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Haunted By The Remote - Tropic of pisces

Haunted By The Remote- Tropic of pisces

Kruse Kontrol Digital
VÖ: 01.12.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Zeig mir den Weg nach unten

Eine Bauruine. Irgendwo, wo Du noch nie warst. Du irrst durch leere Flure, dazu läuft der Opener "Enter tropic". Gitarrenpickings und Basslinien drehen sich bei niedrigem Tempo auf einem hochflorigen Rausch- und Fuzz-Teppich unisono im Kreis. Was ist das hier? Du biegst um eine Ecke, da steht ein Aufzug mit offener Tür. Wider besseres Wissen steigst Du ein.

Der zweite Song "Spacetravel" ist der Soundtrack für eine knapp fünf Minuten lange Aufzugfahrt bei flackerndem Neonlicht, die nur eine Richtung kennt: abwärts. Simple Melodielinien, mehrfach gedoppelte und weit in den Hintergrund gemischte Gesangsfetzen. Ein Schlagzeug, das schleppend und treibend zugleich spielt. Malträtierte Gitarrenverstärker (Tritt in die Hallspirale) und Kinderglockenspiel. Es wird lauter, dichter, bedrohlicher. Die Aufzugtür geht wieder auf.

Und nun tapst Du unsicher auf einem sumpfig-feuchten Rundweg durch eine funzelig illuminierte Unterwelt, die aus den nächsten vier Stücken besteht – und in der eigentlich nichts zusammenzupassen scheint. Gitarren und Bass rumpeln und eiern wie zu besten My-Bloody-Valentine-Zeiten, Melodiefetzen und Tonleiterfragmente torkeln mal auf-, mal abwärts, das Schlagzeug ist zugleich dumpf und perkussiv: Modest Mouse lassen – aus sicherer Entfernung – sehr herzlich grüßen. Auf Deinem Rundgang ist nichts, wie es scheint. Im Track "Lines" heißt es: "There's a line from your heart to mine / My life shines in a different light / Since the day you stepped into my life." Ist das ein zuckersüßes Liebeslied? Nein, der Bass mumpft und wabert, die Gitarrenpickings haben endlosen Hall. Der Gesang ist weder freundlich noch liebevoll. Krasse E-Drums brettern im letzten Songdrittel kreuz und quer und mit reichlich Delay durch das Stereopanorama wie vergiftete Schmetterlinge. Nein, das ist kein Liebeslied. Der, der da singt, er hat ein Messer in der Hand, das er Dir jederzeit in den Rücken rammen könnte. Und so klingt dann auch das nachfolgende Instrumental "E.liz.a": wie ein Verblutender, der sich langsam durch einen endlosen Gang schleppt.

Beim Track "Clouds" bist Du in der finstersten Ecke der Unterwelt angekommen. Alles ist noch dunkler, massiver, verhallter, noisiger. Der Gesang verschmilzt völlig mit dem Hintergrund, es fiept und klingelt, es zerrt und wabert wie bei Sonic Youth, die Gitarrenamps sind noch weiter aufgerissen, der Tonhöhenregler noch weiter nach links gedreht. Dichter Nebel. Wird das gut enden? Wird es. Gut, dass der vorletzte Track "Clear" dann schon wieder so etwas wie eine Songstruktur hat. Alles wird wieder leichter, verständlicher, klarer. Ist da vorne etwa wieder die Aufzugtür? Ja, da ist sie. Über ihr prangt ein Schriftzug: "City / Exit tropic", das letzte Stück. Es ist das schnellste und treibendste von allen, es gleitet, es flutscht, der Aufzug rattert hoch.

Während der Fahrt denkst Du nach: Was habe ich da gerade erlebt? Shoegaze mit Schmackes! Die Grazer Formation spielt gekonnt mit genretypischen Stilelementen (Repetition, weite und tiefe Klangflächen, hoch aufgeschichtete Wall of Sound). Aber, und das ist das Besondere: Es wird zu keiner Zeit langweilig. Immer wieder kommt eine unerwartete Akkordfolge um die Ecke, ein merkwürdiger Sound oder auch ein Aussetzen einzelner Instrumente. Das Ergebnis ist dicht und konzise, übrigens auch tontechnisch überzeugend.

Oben geht die Tür auf. Der Aufzug hat's nicht mehr ganz auf Normal-Null geschafft, da ist noch eine kleine Stufe. Deine Seele verkehrt ab sofort in umgekehrter Wagenreihung. Muss ja nicht schlecht sein.

(Jochen Reinecke)

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Highlights

  • Spacetravel
  • Lines
  • Clouds

Tracklist

  1. Enter tropic
  2. Spacetravel
  3. Atmosphere
  4. Lines
  5. E.liz.a
  6. Clouds
  7. Clear
  8. City/Exit tropic

Gesamtspielzeit: 31:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

myx

Postings: 4594

Registriert seit 16.10.2016

2024-02-02 20:08:08 Uhr
@Jochen Reinecke:
Mich freut's, dass ich das Album hier bei Plattentests entdecken konnte.

@Hierkannmanparken:
Geht auf das Konto dieser spannenden Musik aus Graz. ;-)

kingsuede

Postings: 4044

Registriert seit 15.05.2013

2024-02-02 19:55:56 Uhr
Klingt vielversprechend!

Hierkannmanparken

Postings: 678

Registriert seit 22.10.2021

2024-02-02 17:22:30 Uhr
Damn, myx, krasse Verbalisierung deines Höreindrucks!

Die Rezi hat mir auch sehr gefallen. Ich mag, wie man so bildlich durch das Album wie durch ein Haunted House geführt wird. Freu mich schon, das Album zu hören.

Den Bandnamen kann ich leider nicht ernstnehmen. Von der Fernbedienung heimgesucht :D

Jochen Reinecke

Postings: 3

Registriert seit 22.12.2023

2024-02-02 13:57:51 Uhr
Hallo Myx, schön gesagt, ja. Freut mich, wenn es gefallen hat.

myx

Postings: 4594

Registriert seit 16.10.2016

2024-02-01 21:48:38 Uhr
So, Ende des Albums erreicht. Ich schildere einfach mal meine ersten Gedanken und Eindrücke: Da ist eine schräge, bedrohlich klingende Krawallerie am Werk, aber stets zurückgenommen und entspannt, da will einem also wohl niemand was Böses. Manchmal spüre ich sogar eine gewisse Zagheit heraus, als hätten sie ein wenig Angst vor der eigenen Courage, das musikalische Rad bewusst so unrund rollen zu lassen. Hat mir insgesamt gut gefallen, das Verquere fasziniert und lüftet den Hörkortex durch, ohne aber auf die Nerven zu gehen. Wird sicher nicht bei einem Durchgang bleiben.
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