAZSBZ3P8av8gHM
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