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Madsen - Hollywood

Madsen- Hollywood

Goodbye Logik
VÖ: 18.08.2023

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Träumchenfabrik

Kennt jemand noch Michael Madsen? Der Tarantino-Stammdarsteller spielt in den meisten Filmen, normalerweise B-Movies, die gleiche Rolle immer wieder: den einsamen Wolf, den lakonischen, grobschlächtigen Söldner, oft einen Bösewicht. Amerikanisch bis zum Gehtnichtmehr, dabei aber äußerst markant. An Michael Madsen erinnert man sich. Die weder verwandte noch verschwägerte Band Madsen aus dem Wendland macht zwar auch immer das Gleiche, ihr Wiedererkennungswert aber lässt zu wünschen übrig. Und wenn sie ihr neuntes Album schon "Hollywood" tauft, muss dieser holprige Vergleich nun mal eben herhalten. Madsen sorgen dafür, dass mittelhohe Festival-Slots befüllt werden können und immer genug Rock-Pose den schlageresken Indie-Pop veredelt. Die Band ist dabei grundsympathisch, mag Deutschpunk, ist in der hiesigen Musiklandschaft gut vernetzt. Machen Madsen tolle Alben? Nach dem jugendlichen Übermut ihres Debüts und dessen zwei gelungenen Nachfolgern eigentlich nicht mehr. Und "Hollywood" hat ein zusätzliches Problem.

Den guten Willen in allen Ehren, die Madsen-Messages sind jedoch ab und zu merkwürdig krumm. "Ein bisschen Lärm" propagiert Katharsis und Zusammengehörigkeitsgefühl auf dem Rock-Konzert – selbst wer eigentlich Psychopharmaka bräuchte, muss sich nur mal ordentlich "frei schreien", bei "klarem Verstand" sein, mit den "Brüdern" abhängen. Das ist mindestens Die Toten Hosen, wenn in seinem identitätsstiftenden Moment nicht gar tendenziell erinnernd an zweifelhaften Deutschrock. (Männer-)Freundschaft und Bier gibt es auch in "Willi" im Überfluss, beides überdauert schließlich sämtliche Widrigkeiten und Herausforderungen. Den Vogel ab schießen Madsen allerdings im Titeltrack und seinem zugehörigen Musikvideo: Eskapismus mag vielleicht kurzzeitig Ablenkung von den "kleinen geplatzten Träumen" versprechen. Aber wenn ein Flüchtlingskind und ein deutscher Bub aus prekären Verhältnissen über ihre gemeinsame Liebe zu US-amerikanischen Supermenschen bonden, die noch dazu einer von zahlreichen Skandalen geprägten Industrie entstammen, und das allein deren Leben auf einmal erträglich machen soll, dann ist das nicht bloß kurz gedacht, sondern insgesamt fragwürdig. Darf ein solches Klischee 2023 noch gültig sein? Die ganze kitschige "Hollywood"-Metapher funktioniert nicht.

Aber, Entwarnung, derart daneben liegt das Quartett nicht ständig, und mit einem Konzeptalbum hat man es hier ebenfalls nicht zu tun. Musikalisch wird grundsolide abgeliefert: Wenn man Foo Fighters auf Deutsch übersetzen würde, käme man auch bei "Brücken" raus, Laut-Leise-Dynamik, Tempowechsel und Hymnenhaftigkeit inklusive. Das Songwriting-Team setzt die Kompositionen folgerichtig und schlüssig zusammen, die Rock-Gebrauchsanleitung beherrschen Madsen im Schlaf. Aufregend ist das bloß selten und soll es womöglich auch gar nicht sein. Reste von Hamburger Schule und Uhlmann-Intonation zu Schrammelgitarren-Garnitur lassen sich im netten "Unter dem Radar" erkennen. Ebenfalls anständig: "Heirate mich" (kein Rammstein-Cover) samt lustigem Billo-Zombie-Video. "Yolo", sprach der Boomer. Verunglücktes wie "Das Beste von mir" ist in Ton und Inhalt hingegen komplett vernachlässigbar, hier nervt die rumfiedelnde Lead-Gitarre noch dazu wie Bolle.

Oden an die Herzblätter oder die Kindheit, Loblieder auf die Gang ("Der gleiche Weg nach Haus"), ein bisschen Party, aber nie zu doll – Madsen, seit Urzeiten zu drei Vierteln Familienunternehmen und in gleichbleibender Besetzung unterwegs, tun niemandem weh und überfordern mit ihren simplen Wahrheiten noch weniger. Die charakteristische Kante und die Unberechenbarkeit des eingangs erwähnten Namensvetters fehlen der Band, stattdessen liefert sie routinierten Alltags-Rock für den Mainstream, drückt die erwarteten Knöpfe, beschwört die richtigen Gefühle und bedient gewöhnliche Sehnsüchte für eben diejenigen, die auf "Hollywood" danach suchen. Das ist auch absolut legitim. Aber spannend, herausfordernd, Kunst? Bitte lösen Sie kein Ticket, hier gibt's nicht viel zu sehen.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Brücken

Tracklist

  1. Ein bisschen Lärm
  2. Brücken
  3. Das Beste von mir
  4. Willi
  5. Heirate mich
  6. Hollywood
  7. Der Baum
  8. Der gleiche Weg nach Haus
  9. Unter dem Radar
  10. Rock'n'Roll
  11. Wir haben immer noch die Sonne

Gesamtspielzeit: 41:00 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Superhelge

Postings: 826

Registriert seit 15.06.2013

2023-09-19 21:31:34 Uhr
....hm... gerade mal durchhör...

Der dritte Track "das Beste von mir" klingt gesanglich sehr nach Thees Uhlmann, oder??? Könnte iwie fast ein Uhlmann-Song sein. Darf jeder entscheiden, ob das nut oder schlecht ist... ;-) oder hat der 'nen Gastbeitrag gemacht???

Hoschi

Postings: 1799

Registriert seit 16.01.2017

2023-08-17 14:22:56 Uhr
Die letzte Platte von Madsen war absolut großartig !
Einfach auch weil alles etwas "Augenzwinkernd" daherkommt.
Mit den Hollywood Sachen kann ich, wie auch mit den vorherigen Platten, nicht so viel anfangen.

Robert G. Blume

Postings: 905

Registriert seit 07.06.2015

2023-08-17 11:17:50 Uhr
Das Video zu „Heirate mich“ könnte hier noch rein, da ist wenigstens Aydo mit dabei. Ansonsten sind die vorab veröffentlichten Songs ziemlich schwach. „Na gut dann nicht“ leg ich immer noch gern auf, und bei Musa Dagh hat Sascha Madsen ja mal richtig gezeigt, was er für eine geile Sau ist. Da ist so ein lauwarmes Madsen-Album nicht das Höchste der Gefühle.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26774

Registriert seit 08.01.2012

2023-08-16 21:01:50 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Z4

Postings: 8861

Registriert seit 28.10.2021

2023-06-16 20:45:38 Uhr
Omg, das sind Brüder? Macht die Band noch eine Spur schlimmer.
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