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Thomas Wenzel - Klaustrophobische Freiheit

Thomas Wenzel- Klaustrophobische Freiheit

Major / Misitunes / Broken Silence
VÖ: 03.11.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Entenflüsterer

Thomas Wenzel hat so einen Bart. Also in echt jetzt. Das war nicht immer so: Als langjähriges Mitglied von Die Sterne und als Multiinstrumentalist bei Die Goldenen Zitronen unter dem Pseudonym Julius Block fiel und fällt er eher durch seinen fokussierten Blick und seine eher unscheinbare Physiognomie auf. Beziehungsweise nicht auf. Doch zuletzt beliebte der Norddeutsche nicht nur in puncto Gesichtsbehaarung zu experimentieren, sondern auch musikalisch. Zum Beispiel als elektronischer Begleiter der "Der Mann, der mit der Luft schimpft"-Lesungen von Kollege Jens Rachut, der auf dem ersten Soloalbum von Wenzels Karriere für fast alle Texte verantwortlich zeichnet. Nach über 30 Jahren Diskurs-Pop, Hamburger Schule, Avantgarde-Punk und Alternative Country gibt es also allerlei zu verarbeiten und rundzumachen. Und manchmal geht "Klaustrophobische Freiheit" sogar noch weiter zurück.

Oder in die Zukunft – wie man's nimmt. "Der Kutscher", im gleichnamigen Opener von einer allmächtigen Instanz aus dem 18. Jahrhundert ins Heute versetzt, kommt sich in Hamburg-Mitte samt abgeranzter Kleidung und klapprigem Gefährt jedenfalls ähnlich verloren vor wie die auf dem Mond gestrandeten Vierbeiner vom Cover: "Er fiel natürlich auf / Durch Geruch und seine Klamotten / Die Kutsche parkte scheiße / Sie wurde abgeschleppt." Dazu humpeln die Percussions, klimpert die Wandergitarre und flüstert eine ramponierte Orgel – als würde Helge Schneider wehmütig eins der verhinderten Seemannslieder von Lars Rudolphs zu Unrecht längst vergessenem Bizarr-Trio Ich Schwitze Nie interpretieren. Herzerwärmende Schrägheit in der kalten Jahreszeit und ein toller Einstieg in ein vorzügliches Debüt, auf dem dank Wenzels Vielseitigkeit so einiges möglich ist.

Von solchen windschiefen Elegien über vergleichsweise gemütliches Folk-Gerumpel bis hin zu den abgesägten Elektro-Pop-Ruinen, derer sich auch Die Goldenen Zitronen mittlerweile oft bedienen. Eine davon heißt "Märchenonkel" und ist nicht etwa ein aktualisiertes "Gevatter Böhm erzählt", sondern eine minimalistische, zischige Studie über die Vergänglichkeit mit Familienanschluss zum Teich nebenan: "Nur verrecken ist überall gleich / Entweder füttern wir Enten oder werden stinkreich." Sag zum Abschied leise gnakdinak. Dabei fängt Wenzel gerade erst an, nachdem der großartig swampige Shuffle "Erinnerungen" mit Geige und Flöte im Gepäck vorgeheizt hat. Das mehrstöckige, um ein steifes Stromgitarren-Riff gebaute "Liebe der Suchenden" geht in dieser Umgebung fast als Prog-Rock durch – vielleicht das beste Stück auf "Klaustrophobische Freiheit".

Was nicht bedeutet, dass dieses Album danach schlechter wird. Allenfalls fragmentierter, auch weil zusehends mehr Tiere durch die Luft schwirren. "Wahrscheinlich Insekten" wuselt und klöppelt sich electroclashig durch eimerweise Libellenlarven und von Wespen zerfressenes Obst, die "Wintermücken" hingegen saugen sich mit synthetischen Streichern und pointiertem Fuzz voll. Kurze, aber auf den Punkt treffende Songs voll gütiger Verstrahltheit und skurriler Poesie, in deren Nachbarschaft selbst ein schwer seufzender Trauergesang wie "Die Lichter der Hunde" eine gewisse Leichtigkeit verströmt. Immer wieder eingestreute Klavier-Miniaturen wie "September Regen" oder "Nurin" und die jazzige Spielerei "Platz da!" tun ihr Übriges, bis zum Schluss auch die halbakustische Ruppigkeit "Bus fahren" nicht mehr weh tut. Nicht einmal den Enten.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Der Kutscher
  • Erinnerungen
  • Liebe der Suchenden
  • Märchenonkel
  • Wintermücken

Tracklist

  1. Der Kutscher
  2. September Regen
  3. Erinnerungen
  4. Liebe der Suchenden
  5. Märchenonkel
  6. Mein Gehirn
  7. Wahrscheinlich Insekten
  8. Die Lichter der Hunde
  9. Nasses Haar mit Salz
  10. Platz da!
  11. Vor der Suppe
  12. Nurin
  13. Wintermücken
  14. Schnelles Intro
  15. Klaustrophobische Freiheit
  16. Bus fahren

Gesamtspielzeit: 39:49 min.

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User Beitrag

humbert humbert

Postings: 2404

Registriert seit 13.06.2013

2023-12-18 21:12:25 Uhr
Danke für die Rezension und dadurch auf das Aufmerksam machen. Als Goldi-Fan habe ich reingehört und bin leider enttäuscht. Die Stimme klingt für mich wie eine Mischung aus Sven Regner und Jan Delay. Jedenfalls weiß ich jetzt, dass Wenzel die Hintergrundstimme bei 'Lied der Stimmungshochhalter' war. Ich habe mich immer gefragt, wer das sein soll. Es könnte aber gerne mal wieder ein Goldis-Album kommen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26103

Registriert seit 08.01.2012

2023-12-09 21:55:02 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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