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Funny Van Dannen - Funny Vinyl – 23 alte und 3 neuere Lieder

Funny Van Dannen- Funny Vinyl – 23 alte und 3 neuere Lieder

Trikont / Indigo
VÖ: 03.11.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wie geht noch mal ficken?

Kleiner Verwechslungsfall im Liedermacher-Milieu: "Seh ich aus wie 'ne Rock'n'Roll-Band?" reagiert Funny Van Dannen an einer Stelle von "Funny Vinyl" relativ verständnislos auf den Publikums-Zwischenruf "Vollgas, Funny! Los, gib Gummi!" Nein, ein Rocker oder gar ein Punk wird der gebürtige Niederrheiner in diesem Leben nicht mehr werden – trotz zahlreicher Autorenbeteiligungen bei den Toten Hosen und Ehrerbietungen von Dackelblut, Rantanplan oder Japanische Kampfhörspiele. Wozu auch? Seine meist lakonischen, häufig unverblümten und manchmal wehmütigen Akustikgitarren-Chansons bedürfen keinerlei Verzerrung oder musikalischer Patzigkeit, um amüsante, pointierte Geschichten zu erzählen. Über das unwirtliche Zeitgeschehen, verdrehte bis verhinderte Liebschaften oder die kleinen und großen Unzulänglichkeiten von Mensch und Tier.

Der Sänger selbst dazu: "Zuviel sollte man da nicht draufpacken – ich meine: Ein Lied ist ein Lied." Oder gleich 26 auf der zweiten Compilation seiner Karriere. Bei der Van Dannen nicht nur seinen Dienst am liebenswerten, schiefhumorigen Song versieht, sondern auch den an allen Plattenkäufer*innen: Im Vergleich zu "Meine vielleicht besten Lieder ... Live" gibt es auf "Funny Vinyl" keine einzige Überschneidung. Heißt einerseits zwar, dass Gassenhauer wie "Saufen", "Gwendolyn Kucharski" oder "Alles verkauft" draußen bleiben müssen, andererseits aber auch, dass viele schon fast vergessene Lieblingslieder aus seiner umfangreichen Diskografie fröhliche bis geknickte Urständ feiern. Wie der designierte Opener "Guten Abend", der erstaunliche Zusammenhänge zwischen Lebensführung, Arbeitslosigkeit und Beerdigungsbranche herstellt – ein wunderbarer Auftakt.

Auch weil sich Van Dannen hier als Architekt unwahrscheinlicher Kausalketten und Meister der hintenrum reingereichten Pointe erweist und frohgemut heilige Kühe oder gesellschaftliche Tabus entmythologisiert. Glauben und Kirche in "Evangelisches Mädchen", allzu rätselhafte weibliche Anatomie in "Eisprung" und bei "Bonobo" die scheinbar obligatorische Omnipräsenz von Sex: "Mir wäre das zu langweilig, immer nur rumzuficken / Ich find interessanter, wenn Schalke und Dortmund gegeneinander kicken." Ende 2023 in fußballerischer Hinsicht leider ein "Unrealistisches Lied" – aber auch die gütige Kritik an einer Zeit, in der Männer im Internet ungefragt ihr bestes Stück zur Schau stellen und Feministinnen bei Demonstrationen unbehelligt sogenannte Mösentunnel hinter sich herziehen. Ob das diese "Kolossale Gegenwart" ist, von der man so viel hört?

Doch Van Dannen kann auch anders. Etwa in der herrlich elegischen Natur-Meditation "Unbekanntes Pferd", auch wenn diese im Ein-Mann-Format nicht ganz die hinreißende Detailfreudigkeit erreicht, die der unvergessene Wiglaf Droste 1996 in seiner Coverversion mit Band an den Tag legte. Oder bei der tragikomischen Romanze "Steuerflüchtling", mit voller Folk-Kapelle samt Mariachi-Bläsern arrangiert und Calexico gar nicht unähnlich. Und heißt ein Stück etwas ungelenk "Dingficker", muss man konstatieren, dass "Objektophiler" diesem vergnüglichen Rumpler in keiner Weise gerecht werden würde. Ganz schön viel Fickerei? Manchmal muss das so sein, wenn selbst die Eltern dem Nachwuchs mit einem "Fuck you" den Marsch, höhö, blasen und "Abgefuckte Feelings" Überhand nehmen. Die gute Nachricht: Gegen Letztere hilft "Funny Vinyl" todsicher.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Guten Abend
  • Unbekanntes Pferd
  • Steuerflüchtling
  • Bonobo
  • Dingficker
  • Fuck you

Tracklist

  1. Guten Abend
  2. Unbekanntes Pferd
  3. Steuerflüchtling
  4. Reizüberflutung
  5. Unrealistisches Lied
  6. Naturfilme
  7. Evangelisches Mädchen
  8. DDR-Parfum
  9. Kolossale Gegenwart
  10. Umsturz
  11. Alle müssen was tun
  12. Berlin international
  13. Weinende Piratenbraut
  14. Swimmingpool der Zeit
  15. Bonobo
  16. Eisprung
  17. Emotionen Pause machen
  18. Dingficker
  19. Ich liebe Jazz
  20. All die Matrosen
  21. Call-Center-Chor
  22. Billy, Joe und ich
  23. Lobdefizit
  24. Abgefuckte Feelings
  25. Fuck you
  26. Rote Schuhe

Gesamtspielzeit: 73:05 min.

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Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2023-11-30 22:39:52 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Im Rahmen von "Weihnachtsspecial, Teil 1: Best Ofs und Weihnachtsalben".

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