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Milli Vanilli - The best of Milli Vanilli (35th anniversary)

Milli Vanilli- The best of Milli Vanilli (35th anniversary)

Sony
VÖ: 17.11.2023

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

The great Lockenroll-Swindle

Eine Story kann heute so einfach wirken. Zwei Sänger treten mit ihrem größten Hit bei MTV auf, zappeln auf der Bühne ordentlich ab und dann tönt es auf dem Weg zum Refrain:

"Girl, you know it's –
Girl, you know it's –
Girl, you know it's –"

Erwischt, CD hängt, Karriere vorbei. Oder? Bei weitem nicht. Der Vorfall ereignete sich am 21. Juli 1989 im US-amerikanischen Bristol, als das deutsche Dance-Pop-Duo Milli Vanilli auf vollem Erfolgskurs seinen Welthit "Girl you know it's true" performte. Oder eben vielmehr: "performte". Was Ashlee Simpsons Karriere allerdings Jahre später unverzüglich vor die Wand fahren ließ, bockte damals noch herzlich wenig Leute. Bis zum Fall des Duos durch einen der größten Pop-Skandale dauerte es noch knapp eineinhalb Jahre voller Erfolg, stellenweise auch Hochmut und Größenwahnsinn, bevor Strippenzieher Frank Farian unter zunehmendem Druck im November 1990 die Bombe platzen ließ: Rob Pilatus und Fab Morvan, die vermarketeten attraktiven Gesichter von Milli Vanilli, hatten auch im Studio nie selbst gesungen. Die Öffentlichkeit wandte sich empört ab, die gewonnenen Grammys wurden zurückgegeben, in den USA gab es für gekaufte CDs sogar Geld zurück. Girl, you know it's fake.

Dabei sagt Captain Hindsight ohnehin, dass die soulige Gesangsstimme im Refrain von "Girl you know it's true" von John Davis, einem der echten Sänger, überhaupt nicht zu den jungen Hüpfern im Video passte, die in englischsprachigen Interviews mit ganz anderen Akzenten daherredeten. Diese Praxis war seit jeher übrigens vollkommen üblich: Weather Girl Martha Wash kann einige Lieder davon singen, wie bei Eurodance-Klassikern zur ihrer vollen Stimme deutlich knochigere Models die Lippen bewegten. Produzent Farian selbst hatte die Masche bereits mit seiner Disco-Truppe Boney M. deutlich früher erfolgreich abgezogen, als seine Vocals von Tänzer Bobby Farrell nachgemimt wurden. Von Girlgroups der Sechziger wollen wir gar nicht erst anfangen. Und man mag meinen: Wer Dance-Pop in Zeiten des Mauerfalls mangelnde Authentizität vorwirft, meckert auch bei Ambient-Musik, da würde ja so wenig passieren. Kann man machen, geht aber am Kern der Sache vorbei. Milli Vanilli waren jedoch zu groß geworden, ihre Gesichter zu bekannt und der Zeitgeist eben ein anderer als ein, zwei Jahrzehnte zuvor.

Was das in 2023 für eine Relevanz hat? Zum einen soll kurz vor Weihnachten ein Biopic namens – you guessed it – "Girl you know it's true" in die Kinos kommen. (Mit Matthias Schweighöfer als Frank Farian. Good Lord.) Zum anderen erscheint mit "The best of Milli Vanilli" zum 35. Geburtstag des Spektakels eine rekonfigurierte Version der Compilation aus 2013 mit dem Namen – festhalten, bitte – "Girl you know it's true". Angesichts der Tracklist fragt man sich, wie viele Alben Milli Vanilli denn bitte herausgebracht haben. Die Antwort lautet: eins. Und dann quasi noch ein halbes drauf. Und dann noch eins, aber nicht so richtig. Der Reihe nach: "All or nothing" hieß das europäische Debüt, das bis auf drei Stücke hier vollständig enthalten ist. Die Amis bekamen wenig später eine eigene Version namens – Achtung, die Hand zum Schnapsglas – "Girl you know it's true" mit einer Handvoll neuer Songs statt ein paar der alten. Bis auf einen Bonus-Remix ist jene Platte hier komplett drauf, was das "Best of" im Titel ad absurdum führt. Eine einigermaßen graupenfreie 10-Track-Zusammenstellung wäre deshalb besser gewesen, lag aber wohl zu nahe.

Die ebenfalls erfolgreiche Nachfolgesingle "Baby don't forget my number" behält nicht nur die Hit-Formel bei, sondern auch gleich den markanten Beat. Der ist ein Sample von The Soul Searchers' "Ashley's roachclip" und biegt wenig später in "All or nothing" sogar zum dritten Mal um die Ecke. Immerhin sind Milli Vanilli in guter Gesellschaft: Eric B. & Rakims "Paid in full", P.M. Dawns "Set adrift on memory bliss" oder Burials "Rival dealer" verwursten ebenfalls genau dieses Drum-Pattern, so wie über 400 (!) andere Songs auch. Und "All or nothing" macht sogar fast mehr Laune als der ganz große Hit – inklusive sehr, sehr weirdem Dialog-Snippet im Outro: "Liegen Sie bequem?" – "Mmm, es geht." Für eine Ballade aus diesen Zeitraum ist "I'm gonna miss you" überraschend angenehm zu hören, auch wenn der Saxofon-Part schon deutlich ins Schmierige gleitet. Diane Warren verstand zudem ihr Handwerk als Songwriterin des energisch-souligen "Blame it on the rain". Wohl der beste Song, den Milli Vanilli je auf den Leib geschneidert bekamen.

"The best of Milli Vanilli" rauscht qualitativ aber spätestens zur Hälfte Richtung Keller, wo die hier aus ästhetischen Gründen nicht zitierten Lyrics sowieso schon residieren. Das Boney-M.-Cover "Ma baker" ist immerhin keine faule Kopie, geht dafür in schunkeliger Beatlastigkeit baden. Die meisten folgenden Tracks schreien nach einem memorablen Refrain und finden nichts außer die immergleichen Sounds, die wenig später in Eurodance-Klassikern viel griffer und kräftiger dargeboten wurden. Die drei alternativen Versionen am Ende sind so überflüssig wie die Mikros bei Milli-Vanilli-Shows. (Eine Ausnahme mag der hier dankenswerterweise gekappte peinliche Einstiegsdialog bei "Girl you know it's true" sein.) Passend daher, dass "Keep on running", der einzige Vertreter des "zweiten Albums" "The moment of truth" direkt nach dem Single-Erfolgs-Quartett am Anfang kommt, denn er macht als Funk-Pop durchaus Laune. Jene Platte wurde 1991 unter dem Namen The Real Milli Vanilli von Farian mit den tatsächlichen Sängern am Mikro und auf dem Cover veröffentlicht. Sie floppte beinahe so gnadenlos wie das zwei Jahre später kreierte Album von Pilatus und Morvan als Rob & Fab, von welchem hier leider kein zeithistorisch wertvolles Dokument inkludiert wurde.

Letztlich endet die Story tragisch. Vor allem Rob Pilatus stürzte der Skandal in tiefe Depressionen und Drogenabhängigkeit, wovon er sich nie wieder gänzlich erholen sollte. Ausgerechnet als ein Comeback mit der Hilfe von Farian in Sichtweite war, starb Pilatus 1998 mit 32 Jahren in einem Hotelzimmer in Frankfurt an einer Überdosis. Morvan trat später zusammen mit Davis gemeinsam unter dem grandiosen Namen Face Meets Voice auf, das alles blieb jedoch eine Fußnote. Letzten Endes kann auch "The best of Milli Vanilli" nicht von dem Eindruck ablenken, dass der rasante Aufstieg und Fall des Duos als Geschichte immer viel interessanter und prägender war als seine Musik. Was soll man auch noch sagen, wenn Pilatus selbst 1990 im Rausch des Erfolgs dies raushaute: "Musically, we are more talented than any Bob Dylan. Musically, we are more talented than Paul McCartney. [...] I'm the new modern rock'n'roll. I'm the new Elvis." Da wird's einem ganz schwindelig.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Girl you know it's true
  • Blame it on the rain
  • Keep on running
  • All or nothing

Tracklist

  1. Girl you know it's true
  2. Baby don't forget my number
  3. Blame it on the rain
  4. I'm gonna miss you
  5. Keep on running
  6. All or nothing
  7. Can't you feel my love
  8. Dream to remember
  9. Ma baker
  10. Hush
  11. Money
  12. Is it love
  13. More than you'll ever know
  14. Take it as it comes
  15. Girl I'm gonna miss you (US single version)
  16. Girl you know it's true (US single version)
  17. Baby don't forget my number (Radio mix)

Gesamtspielzeit: 66:06 min.

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User Beitrag

eric

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 2791

Registriert seit 14.06.2013

2023-12-02 09:52:11 Uhr
Danke @Felix für das elegante Aufschreiben dieser Geschichte, irgendwie hatte ich dieses Phänomen schon wieder fast vergessen. :D

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26103

Registriert seit 08.01.2012

2023-11-30 22:38:53 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Im Rahmen von "Weihnachtsspecial, Teil 1: Best Ofs und Weihnachtsalben".

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