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Jazmin Bean - Traumatic livelihood

Jazmin Bean- Traumatic livelihood

Island / Universal
VÖ: 23.02.2024

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Alice im Wundenland

Jasmine Adams hat im Alter von 21 Jahren schon viel erlebt. Und praktisch nichts davon war schön. Bis auf die Musik, die der nonbinären, auch für extreme Make-Up-Styles bekannten Künstler*in half, mit schrecklichen Erlebnissen klarzukommen. So flog Adams alias Jazmin Bean mit 14 rund um den Globus – auf Geheiß toxischer Männer, die sich gerne an Minderjährigen vergehen. Da bekommt der Titel der 2020er-EP "Worldwide torture" einen noch furchtbareren Beigeschmack, als Songs wie "Super slaughter" oder "I'm a slave 4 u" ohnehin vermittelten. Nach überstandenem Ketamin-Entzug nun das erste Album, dessen Titel ebenso wenig Gutes erahnen lässt – obwohl Beans Outfit inzwischen versöhnlicher wirkt als das frühere Erscheinungsbild zwischen kindlichem Horrorclown, Chucky der Mörder*innenpuppe und Extremfall-Anime. Und die neuen Songs?

Die hat Bean gegenüber der ersten Veröffentlichung gründlich entrümpelt. Zunächst im Kopf während der Therapie, wo alle für "Traumatic livelihood" vorgesehenen Skizzen dran glauben mussten, dann im Studio – zum Großteil mit dem an Kylie Minogue, Massive Attack oder Yungblud erprobten Produzenten Matt Schwartz. Was mehr oder weniger gleichbedeutend ist mit: Trap-Metal und Hyperpop raus, hymnischer Alternative Rock und Mainstream-Appeal rein. Wie passt es also zusammen, dass sich Bean nicht als bedauernswertes (Drogen-)Opfer inszenieren, sondern vielmehr die eigene Stärke feiern will – gleichzeitig aber weitgehend auf holzfällende Mosh-Brecher wie das "Worldwide torture"-Titelstück oder den patzigen Knarz-Hop von "Monster truck" verzichtet? Neue Milde samt Fummel von Alice im Wunden-Land und Lämmchen auf dem Cover?

So billig kommen die alten Widersacher auf "Traumatic livelihood" nicht davon – vor allem nicht im rau tempowechselnden Rocker "Piggie", wo Blink-182s Travis Barker am Mischpult Druck macht. Bean entlarvt dort einen Cyber-groomenden Übeltäter mit "Your life's fucking cold, young girls keep you warm", nachdem es zum Auftakt im verträumt die Arme Richtung Stadion ausbreitenden Titelstück selbstbewusst "I can get over anything in this fucking world" hieß. Gerade eingangs ist jedoch auch Selbstkasteiung öfter ein Thema – etwa im von wunderbar strahlenden Keyboards durchfluteten "Favourite toy" oder beim reizenden Power-Pop von "Is this it". Gediegener treiben es die ähnlich bitteren Rückblenden "You know what you've done" und "Shit show", addieren aber auch eine synthetische Streicher-Klebrigkeit, die wie zu viel Süßkram schnell an den Zähnen zieht.

Und so bleibt hier einiges von einer bisher ziemlich bedrückenden Biografie zurück. Im maßvollen "Fish" die Erinnerung an die Jagd nach dem nächsten High und das lähmende Gefühl der Prokrastination, bei der gravitätischen Ballade "Black dress" die Trauer um die Junkie-Freunde, die es nicht geschafft haben. Stets illustriert von mühsam im Zaum gehaltenen Gitarren und großangelegten, schmeichelnd bis aufgebracht gesungenen Refrains, die diesem Album meist ihren Stempel aufdrücken. Mehr Luft zum Atmen lassen der aufgeräumte Indie-Folker "Charm bracelet" oder "Bitch with the gun", das höchstens halb so wütend um sich schießt, wie es sich liest. Zum Schluss düngt "The blood brings colour and fluoresce" sogar die Blümchen im Garten mit sämtlichen Leichen im Keller – hoffentlich nur im übertragenen Sinne. Trotzdem Vorsicht: Jazmin Bean ist unfuckwithable.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Traumatic livelihood
  • Favourite toy
  • Is this it
  • Charm bracelet

Tracklist

  1. Traumatic livelihood
  2. Piggie
  3. Favourite toy
  4. Terrified
  5. Is this it
  6. You know what you've done
  7. Shit show
  8. Fish
  9. Black dress
  10. Best junkie you adore
  11. Stockholm butterfly
  12. Charm bracelet
  13. Bitch with the gun
  14. The blood brings colour and fluoresce

Gesamtspielzeit: 46:04 min.

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Armin

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2024-02-28 20:52:27 Uhr - Newsbeitrag
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