Califone - Heron King blues

Califone- Heron King blues

Thrill Jockey / EFA
VÖ: 23.01.2004

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Improvisiertes Konzeptalbum

Frisch aus dem Americana-Versuchslabor erreicht uns das neue Album von Califone, nur ein Jahr nach ihrem bisherigen schöpferischen Höhepunkt "Quicksand/cradlesnakes". Während letzteres zahllose Rezensenten dazu verleitete, Verbindungslinien herzustellen zu angeblichen Brüdern im Geiste wie Howe Gelb und Tom Waits, hat Mastermind Tim Rutilli mit "Heron King blues" einen anderen Ansatz gewählt. Vor dem Gang ins Studio gab es nichts außer einer Idee. Rutilli träumte von einem Wesen, halb Mensch, halb Vogel und fand bei Recherchen die Legende vom Reiher-König. Diese beschreibt eine Kriegslist der Römer bei der Eroberung Britanniens. Weil die Briten sich vor einem gottähnlichen Druiden, eben dem Heron King, fürchteten, verkleideten sie einen der Ihren mit einem langen Vogelschnabel, passten ihm Stelzen an und versetzten den Gegner auf diese Weise in Angst und Schrecken. Diese Geschichte also war das Leitmotiv, alles andere erarbeiteten sich die vier Califonier im Studio oder setzten auf die Kraft der Improvisation.

Doch keine Bange: Heraus kam kein hüftsteifes Machwerk in der Nachfolge des Artrocks der Siebziger. Konzept meint hier nur, daß ein durchgehendes Gefühl diese Songs durchzieht, ein Timbre, eine Schwingung. Und selbst das Wort "Songs" ist wahrscheinlich schon zu weit gegriffen, denn schon Track zwei "Trick bird" ist eben mehr ein Track in der Wortbedeutung, die uns die Elektroniker gelehrt haben. Tatsächlich finden sich gesampelte Percussions-Elemente neben Casio-Klängen, eine verzerrt kreischende Gitarre neben Orgel und Klavier. Das Ergebnis mit dem sich beständig wiederholenden Wortfetzen "Enemy my" gibt der Legende den rechten Soundtrack, einer Lautfläche näher als einem herkömmlichen Pop-Konstrukt. Überhaupt ist das Album kontemplativ geraten, die Freude am Zusammenspiel der Musiker entwickelt sich zu einer extremen klanglichen Homogenität. Ausnahmen bestätigen da die Regel: "Lion & Bee" hat ein prägnantes Bluesriff als Leitmotiv, entwickelt sich aber dennoch so zaghaft, daß der Schock erst mit dem nächsten Song kommt. Denn "Sisters drunk on each other" ist ein astreiner Funk-Reißer mit wohldosierter Wah-Wah-Gitarre, Bläsern, einem Baß, der sich das erste Mal kenntlich macht; selbst die Drum-Machine paßt sich ein.

Das Titelstück jedoch bildet auf eine wirklich bemerkenswerte Art und Weise Höhepunkt und Abschluß. Noch einmal packt Ben Massarella alle Trommeln, Becken, Glocken und werweißwelche perkussiven Gerätschaften aus. Geige und Banjo werden gegen alle Tradition zu Experimenten gezwungen, die Gitarre kreischt, und Rutillis Stimme füllt die Freiräume. Hier gestehen Califone die Improvisation am deutlichsten ein und zeigen doch über 15 Minuten, daß das nicht unbedingt kopflastig sein muß. Musik für Musiker ist es bestimmt, aber auch Nicht-Profis werden ihre Freude haben. Besonders, da die Band sich nicht vor Zitaten scheut oder aber sich zwangsläufig punktuelle Paralellen aufdrängen: Ob es ein eindeutig beim erwähnten Tom Waits geklautes Drum-Sample ist, prima Heia-Heia-Indianer-Chöre, die an Buffy Saint-Marie erinnern, sowie der Eindruck, daß Songs wie der Opener "Wing bone" mit der herkömmlichen Gesangsstimme und dem Wechsel von Strophe/Refrain nicht unbedingt Rutillis Stärke sind. Voreingenommene Ohren mögen sich an den kanadischen Betroffenheitssänger Bruce Cockburn erinnert fühlen. Doch das tut der Freude an 50 Minuten prima Unterhaltung keinen nachhaltigen Abbruch.

(Joerg Utecht)

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Highlights

  • Trick bird
  • Sisters drunk on each other
  • Heron king blues

Tracklist

  1. Wing bone
  2. Trick bird
  3. Sawtooth sung a cheater's song
  4. Apple
  5. Lion & Bee
  6. Sisters drunk on each other
  7. Heron king blues
  8. Outro

Gesamtspielzeit: 49:26 min.

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