Joachim Witt - Pop

Joachim Witt- Pop

Ventil / SPV
VÖ: 26.01.2004

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Stilbluter

Versucht da etwa jemand, sich von der eigenen Vergangenheit zu distanzieren? Joachim Witt hat jedenfalls seinen Vornamen wiedergefunden, den er, genau wie so völlig nebensächliche Dinge wie lyrisches Gespür, Sinn und Verstand, irgendwo auf dem Weg von "Bayreuth" zu Prinz "Eisenherz" verloren hatte. "Pop" will er jetzt machen. Er schreibt es in richtig großen, verschwurbelten Lettern mitten auf die Hülle. Und tut gut daran. Von der Musik allein wäre nämlich niemand drauf gekommen.

Was erwartet den vom selbsternannt "unbequemen Kulturschaffenden" zuletzt so gar nicht verwöhnten Hörer? Die große Läuterung, die grandiose Wiederauferstehung des Goldenen Reiters? Nicht wirklich. Es setzt vorgestrigen Synthpop, triefige Schnulzen und üblen Kirmestechno. Versetzt mit entleibten Gitarren, keuchenden Synthesizern und einem stimmbandlosen Witt, der einmal mehr besser in die Wick-Blau-Werbung abgeschoben wäre. Die Selbstanalyse aus dem albernen Stampfer "Vorwärts" gerät entsprechend schenkelklopfend: "Auf jeden Fall sang ich Sopran im Schulknabenchor / Obwohl ich fast täglich die Gunst der Lehrer verlor."

Sein Organ so samtweich wie Schmirgelpapier, seine Melodien so liebreizend wie ein Elefantengesäß kurz nach dem Verdauungsspaziergang. Mal ringt er so mit den gequetschten Tönen, daß das Zwerchfell zu reißen droht. Und zwar nicht nur seines. Anderswo suhlen sich Jammerlappen wie "Fluch der Liebe" in der eigenen Banalität. "Ich schlaf im Tränenmeer / Die Liebe saugt mich leer." Das treibt auch dem Hörer die Tränen in die Augen. Aber natürlich kaum vor Trauer.

Simple Verse für simple Gemüter gibt's auch in der glitzernden Single "Für den Moment" und beim windschiefen Pathos von "Erst wenn das Herz nicht mehr aus Stein ist". Hier kann die Anwesenheit einer durch den Effektwolf gedrehten Jasmin Tabatabai - warum auch immer die sich das antut - immerhin das größte Übel abwenden. Das Grauen lauert anderswo: In der unvermeidlichen Coververstümmelung wird schließlich die schon im Original ziemlich gräßliche Schnulze "Mein Freund, der Baum" mit Plastikstreichern und wagnerianischem Grollen völlig pietätlos gefällt.

Und doch ist die Musik - wer hätte das gedacht? - nicht mehr ganz so nervraubend, gehörquälend und geschmackstötend wie zuletzt. Wenn Witt im hypnotischen "You make me wonder" den rolligen Kater gibt, grenzt das sogar beinahe an Hörbarkeit. Aber eben nur beinahe. Denn Witt ist auch weiterhin so cool wie Schüttelfrost. Auf seinem von allerlei stumpfem Bollern, aufgebrezeltem Singsang und ersticktem Gejaule gesäumten Weg zum "Pop" nimmt er dieses Mal allerdings nicht mehr jede Peinlichkeit mit. Sondern nur noch jede zweite. Vorbei sind die hirnentleerten Statements zu Sex und Kirche. Persönlicher ist er geworden. Es wirkt, als habe jemand dem Möchtegern-Aphoristiker ähnliche Grausamkeiten angetan wie er bislang immer nur uns. Witt präsentiert die neue Befindlichkeit. Und die klingt so: "Trübe sitz ich manchmal auf der Schaukel in die Sucht." - "Mit dem Fuß in mein Gefühl / Morgen wird das Heute einsam sein." - "Dann denk, was Du mir angetan / Und roll den Arsch nach Haus." All das ist "gepreßt in den Rhythmus der perfekten Scheinheiligkeit." Danke für die Stichworte. Und jetzt zurück in die Gruft

(Oliver Ding)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • -

Tracklist

  1. Krieger des Lichts
  2. Fluch der Liebe
  3. Für den Moment
  4. Ich will mehr
  5. Du wirst bald Geschichte sein
  6. Mein Freund, der Baum
  7. Später
  8. Vorwärts
  9. Sag was Du willst
  10. Erst wenn das Herz nicht mehr aus Stein ist
  11. Draussen vor der Tür
  12. Immer noch
  13. You make me wonder

Gesamtspielzeit: 52:52 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Obrac
2008-01-21 22:53:01 Uhr
Er brachte dieses Album mithilfe seines Vornamens raus. Zufall?

Witt hat versucht, Plattentests zu täuschen, indem sich sich auf dieser Platte anders nannte. Er wollte einmal unvoreingenommen bewertet werden. Hat auch geklappt.
Oliver Ding
2008-01-21 22:46:12 Uhr
Es war nicht die absolute und abartige Superscheiße wie sonst, sondern lediglich mieser Dreck, der nicht mal konsequent schlimm war.
Kilian
2008-01-21 22:45:50 Uhr
igitt, musstest du den Thread jetzt ausgraben? Mir wird schon schlecht wenn ich nur dran denk...
Harzfümf-M-Fänger
2008-01-21 22:16:28 Uhr
Während der Witt-Jochen auf dieser Seite insgesamt viermal die 1/10 einstrich, gelang ihm mit "Pop" der vergleichsweise große Wurf - 2/10.
Er brachte dieses Album mithilfe seines Vornamens raus. Zufall? Oder ist dies der Grund für die großzügige Bewertung für "Pop"?
Schwatte
2007-03-18 22:52:57 Uhr
bro'sis waren besser als witt!
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum