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Kali Malone - All life long

Kali Malone- All life long

Ideologic Organ / Cargo
VÖ: 09.02.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Bitte profanieren Sie

Eine Profanierung ist das Gegenteil einer Weihe. Anstatt einen Menschen, ein ordinäres Gebäude oder einen Gegenstand heiligzusprechen, wird ihm genau diese Heiligkeit wieder entzogen. Dass ein solcher Akt Vorwand für puren Hass sein kann, musste Kali Malone am eigenen Leib erfahren, als sie eines ihrer Kirchenkonzerte in Frankreich aufgrund von Gewaltandrohungen ultrarechter Idioten absagen musste. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben deutet die Profanierung dahingegen auf positive Weise um: Durch den Kontakt mit dem Gewöhnlichen werden religiös vereinnahmte Aspekte wieder dem freien Gebrauch zugeführt. Es sind passenderweise Agambens Worte, die der von Etienne Ferchaud dirigierte Macadam-Chor in "Passage through the spheres" singt: einem von Sopran-, Tenor- und Baritonstimmen durchsetzten Gesangsstück, das seine Gottesdienst-Anmutung in einen nicht-sakralen Kontext verschiebt und Malones sechstes Studioalbum "All life long" eröffnet.

Kali Malones Musik ist das Gegenteil von Pop. Die in Stockholm ausgebildete US-amerikanische Komponistin machte mit minimalistischen Orgelstücken auf sich aufmerksam, ehe sie sich anderen Instrumenten und Drone-Experimenten öffnete, unter anderem unterstützt von ihrem Ehemann, dem Sunn-O)))-Gitarristen Stephen O'Malley. "All life long" geht nicht nur in der Laufzeit reduzierter als sein dreistündiger Vorgänger "Does spring hide its joy" zu Werke, fordert an konventionelle Songstrukturen gewohnte Ohren jedoch noch immer heraus. Die zwölf Kompositionen werden wahlweise von Malone und O'Malley an der Orgel, dem besagten Macadam-Chor oder dem New Yorker Bläser-Quintett Anima Brass aufgeführt und verschreiben sich weiterhin den Gesetzen des Drone. "Fastened maze" hält über elf Minuten endlos lange Töne und verschwindet im dichten Schneefall, die Repetition eines Choralstücks wie "Slow of faith" kann im falschen Moment auch auf die Nerven gehen. Doch nicht nur, weil es kleine Auflockerungen wie das leicht jazzige "Flight formation" gibt, schenkt die Platte einem aufgeschlossenen Publikum ein tief im Körper spürbares Sinneserlebnis.

Was "All life long" nämlich ausdrücklich nicht vermittelt, ist das Gegenteil von Emotionen. Wer diese Musik als akademische Geräuschkunst abtut, verkennt ihre Macht, auf archaischer Gefühlsebene mit den Hörer*innen zu kommunizieren. Ein seltsamer Schleier aus Trauer und Trost tropft aus "Prisoned on watery shore", während die Überreste eines Triumphmarschs in den Crescendi von "Retrograde canon" nachhallen. Noch mehr wortlose Hoffnung und Wärme artikuliert nur das passend betitelte "Moving forward", das auf die greifbarste Melodie des Albums baut. "The unification of inner & outer life" strebt nach einem sinngebenden Abschluss für die zuvor vergangenen 70 Minuten, doch es bleibt ein offenes, mysteriöses Ende, dessen langsame Tastenbewegungen sich nicht in die Karten schauen lassen.

In einem Guardian-Interview erzählte Malone, wie sie mal euphorisch mit einem Aufnahmegerät nach draußen stürmte, als sie den faszinierenden Klang von fünf gleichzeitig dröhnenden Laubbläsern vernahm. Solche kakophonischen Zuspitzungen muss auf "All life long" niemand befürchten – wenn das dreimal so lange Orgel-Reprise des kurzen Bläser-Klagelieds "No sun to burn" in einem über dreiminütigen Drone kulminiert, lässt sich die hypnotische Wirkung einer bewusstseinserweiternden akustischen Erfahrung jedoch auch nachvollziehen. Nicht nur dieses Stück taucht in zwei Varianten auf. Unter der leicht dissonanten, Grabesstimmung evozierenden Orgel-Version des Titeltracks meint man, den Puls der Erde zu fühlen, bevor dessen Chor-Interpretation ein Gedicht des Walisers Arthur Symons rezitiert: "O water, voice of my heart, crying in the sand / All night long crying with a mournful cry / As I lie and listen, and cannot understand / The voice in my heart in my side or the voice of the sea." Kommen die Geräusche, die man hört, wirklich von außen, oder sind sie noch das Echo des eigenen Herzens? Eine Frage, die sich auch nach dem bewussten Erleben von Kali Malones Musik nicht mit Sicherheit beantworten lässt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • All life long (For organ)
  • No sun to burn (For organ)
  • Moving forward

Tracklist

  1. Passage through the spheres
  2. All life long (For organ)
  3. No sun to burn (For brass)
  4. Prisoned on watery shore
  5. Retrograde canon
  6. Slow of faith
  7. Fastened maze
  8. No sun to burn (For organ)
  9. All life long (For voice)
  10. Moving forward
  11. Flight formation
  12. The unification of inner & outer life

Gesamtspielzeit: 78:13 min.

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Armin

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2024-02-28 20:54:39 Uhr - Newsbeitrag
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