Unheilig - Zelluloid

Unheilig- Zelluloid

Four.Rock / Soulfood
VÖ: 16.02.2004

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Eckstein, Eckstein

Man stelle sich vor, es gäbe jemanden, der eine Maschine konstruiert hätte, all den Pathos aus dem, was man einst als "Neue Deutsche Härte" etikettierte, zu destillieren und weiterzuverarbeiten. All die Theatralik, all die sterilisierte Härte und die dünnsinnigen Reimreihereien. Ein erschreckender Gedanke. Doch selbst wenn eine solche Maschine noch Zukunftsmusik zu sein scheint, gibt es tatsächlich jemanden, der die vermeintliche Essenz dieser überaus vorgestrigen Musik in hirnerweichenden Stumpfsinn für die Welt von heute zu verarbeiten versteht.

Unheilig, das gothische Vehikel des professionellen Grimassenschneiders Der Graf, widmet dich dieses Mal dem "Zelluloid". Und erinnert damit gleich zwei Mal an die gute, alte Stummfilm-Zeit: zum einen, weil damals mangels Tonbegleitung die zur Schau zu stellenden Gefühle im Übermaß portraitiert wurden. Und zum anderen, weil man sich auf "Zelluloid" immer wieder wünscht, in jene Zeit zurückversetzt zu werden, die noch so angenehm frei von akustischer Umweltverschmutzung war.

Aber da müssen wir jetzt dann wohl durch. Hören wir uns erst einmal an, welche Beschwörungsformeln Der Graf auf seinem dritten Werk so zu bieten hat: "Es brennt eine Fackel hell im Nebel / Lodernd heiß und feucht zugleich." Interessant. "Dunkle Mächte verführen Dich mit Hoffnung Schritt für Schritt." Wie bedrohlich! "Du bist nicht mehr mein Stolz / Du bist nicht mehr mein Dolch." Wie schrecklich! "Legt Eure Waffen nieder / Wir singen dunkle Lieder / Die ganze Nacht, und jedes Mal ist Mitternacht." Widerstand ist zwecklos. Wir sind Der Graf von Borg. "Mutter Erde hört durch meine Hand." Was er mit seinem Patschehändchen gerade sonst noch anstellt, wollen wir schon gar nicht mehr wissen.

Und obwohl derlei lyrische Totalschäden genau dort weitermachen, wo Joachim Witt jüngst sein Reimlexikon verloren hat, ist der überladene Gothic-Rockpop aus dem Hause Unheilig gelegentlich gar nicht mal so unerträglich. Der Saitendonner drängt sich nicht allzusehr auf, das Retrogefiepe nervt nur ab und zu, die Melodien sind mitunter ganz okay. Knapp am endgültigen Filmriß vorbei. Und wenn man versucht, die lächerlichen Texte einfach zu ignorieren, hat Der Graf eine durchaus paßgerechte Stimme. Er trifft fast alle Töne, er wohoot und ohweht voluminös, er zeigt sich präsent. Und wären nicht die vielen Zornesfalten auf seiner Stirn, die grollenden Gitarrenriffs und die schwellenden Synthesizerklischees, könnte man "Zelluloid" glatt für die ZDF-Hitparade vorschlagen. Oder eben als Support für die nächste Tour von The Rasmus.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Mein König

Tracklist

  1. Die Filmrolle (Intro)
  2. Zauberer
  3. Hört mein Wort
  4. Willst Du mich
  5. Himmelherz
  6. Auf zum Mond
  7. Freiheit
  8. Herz aus Eis
  9. Sieh in mein Gesicht
  10. Mein König
  11. Fabrik der Liebe
  12. Tanz mit dem Feuer
  13. Feier Dich!
  14. Zeig mir, dass ich lebe
  15. Wenn Du lachst
  16. Zelluloid (Instrumental)

Gesamtspielzeit: 74:24 min.

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