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Sperling - Menschen wie mir verzeiht man die Welt oder hasst sie

Sperling- Menschen wie mir verzeiht man die Welt oder hasst sie

Uncle M / Rough Trade
VÖ: 23.02.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kummer und Sorgen

Wer nicht mindestens einen kleinen Hang zur Selbstgeißelung hat, wird wahrscheinlich nichts mit Sperling anfangen können. Nicht, weil die Musik des Hunsrücker Quartetts so schlecht wäre, dass man sich die Ohren kaputthört. Im Gegenteil hat auch ihr zweites Album "Menschen wie mir verzeiht man die Welt oder hasst sie" eine Menge zu bieten. Allerdings ist es schon ein Trauerkloß, den Sperling servieren. Wer schon mal mit depressiven Episoden oder handfesten Depressionen dealen musste, bekommt hier deshalb eine fette Triggerwarnung zu lesen.

Emotional, groß und dramatisch gedacht kann die Mischung aus Hardcore, Pop und Rap-Parts aber auch etwas Kathartisches haben – denn Sänger Jojo scheint zu wissen, wovon er schreibt, singt und rappt. Schon der riesige Opener "Meer" wird immer wieder erdrückt und überwältigt von drängenden Gitarren, aber kämpft von der ersten Sekunde gegen die Strömung an und schmeißt nach nicht einmal einer Minute einen epischen Refrain gegen die Wellen. Dass dann ausgerechnet Joel Quartuccio von Being As An Ocean einen Part in den Sturm shoutet, wirkt zwar nach Zaunpfahl, macht den Song aber zum wahrscheinlich härtesten Banger, den Sperling bis jetzt rausgebracht haben. Etwas ruhiger und mit klarer Pop-Melodie im Refrain geht es in "100 Tonnen Kummer" um Social Anxiety und unfreiwillige Isolation. Aber Sperling verurteilen das nicht, sondern sagen deutlich, dass sie das auch kennen. Man kann sich verstanden fühlen: "Wer nicht mitspielt, der verliert auch nicht."

Schwerer zu ertragen sind Momente wie das leise dramatische "November", dass sich drumlos am Klavier die ewig kreisenden Fragen der Depression stellt: "Wieso fühl ich mich alleine so wertlos und bei anderen so fremd?" Und auch das überraschend tanzbare "Wach" kann sich nur einen kurzen Moment die Gedanken aus dem Kopf stampfen, bevor es schon in der Nacht, im Moment selbst, Zweifel an dessen Ausgang bekommt. Immer mit dabei ist auch die Wut über diese Gefühle, denn niemand fühlt sich gerne so. Der große Brecher "Verlieren" lässt diesen Ärger als Forderung raus: "Ich will mich nur einmal nicht mehr scheiße fühlen!"

Ein fast utopisch anmutender Wunsch, wie "Die kleine Angst" deutlich macht. Streicher – die sich auf dem Album vielerorts finden lassen – eröffnen einen von Anfang an auf Epik ausgelegten Song, den Mario Radetzky von Blackout Problems erst leise in der Strophe und dann ganz groß im Refrain komplettieren darf: "Die kleine Angst war nie größer als jetzt / sitzt mir im Nacken, wo sie mich nicht verlässt." Auch wenn sie selbst diesen Vergleich vielleicht nicht mehr hören können, denkt man immer wieder dran, dass das alles auch Casper in einem Paralleluniversum sein könnte, wenn er seiner Metalcoreband mehr Zeit gewidmet hätte als seiner Rap-Karriere – durchaus als Kompliment gemeint. Die Sprache auf "Menschen wie mir verzeiht man die Welt oder hasst sie" mag zwar manchmal ob ihrer Einfachheit banal wirken, wird aber nie verdächtig, nicht aus vollem Herzen zu kommen. Und manchmal darf es auch dramatisch-kitschig sein: Wer in den Gitarrenmeeren von Sperling abtauchen möchte, der kann sich guten Gewissens in die emotionale Posthardcore-Flut werfen.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Meer (feat. Joel Quartuccio)
  • Die kleine Angst (feat. Mario Radetzky)
  • Verlieren

Tracklist

  1. Meer (feat. Joel Quartuccio)
  2. 100 Tonnen Kummer
  3. November
  4. Die kleine Angst (feat. Mario Radetzky)
  5. Wach
  6. Dünner als Papier
  7. Verlieren
  8. Fallen
  9. Frost
  10. Luft
  11. Die Welt ist schuld

Gesamtspielzeit: 35:48 min.

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Armin

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2024-02-28 20:55:02 Uhr - Newsbeitrag
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