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Wild Nothing - Hold

Wild Nothing- Hold

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 27.10.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Der Kitsch ist real

"Ernsthaft, gemäßigt, nachdenklich, kumulativ." Das sind die vier Adjektive, mit denen Jack Tatum alias Wild Nothing seine Musik einem Interview zufolge selbst beschreiben würde. "Tanzbar" fehlt – und das, obwohl die Entwicklung des einst den Dream-Pop der frühen 2010er-Jahre mitprägenden Mannes nahelegt, dass er die Disco-Kugel inzwischen als Nachtlicht nutzt. Doch Tatum schießt mit seiner Selbsteinschätzung natürlich nicht am Ziel vorbei, schließlich hat seine Definition von Pop stets mehr als die Tanzfläche im Blick. Niemand habe ihn künstlerisch so inspiriert wie Paddy McAloon und das merkt man: Das Prefab-Sprout-Mastermind wusste schon immer vorbildlich, dass sich Käsigkeit und emotionale wie musikalische Tiefe nicht ausschließen müssen. Aus Tatums fünftem Album "Hold" strömen wieder die Hooks und simplen Rhythmen, ohne je ins Banale zu driften. Der US-Amerikaner, der jüngst zum ersten Mal Vater wurde, greift großzügig in den Farbtopf seiner vornehmlich aus den Achtzigern stammenden Einflüsse, um Existenzialismus und Ekstase nebeneinander aufs Papier zu bringen. Das Ergebnis hebt sich vom Grundrauschen der vorhergehenden Platten nicht sonderlich ab, muss das in Anbetracht ihrer durchweg hohen Qualität allerdings auch nicht.

So bleibt Tatum weiterhin ein Meister darin, seine Songs vielschichtig auszuschmücken, ohne deren Leichtigkeit zu gefährden. Das eröffnende "Headlights on" baut auf einem Café-del-Mar-tauglichen Beat, den die Stimme der wunderbaren Hatchie ebenso umweht wie ein am Ende den Ibiza-Mond anheulendes Saxofon. Schwebende Strophen wechseln sich mit druckvolleren Passagen ab, der Track hadert im Gleichschritt mit seinem von Selbstzweifeln geplagten Erzähler: "You've always loved me more than I deserve / And maybe that's the thing / I don't feel like I earned your faith." Der Opener konzentriert die Dynamik der gesamten Platte auf einem Bierdeckel. Mit mächtigen Drums, Synth-Scheinwerfern und zackigen Saiten geht "Basement El Dorado" post-punkig nach vorne und lässt im Refrain die flamingofarbenen Wasserfälle sprudeln. "The bodybuilder" führt das Momentum dieses Knallbonbons jedoch keineswegs fort, sondern breitet sich gemächlicher aus, um selbstdestruktiven Körperkult zu beklagen und mit Ausbrüchen samt knirschender Gitarren zu überraschen. Das Tempo variiert auf "Hold", die Sehnsuchts-Regler bleiben konstant auf elf – darunter würde Tatum wahrscheinlich nicht einmal den kleinen Finger aufs Mischpult legen.

Auf der schnelleren Seite zappeln das direkt aus der Roller-Disco gebeamte "Suburban solutions" sowie das gleichsam als Single veröffentlichte "Dial tone", das jangle-poppige Fluffigkeit mit entfremdenden Vocal-Überlappungen koppelt. Dem gegenüber steht eine generell ruhigere zweite Albumhälfte, in der vor allem "Prima" die Zeit anhält, als würde man im Zuckerwattennebel nach Orientierung suchen. Aus diesem bricht "Alex" auf unerwartete Weise aus: Tatum schrubbt erst die Akustische, um dann den Strom anzuschmeißen und mit Shoegaze-Wucht den kathartischen Gipfel zu erklimmen. Den Deckel drauf setzt das an den kleinen Sohn gerichtete "Pulling down the moon (Before you)", das die lebensverändernde Magie frischer Elternschaft in einen vergleichsweise epischen Synth-Rock-Schmachter verpackt. Die Konturen von Tatums Musik mögen ab und an verschwimmen, doch in solchen Momenten packt sie wieder fest zu. "Hold" verdient sich seinen auf den ersten Blick nichtssagend wirkenden Titel, weil jeder Song auf seine Weise eine kleine Umarmung ist. Das klingt kitschig, ist es zweifelsfrei auch, aber genau hier liegen bekanntlich oft die tiefsten Wahrheiten vergraben. Paddy McAloon nickt anerkennend.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Headlights on (feat. Hatchie)
  • Dial tone
  • Alex

Tracklist

  1. Headlights on (feat. Hatchie)
  2. Basement El Dorado
  3. The bodybuilder
  4. Suburban solutions
  5. Presidio
  6. Dial tone
  7. Histrion
  8. Prima
  9. Alex
  10. Little chaos
  11. Pulling down the moon (Before you)

Gesamtspielzeit: 40:26 min.

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Armin

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2023-10-25 22:00:12 Uhr - Newsbeitrag
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