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Plattenbau - Net prophet

Plattenbau- Net prophet

Dedstrange / Bertus
VÖ: 08.09.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Auch Marzahn hat seine Reize

Wer schon immer wissen wollte, wie denn ein vertonter Plattenbau klingt, beispielsweise in der sozialistischen Vorzeige-Großsiedlung Marzahn-Hellersdorf: Dieses Album ist die Lösung. Wem Idles zu rockig sind, obwohl deren musikalischer Stil grundsätzlich zusagt: Dieses Album ist die Lösung. Wer einfach in eine dem derzeitigen Zustand der Welt angemessene Laune kommen möchte: Dieses Album ist die Lösung. Klingt das jetzt zu repetitiv? Zu repetitiv? Das ist Teil des Konzeptes. Des Konzeptes. Glaubt keinem selbsternannten Netzpropheten, aber dem Rezensenten!

Post-ideologischen Surrealismus nennt die Band ihre Musik selbst. So etwas kann wohl nur in Berlin entstehen, wo sich vor über einem Jahrzehnt ein Waliser, ein Amerikaner und ein Schwede fanden und Plattenbau gründeten. Auf ihrem selbstbenannten Debüt saß der Anzug aus kargem Post-Punk-Sound bereits 2017 sehr knackig. Der schwedische Teil der Band verschwand vor dem erst im vergangenen Jahr erschienenen zweiten Album "Shape / shifting", mittlerweile bringen neben Lewis Lloyd und Brandon Walsh auch Sally Brown und Jesper Munk den Beton zum Klingen.

Das Quartett hat seinen Sound dezent weiterentwickelt und mit "Net prophet" ein von vorne bis hinten konsequentes und in seinen neonkalten Bann schlagendes Album aufgenommen. Der trockene Bass dominiert, aber die elektronischen Anteile sind gewachsen. Mustergültig vorgeführt gleich zu Beginn im dark-wavigen "Lichtenberg monologue", wo der Synthesizer den Ton angibt, eine Frau am Telefon keine Antwort bekommt und sich zunehmend Bedrohliches manifestiert, verstärkt durch Lloyds aggressiv-monotonen Gesang. "Manchmal schreie ich im Schlaf", sagt die Stimme, Vampire (der Großstadt?) kommen ins Spiel, Sounds kreischen, ein Schrei ertönt. Gleich danach lässt "Best Western" kaum durchpusten. Wütender Post-Punk, der dem Spätkapitalismus einen Spiegel und ein Messer gleichzeitig vors Gesicht hält. Schweißtreibend.

Wozu sich bei "AR-15", dem kürzesten Stück der Platte, außerdem Paranoia gesellt. Schön, dass es danach auch kurz mal zwischenmenschlich wird. Ob "Cloaking love" jedoch Glück verspricht? Zumindest für Fans von Joy Division. Erst in der Albummitte lassen das atmosphärische "Departed" und die folgende Fastballade "Purgatory mall" etwas Luft an die Musik. Doch Fertigbauteile schimmeln nicht. Also dämmert es gleich wieder zappenduster – von wegen "A new dawn". Aber dann, wenn man kaum noch damit rechnet, kommt mit "Celebration" tatsächlich noch ein auf seine Art optimistisches Stück daher, bevor Plattenbau zum Abschluss ein paar Slogans über die "Stadtgrenze" schubsen. Wenn wir uns zusammenreißen und den Arsch hochbekommen, können wir das mit diesem Planeten vielleicht doch noch hinbekommen. Und man kann eben doch zu Architektur tanzen.

(Thomas Bästlein)

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Highlights

  • Lichtenberg monologue
  • Best Western
  • Departed
  • Celebration

Tracklist

  1. Lichtenberg monologue
  2. Best Western
  3. AR-15
  4. Cloaking love
  5. Departed
  6. Purgatory mall
  7. A new dawn
  8. We got time
  9. Celebration
  10. Stadtgrenze

Gesamtspielzeit: 36:13 min.

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Armin

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2023-09-01 21:23:28 Uhr - Newsbeitrag
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