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Dream Wife - Social lubrication

Dream Wife- Social lubrication

Lucky Number / Rough Trade
VÖ: 09.06.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Lust for life

"What's it like to be a girl in a band? / I don't quite understand." Fast 30 Jahre lang war Kim Gordon schon Teil von Sonic Youth, als sie diese Zeilen ausspuckte. Weitere 15 Jahre und mindestens ein Riot-Grrrl-Revival später haben Dream Wife immer noch das gleiche Thema auf dem Herzen: "What's it like to be a woman in music, dear? / You'd never ask me that if you regarded me as your peer." Der relative Erfolg des Zweitlings "So when you gonna…" veranlasste das Londoner Trio keineswegs dazu, die Krallen einzuziehen, schließlich war dieser bereits zweischneidig: Als einzige komplett von Frauen aufgenommene und produzierte Indie-Rock-Platte, die im Jahr 2020 die UK-Top-20 erreichte, zeigte das Album wieder einmal auf, dass Gitarrenmusik weitflächig eine Männerdomäne ist. Doch wie gewohnt pflocken Rakel Mjöll, Alice Go und Bella Podpadec nicht einfach ein paar trockene feministische Pamphlete an – im Gegenteil setzt "Social lubrication" in Sachen Durchschlagskraft im Vergleich zu seinem Vorgänger sogar noch einen drauf, als würde es die angestaute Energie aus vielen Monaten unmöglicher Live-Shows im Studio rauslassen. Den Eiersalat verteilen Dream Wife eben weiterhin am liebsten auf der Tanzfläche.

"I spent so much of this youth questioning my value / Lolita's all grown up now, who knew?" Mjöll hat im seinem Titel mehr als gerecht werdenden Opener "Kick in the teeth" keinen Bock mehr auf Selbstzweifel, während die schroffen Riffs von der Kickdrum angeschubst den Abhang runterrollen. "Who do you wanna be?" fragt der folgende Song, warpt die zappligen Saiten direkt aus den New Yorker Szeneschuppen der frühen Nullerjahre, um die Dringlichkeit seines Aufrufs zu betonen. Noch mehr Indie-Disco fährt einzig der Titeltrack in seinem leicht entflammbaren Refrain auf, ein gelungener Kontrast zu Mjölls Abrechnung mit noch immer gepredigten oppressiven Frauenbildern: "Be attractive, but don't bank on it / Your womb is a ticking time bomb." Klar, dass auf diesem Album der im Zentrum der Tracklist sitzende "Leech" nur ein metaphorischer sein kann – doch während Spoken-Word-Apathie und Schreiattacken abwechselnd die patriarchalen Blutsauger bearbeiten, brennt sich vor allem ein simpler Wunsch ein: "Just have some fucking empathy!" Zwischen all der Wut lassen sich Dream Wife auch Platz für Humor und Selbstironie, wenn sie in "Hot (Don't date a musician)" eine Reihe von Berufen durch den Punk-Häcksler jagen, die Menschen aller Geschlechter lieber als Musiker*innen daten sollten.

Der Song deutet bereits die thematische Wende an, die "Social lubrication" in der zweiten Hälfte vollzieht: weg von den gesellschaftlichen Totalschäden, hin zur Zelebrierung autonomer Lust und Liebe. Das in unter zwei Minuten ausbrennende "I want you" kommt schon im Titel auf den Punkt, "Mascara" breitet auf verschmierten Achtziger-Gitarren und sphärischen Hintergrund-Harmonien seine süße Romanze episch aus. In "Curious" nähern sich Dream Wife nicht nur wieder mehr dem Pop an, sondern räumen darüber hinaus mit dem Mythos auf, dass Sexualität ein Verfallsdatum hat: "My grandma is 85 / She tells me she's finally peaking, ah, just about ripe / And so is her sex life." Mit beinah shoegaziger Schwere erzeugt "Honestly" einen Schallraum greifbarer Sinnlichkeit, die immer auf die richtige Stelle strahlende Produktion von Bassistin Go intensiviert diesen Effekt nur. Wenn das abschließende "Orbit" in den selbigen hineinpropellert, bleibt also weder Enttäuschung noch Frust übrig ­– vielmehr erhalten Dream Wife das Gefühl, dem Leben aller Ungerechtigkeiten zum Trotz noch die größtmögliche Gaudi abringen zu wollen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Who do you wanna be?
  • Social lubrication
  • Honestly

Tracklist

  1. Kick in the teeth
  2. Who do you wanna be?
  3. Hot (Don't date a musician)
  4. Social lubrication
  5. Mascara
  6. Leech
  7. I want you
  8. Curious
  9. Honestly
  10. Orbit

Gesamtspielzeit: 38:41 min.

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Armin

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2023-08-02 22:09:15 Uhr - Newsbeitrag
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