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Squirrel Flower - Tomorrow's fire

Squirrel Flower- Tomorrow's fire

Full Time Hobby / Rough Trade
VÖ: 13.10.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kein Planet B

Ella Williams ist besessen vom Weltuntergang. Auf ihrem zweiten Album als Squirrel Flower stellte sie sich einen "Planet (i)" vor, auf den die Menschheit nach der selbstverschuldeten Zerstörung ihrer eigenen Heimat übersiedeln würde. Der Nachfolger "Tomorrow's fire" trägt die Last der drohenden Apokalypse ebenso auf den Schultern, verschiebt allerdings den Fokus. Mit dem Titel sind keineswegs Welt- oder Waldbrände gemeint, er bezieht sich vielmehr auf einen Roman von Williams' Urgroßvater, der wiederum den mittelalterlichen französischen Dichter Rutebeuf zitiert: "Tomorrow's hopes provide my dinner / Tomorrow's fire must warm tonight." So düster es im Angesicht von Kriegen, Klimakrise und kapitalistischen Existenzängsten auch aussehen mag, das Feuer der Hoffnung erlischt so schnell nicht. Um dieses Sentiment auch musikalisch lodern zu lassen, greifen der Frau aus Boston Mitglieder von unter anderem Wednesday, The War On Drugs und Bon Iver unter die Arme, was nicht nur bei der stilistischen Einordnung hilft, sondern auch Williams' gestiegene Reputation untermauert. Der Lo-Fi-Indie-Folk des Debüts "I was born swimming" ist zu einem handfesten Americana-Rock gewachsen, mit fuzzy ausgefransten Rändern und ordentlicher Band-Wucht unter der Haube.

Zu Beginn ist davon jedoch noch nichts zu spüren. "I don't use a trash can" reinterpretiert Williams' allerersten Song als Squirrel Flower. Geloopte Vocals legen sich auf spärliche Tasten und Saiten, die Erzählerin listet vom Bettenmachen bis zum Bodenwischen all die Haushaltspflichten auf, die sie nicht erledigen wird. Ist das Rebellion oder Resignation? Aus der nicht einmal zweiminütigen Grunge-Walze "Full time job" quillt jedenfalls der pure Frust. Mit Williams' Leidenschaft lässt sich die Miete nicht zahlen, doch die Alternative hämmert den Sargnagel nur noch tiefer rein: "Never wanted to be someone's wife / Give up my whole life." "There must be more to life / Than being on time", lautet dahingegen das vorsichtig optimistische Motto des mächtigen "When a plant is dying", in dessen Metapher sich Tod und neues Wachstum verschränken – und wenn in der zweiten Hälfte die Band zum beinah noise-artigen Erdrutsch ansetzt, bekommt man sowieso das Gefühl, dass alles möglich ist. Auch in "Canyon" triefen die Gitarren vor schlammiger Verzerrung, während sich die kryptische Geschichte etwa um einen Trip von Williams' Mutter zu einem Bruce-Springsteen-Konzert dreht. Der Boss sei eine der Hauptinspirationen für "Tomorrow's fire" gewesen, was sich vor allem im wunderbaren Heartland-Rocker "Alley light" bemerkbar macht: Der männliche Protagonist, den ein schieflaufendes Date zu Selbstzweifeln anregt, könnte direkt aus Springsteens Feder stammen.

Einen anderen Input für die Platte lieferten die Indiana Dunes, eine Küste des Lake Michigan, deren natürliche Schönheit von großindustriellen Skylines flankiert wird. Landschaften befinden sich auf "Tomorrow's fire" im stetigen Wandel, Menschen nicht immer. "You hate when I do that / But I hate when I change / So I won't be changing / I will never change", erklärt "Stick" über seinem erneut angepissten Grundrauschen. In "Almost pulled away" ringt sich das lyrische Ich zu einem schwierigen Liebesgeständnis durch, nur um die Party ohne ein Abschiedswort zu verlassen. Eine unerwiderte Sommerromanze steht auch im Zentrum von "Intheskatepark", das sich als ungewohnt poppige Upbeat-Nummer davon jedoch nichts anmerken lässt. Am Ende bleibt Williams nur noch übrig, im meditativen "What kind of dream is this?" den Himmel des anbrechenden Morgens nach Antworten zu befragen, ehe der intensive Closer "Finally rain" heilsamen Regen mit verseuchtem Wasser kontrastiert. "If this is what it means to be alive / I won't grow up" – es ist Ella Williams' große Kunst, in solch fatalistischen Zeilen vor allem das "if" zu betonen. Es ist noch nicht zu spät.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Alley light
  • When a plant is dying
  • Finally rain

Tracklist

  1. I don't use a trash can
  2. Full time job
  3. Alley light
  4. Almost pulled away
  5. Stick
  6. When a plant is dying
  7. Intheskatepark
  8. Canyon
  9. What kind of dream is this?
  10. Finally rain

Gesamtspielzeit: 34:17 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Kojiro

Postings: 3414

Registriert seit 26.12.2018

2023-11-09 19:30:41 Uhr
Oh, schön. Kannte bisher nur das Debütalbum, aber "Finally Rain" ist schön. Am WE mal reinhören...

bender

Postings: 95

Registriert seit 03.04.2020

2023-11-09 09:27:10 Uhr
sehr gutes Album.

Highlights bisher Full Time Job und Alley Light.

Mr Oh so

Postings: 3021

Registriert seit 13.06.2013

2023-11-08 22:38:34 Uhr
Auf jeden Fall eines meiner Alben des Jahres

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26581

Registriert seit 08.01.2012

2023-11-08 21:59:37 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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