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Genesis Owusu - Struggler

Genesis Owusu- Struggler

Ourness / AWAL
VÖ: 18.08.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

The Krabbel is real

Wenn das Wort "kafkaesk" unironisch in einem Gespräch fällt, bewegt man sich mindestens haarscharf an der Grenze zum prätentiösen Rumgeblödel und muss sich wahrscheinlich auf den pseudo-intellektuellen Monolog eines Mannes mit Flicken auf den Sakkoellenbogen vorbereiten. Ganz anders verhält es sich, wenn Genesis Owusu Kafka erwähnt. Denn Owusu hat schon auf seinem Debütalbum "Smiling with no teeth" bewiesen, dass er eines der vielversprechendsten Talente ist, die Down Under aktuell zu bieten hat. Für Album Nummer zwei orientiert sich der in Ghana geborene Australier nun in nicht unmaßgeblichen Teilen an "Die Verwandlung", aber auch Albert Camus und Samuel Beckett werden als Eckpfeiler auf der Sinnsuche genannt. Und trotzdem wirkt der elf Songs lange musikalische Monolog kein bisschen affektiert.

Dabei inszeniert sich Owusu irgendwo zwischen den Personas "the roach" und "the struggler", und führt damit fort, was er auf seinem Debütalbum angefangen hat: eklektische, genreübergreifende Songs zwischen Indie und Rap, zwischen Pop und Soul, zwischen Gesellschafts- und Selbstkritik. Das kann klingen wie ein dystopischer Gorillaz-Song, wenn in "Tied up" in den Flammen getanzt wird: "It's Sodom and Gomorrah / Folks, strike a pose." Oder wie eine unwirkliche Symbiose zwischen elektronischem Indie-Gemurmel und abgehacktem Rap-Flow in "The roach", in dem Owusu ein bisschen klingt wie der ähnlich clevere Ghostpoet. Kein Wunder, dass er sich im Vorprogramm von Tame Impala und Glass Animals genauso zeigen kann, wie bei Paramore oder Bloc Party.

Im dramatischen "Old man" fühlt sich der Australier besonders frustriert: "There's a old man waiting in the sky just to fuck my life up." Ein Zynismus, der sich wenig später in "Freak boy" vorsichtig von Angst in Optimismus wandelt und am Ende zum größten Hit auf "Struggler" entwickelt. Mit einem vom warmen Bass und Gesang getragenen Refrain kämpft die Kakerlake gegen ihr Schicksal: "Don't wanna turn out just like you / Hating everything that you do." Wie so oft bei Owusu ist er dem Indie-Konzert näher als dem Hip-Hop-Club, ohne diesen je ganz zu vergessen. Dass seine prägnante Stimme dabei genauso (ver-)wandelbar ist wie Kafkas Hauptfigur, macht die Sache noch unberechenbarer, weil man nie weiß, welcher Genesis Owusu als nächstes aus dem Schrank gewuselt kommt. Wobei "wuseln" am Ende zu durcheinander klingt, hat sein großartiges zweites Album doch deutlich mehr Struktur als "Smiling with no teeth".

Was zusätzlich hilft: Das lose Konzept um "Die Verwandlung" taucht zwar immer wieder in kleinen Fetzen und Versatzstücken auf, springt einem aber selten ins Gesicht. Owusu nimmt sich genügend Freiheiten, um den nächsten Schritt zu machen. Versuchte er vorher vor allem als Schwarzer in einer feindlichen Umgebung zu existieren und zu überleben, ist die nächste Prüfung größer und abstrakter gedacht. "Stay blessed" nimmt noch mal ordentlich Punk mit und rennt kraftvoll gegen Widerstände: "Stay blessed, stay blessed / You killing me dead, my flesh be charcoal." Der Kampf ist also noch längst nicht vorbei, aber Genesis Owusu hat ihn auf die nächste Ebene gehoben und wird dabei nur widerspenstiger und stärker.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • The roach
  • Old man
  • Freak boy
  • Tied up
  • Stay blessed

Tracklist

  1. Leaving the light
  2. The roach
  3. Old man
  4. See ya there
  5. Freak boy
  6. Tied up
  7. That's life (A swamp)
  8. Balthazar
  9. Stay blessed
  10. What comes will come
  11. Stuck to the fan

Gesamtspielzeit: 37:58 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

jaylilovic

Postings: 20

Registriert seit 05.12.2019

2023-12-08 22:59:12 Uhr
Das ist quasi die TV on the Radio-Platte, die ich mir immer gewünscht habe.

Was sind da für Banger drauf. Jeden Tag ein anderer Favorit.

9/10

Favoriten:
- Freak Boy
- Stay blessed
- What comes will come

vinylium_senfterum

Postings: 17

Registriert seit 08.03.2023

2023-08-23 07:26:56 Uhr
Vor zwei Jahren schlug Genesis Owusu groß auf. Sein Debütalbum Smiling With No Teeth ließ ihn quasi über Nacht berühmt werden, seine innovativen Ansätze konnten begeistern. Bei ihm fließen viele Genre nahtlos ineinander, Rap trifft auf RnB, auf Rock und ein bisschen Punk. Dementsprechend hyped konnte man auf den Nachfolger sein. Die Vorabsingles überzeugten und bestätigten den Ruf als grenzüberschreitender Musiker.

Diese Platte ist durch die Bank gelungen. Nur ganz selten hat man das Gefühl, dass sich unausgegorene Skizzen auf die Scheibe geschlichen haben. Kein typisches Konzeptalbum – aber was ist bei Genesis Owusu schon normal. Aufregender Sound, vielleicht ein wenig kohärenter als das Debüt, aber deshalb nicht langweiliger.

Ganze Review: https://youtu.be/4XhDN3LV3L0

Otto Lenk

Postings: 784

Registriert seit 14.06.2013

2023-08-21 09:22:04 Uhr
Die Rezension trifft es auf den Punkt. 8/10

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26928

Registriert seit 08.01.2012

2023-08-16 21:02:24 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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