Hope - Navel
Haldern Pop / Rough Trade
VÖ: 27.10.2023
Unsere Bewertung: 7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
Brennt da noch Licht?
Wenn die Referenzen plötzlich mehr sind als nur Namen auf dem Papier und zum Leben erwachen: In der Zeit, die zwischen dem fantastischen und selbstbetitelten Debüt von 2017 und "Navel" verging, durften Hope so einige große Namen begleiten. Madrugada, Depeche Mode, Algiers, Bauhaus – sie alle passten irgendwie zum Sound von Hope. Nur der offensichtlichste Name fehlt noch, auch aus dem ganz einfachen Grund, dass diese Band seit einer Weile nicht aktiv auftritt: Portishead. Das düstere Wabern, teilweise heftige elektronische wie analoge Ausbrüche, diese unangenehme Grundstimmung und offen präsentierte, harte Verletzlichkeit – statt aus Bristol plötzlich aus Berlin. All das aus dem Nichts quasi, ohne Vorwarnung und bei so einem Meisterwerk natürlich auch mit der Frage: Wie wollen sie das eigentlich fortsetzen?
Das Quartett beantwortet all dies auf die Berliner Art: indem alle Mauern eingerissen werden. Jene meterhohen Walls of Sound: weg, zerhauen zu Bruchstücken. Stattdessen die ruhigen Töne sprechen und wirken lassen. Jedes Wort in den Lyrics von Christine Börsch-Supan besonders hervorzuheben und zu betonen. So weit, dass einzelne Songs gefühlt aus der immergleichen Abfolge weniger Zeilen bestehen, welche dafür umso mehr in die Magengrube schlagen können. Börsch-Supans Pointierung ist immer noch gleichzeitig Markenzeichen und Tatsache, die erst einmal Eingewöhnung benötigt. Was viel tiefer geht und bisweilen die Grenze zum Erträglichen austestet, sind die dazugehörigen Worte: Selbstdekonstruktion, bis es wehtut, wie etwa in "Iron". Dagegen wenige, schwach scheinende Lichtblicke, die beispielsweise "Solace" sei Dank wortwörtlich Trost spenden.
Dabei ist Ruhe etwas, was laut Band an die Stelle dessen getreten ist, wo früher die Wut, teils auch das Chaotische residierte. In Bezug auf die Lautstärke mag dies stimmen, dennoch tritt "Navel" nicht auf der Stelle, sondern bringt immer wieder ein unheilvolles Wabern zu Tage – "Untied" oder "Fractals" seien hier als Vorreiter genannt. Ab und an regiert gar ein unverschämter Groove, wie im großartigen "Osmosis". Betont werden neben dem Gesang vereinzelte Töne: Hier ein Klavierakkord, dort ein-zwei, da ein verhalltes Pochen auf dem Rand des Schlagzeugs. Ansonsten wirklich wenig, welches die große Bühne sucht, die sich die vier schon mit anderen teilten: "Navel" ist ein Album zum Zurückziehen, wenn es draußen und drinnen wieder etwas kälter geworden ist.
Highlights
- Osmosis
- Shame
- Fractals
Tracklist
- Klavierskizze
- Untied
- Navel
- Osmosis
- Shame
- Solace
- Fractals
- Iron
- Miles
Gesamtspielzeit: 33:33 min.
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(Neueste fünf Beiträge)
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Old Nobody User und News-Scout Postings: 4153 Registriert seit 14.03.2017 |
2023-12-08 14:44:42 Uhr
Neues Live Video mit 5 Songs vom neuen AlbumDie kreieren live immer wieder ne starke Präsenz "Today we release a session of five tracks from the new album, played live at Impression Studio Berlin. It has been an absolute honour to work with filmer and Videographer Katharina Tress on this, and we are happy to share the session today. Making the album, playing it live and bringing the new songs out into the world and into different settings has been our greatest joy this year. Thank you all, to you who are listening to us. It means the world to us." Tracklist: Klavierskizze Untied Navel Osmosis Shame |
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Autotomate Postings: 6172 Registriert seit 25.10.2014 |
2023-11-11 09:31:01 Uhr
Schöne, angemessene Rezi, der ich vollständig zustimme. Die neue Ästhetik strahlt eine wahnsinnige Intensität und Intimität aus, die mir zeitweise aber auch mal zu eng auf den Pelz rückt. Für das Debüt hab ich ebenfalls mindestens einen Punkt mehr übrig. |
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saihttam Postings: 2752 Registriert seit 15.06.2013 |
2023-11-02 22:35:06 Uhr
Die haben mir auf dem Maifeld Derby sehr gut gefallen. Ich werde gleich mal reinhören. |
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Klaus Postings: 12190 Registriert seit 22.08.2019 |
2023-11-02 10:49:26 Uhr
Danke! War in der Tat auch knapp keine 8. Finde den "neuen" Stil auch vollkommen okay, nur fand ich die krachigen Songs des Debüts (damals 9/10 bei mir) eben noch deutlich stärker. |
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Old Nobody User und News-Scout Postings: 4153 Registriert seit 14.03.2017 |
2023-11-01 23:26:59 Uhr
naja, immerhin ne anständige 7/10. Soo viel lieg ich da ja auch bis jetzt gar nicht drüber. Schön geschriebener Text jedenfalls und Osmosis und Shame sind auch bei meinen Highlights neben Untied |
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Referenzen
Portishead; Beth Gibbons & Rustin Man; Daughter; Tusks; GGGOLDDD; Poliça; Archive; Lamb; London Grammar; Depeche Mode; Bauhaus; Burial; Christine And The Queens; Goldfrapp; Hundreds; James Blake; Sohn; Lucy Kruger & Lost Boys; Massive Attack; Radiohead; The xx; Torres; Tricky; Mazzy Star; Zola Jesus; Haelos



