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Torres - What an enormous room

Torres- What an enormous room

Merge / Cargo
VÖ: 26.01.2024

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Hunger endet nie

Torres ist eine überzeugte Künstlerin. Das schreibt Julien Baker bewundernd über ihre Kollegin, das weiß aber sowieso jeder Mensch, der schon einmal gehört hat, wie selbstbewusst Mackenzie Scott unterschiedliche Stile wie Folk, Grunge oder New Wave zu ihrem ganz eigenen Art-Pop verwebt – giftspuckende Waschzettel-Statements à la "Fuck the music industry!" tun in dieser Hinsicht ihr Übriges. Und doch wirkt Scotts sechstes Album "What an enormous room" ein wenig so, als würde sich die US-Amerikanerin zurückhalten. Nachdem das famose "Thirstier" die Genrevielfalt auf die Spitze trieb und zu besonders griffigen Hits formte, scheinen die Songs seines Nachfolgers konstant Spannung aufbauen zu wollen, ohne diese aufzulösen. Das irritiert jedoch nur solange, bis man das ästhetische Prinzip dahinter begreift und sich von der speziellen Aura einnehmen lässt, die Torres' Musik auch mit weniger klaren Hooks und Ausbrüchen erzeugen kann.

So verdichtet auch der Albumtitel mehr Bedeutungen, als man auf den ersten Blick vermutet. "What an enormous room / Look at all the dancing I can do", wiederholt Scott als Spoken-Word-Mantra immer wieder in "Jerk into joy", das zu Feedback-Bett, gedämpftem Beat und melancholischem Piano den eingängigsten Refrain der Platte ins Ohr wurmt. Doch der große Raum ist nicht nur zum Tanzen da, Scott stapelt hier neben verschiedenen Einflüssen auch eine differenzierte Emotionspalette auf, die den strahlenden Optimismus des Vorgängers zwar nicht auslöscht, aber in die Ecken verdrängt. In einem Moment flutet das Licht noch die Wände, im nächsten hängen die Jalousien so tief, als würde es nie wieder Tag werden. Torres ist dabei nie an Grenzsprengung interessiert, sie hält alle Türen und Fenster verschlossen, um ihre Gedanken und Gefühle aneinanderzureiben und so den Druck hochzuzüchten, der dem Album seine Kontur gibt.

Die teils pompöse Geste von "Thirstier" steckt das eröffnende "Happy man's shoes" gleich in den Eisschrank. Unter verzerrten Glitzerschleiern und pumpendem Bass mimt Scott eine mysteriöse, an Haley Fohrs Alter Ego Jackie Lynn erinnernde Disco-Queen und lässt das Glücksversprechen des Titels im Vagen verschwinden. Das nicht einmal zweiminütige "Life as we don't know it" vollzieht als in der Garage zusammengeschraubter Indie-Rock die instrumentale 180-Grad-Wende und stolpert direkt in "I got the fear" hinein, das seine Akustische teils mit der geschlossenen Faust bearbeitet, während ein klagevoller Synth-Ton im Hintergrund dröhnt. Letztgenannter Track steht exemplarisch für Torres' Kunst, auch ohne große Progression im Songwriting mit feinfühligen Melodien und vielschichtigen Soundbildern bei der Stange zu halten. Ironischerweise zündet gerade die ausnahmsweise doch nach Dynamik strebende Lead-Single "Collect" am wenigsten, weil sie ihre lauten und leisen Parts eher schwerfällig verschachtelt.

Den einnehmendsten Strudel entwickelt das sechsminütige "Artificial limits", in dem nach Ambient-artigem Beginn Tasten und Saiten die Nebelmaschine anschmeißen, bis die Stickigkeit unter jede Hautpore gedrungen ist. "Anything could happen now", singt Scott da und man glaubt ihr jedes Wort. In "Forever home" hüpft sie so elegant über den fidelen Rhythmus samt Gitarren-Geheul, dass das Verpassen der naheliegenden Refrain-Explosion wie ein Geniestreich erscheint. "Songbird forever" beendet das Album freiförmig und minimalistisch, Vogelgezwitscher und Gesangsfragmente kreisen um das mitten im "enormous room" aufgestellte Piano, das wie der einsamste Ort des Universums klingt. Dass Torres' Musik nun eine weniger offensive Gestalt annimmt, bedeutet eben keineswegs, dass ihr künstlerischer Hunger gestillt ist – sondern errichtet bloß das nächste Monument einer absoluten Überzeugung.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Artificial limits
  • Jerk into joy
  • Forever home

Tracklist

  1. Happy man's shoes
  2. Life as we don't know it
  3. I got the fear
  4. Wake to flowers
  5. Ugly mystery
  6. Collect
  7. Artificial limits
  8. Jerk into joy
  9. Forever home
  10. Songbird forever

Gesamtspielzeit: 35:46 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Arne L.

Postings: 865

Registriert seit 27.09.2021

2024-03-26 09:26:09 Uhr
Ach spannend, weil du gerade den ja nicht besonders fandest. Aber so ist das halt manchmal. Habe bei ihr leider immer dieses Gefühl "die sollte ich viel häufiger hören" und am Ende tue ich es doch irgendwie nicht.

fakeboy

Postings: 4892

Registriert seit 21.08.2019

2024-03-26 07:38:48 Uhr
Collect hat bei mir entgegen meiner Erwartungen enorm zugelegt. Dieses stoisch-stampfende Element hat sich nachhaltig in meine Seele reingebohrt. Ja, sie hat einen Nerv gehittet! Bin sehr angetan vom Album. Es ist anders als der Vorgänger aber fast genau so gut. Mind. 8/10 mit Tendenz nach oben.

Arne L.

Postings: 865

Registriert seit 27.09.2021

2024-03-26 00:16:44 Uhr
Finde "Collect" immer noch einen absoluten Kracher und ein Highlight des Albums. Drumloop schön stumpf, Bassline stoisch und dann so richtig schön provokant "Did I hit a nerve?". Bin aber auch ein Sucker für so stampfende 1-2-Rhythmen.

saihttam

Postings: 2407

Registriert seit 15.06.2013

2024-01-29 22:24:45 Uhr
Das hier scheint vom Sound wieder deutlich näher an Three Futures zu sein, was ich erst mal sehr gut finde. Schließlich ist das für mich ihr bestes Album. Ich bin also gespannt, wo die Reise mit diesem Album hingeht. Thirstier hat mir leider nicht so viel gegeben, wie vielen hier.

Randwer

Postings: 2847

Registriert seit 14.05.2014

2024-01-26 17:36:42 Uhr
Torres werde ich mir auf jeden Fall zulegen, auch wenn Radiohead ansonsten nicht so meins ist.
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