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PJ Harvey - I inside the old year dying

PJ Harvey- I inside the old year dying

Partisan / PIAS / Rough Trade
VÖ: 07.07.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Elvis in Dorset

"Starling swarms will soon be lorn / Rooks tell stories 'cross the corn / Goocoo soon will 'es leave make / Swifts abandon autumn's ache / What says drunnick, drush and dove? / Love me tender? Tender love?" Zu einem gemäßigten Stampf-Beat befragen PJ Harvey und ihr jahrzehntelanger Weggefährte John Parish die Vögel, während man als Hörer*in gleichermaßen nach Antworten ringt. Von klaren Ansagen über wie Dreckslöcher aussehende Schulen ist "A child's question, August", die erste Single aus Harveys zehntem Album, weit entfernt. Nachdem "The hope six demolition project" seine Gesellschaftskritik direkt an Washington adressierte, flüchtet sich sein Nachfolger spirituell in die Abstraktion und sprachlich nach Südengland. Es geht um Poesie statt um Politik – Hauptinspirationsquelle war Harveys 2022 veröffentlichtes Dialektgedicht "Orlam" –, um Gott, Shakespeare und irgendwie auch um Elvis. Nicht nur textlich ist "I inside the old year dying" das freiförmigste Werk der Britin, dessen Improvisationsursprung ihm zu jedem Zeitpunkt anzuhören ist.

Eine wirkliche Stilwende vollzieht die in ihrer Karriere so wandelbare Künstlerin allerdings nicht: Auch mit weniger präsenten Bläsern und ohne konkrete Regierungsschelte bewegt sich die Platte klar auf der Erblinie von Harveys Meisterstück "Let England shake". Das Sterben im alten Jahr oder im alten Ich, wie es ein grandios treibender Song mit am Ende einsetzenden Glocken-Groove im Titel ausdrückt, evoziert den Neuanfang, den Harvey im eigenen Verhältnis zu ihrer Kunst erlebte. Zermürbt von den endlosen Alben- und Tour-Zyklen machte sie nur unter der Prämisse einer absoluten kreativen Freiheit mit der Musik weiter – und landete so bei einem Dutzend Stücke, die tatsächlich so klingen, als würden sie die Erwartungen anderer keinen Deut interessieren. Minimalste Rhythmen, Saiten- und Tasten-Wolken sowie von Produzent Flood entfremdete Instrumente und Field Recordings begleiten Harveys kryptische Worte. Die Entrücktheit des unterschätzten "White chalk" ist ein weiterer Bezugspunkt, kann das Klangfaszinosum von "I inside the old year dying" jedoch auch nicht vollumfänglich erfassen.

Eine in alle Richtungen zuckende Dampfwalze wie "The wheel" gibt es hier dementsprechend nicht, die musikalische Grandeur drückt sich in weitaus subtilerer Weise aus. Harveys gebrochene Stimme irrlichtert in der Eröffnungs-Beschwörung "Prayer at the gate" durch den verzerrten und verhallten Nebel, lässt mit ihrer wunderschönen Melodie jedoch nie Zweifel daran aufkommen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. "Seem an I" wetzt einen altertümlichen Blues in die karge Landschaft und presst Eindrücke der Einsamkeit aus seiner seltsamen Lyrik: "Seem an I a childhood / Of quartere'il and wormwood / Of not-friends running nowhere / Of vog-a-veiling elsewhere" – kein Vergleich zu den unverblümten Elendspanoramen aus Harveys dokumentierten Kosovo-Besuchen, aber auch nicht gerade die Rosamunde-Pilcher-Interpretation der britischen Südküste. Doch die Waldgeister von "The nether-edge" haben keine andere Antwort parat, als mit rhythmischem Soul zum Tanz um Asche und Ruinen einzuladen.

"I ascend three steps to hell / The school bus heaves up the hill", heißt es in "Autumn term", ehe ein paar zerhackte Kinderstimmen-Samples dem Stück Anschubhilfe geben. "Lwonesome tonight" (kein Tippfehler) taucht in tiefste Folk-Verzweiflung ab, "All souls" baut auf einen geräuschhaften Puls, der den letzten Low-Alben nicht unähnlich ist. Nachdem "August" mit erhabener Geste die wesentlichen Motive des Werks noch einmal zusammengefasst hat, ist die Bühne bereit, damit sich die Beteiligten gar noch befreiter als zuvor austoben. Erst will Parish in "A child's question, July" zu atonalem Gewirr die Hecke um Rat bitten, dann stürzt sich "A noiseless noise" mit völlig ansatzlosen Krach-Gitarren in den Abgrund der Welt. "I inside the old year dying" ist trotz aller unwirklichen Brillanz nicht Harveys bestes Album, aber vielleicht dasjenige, das sie endgültig auf das Podest der Scott Walkers und Kate Bushs dieser Welt hebt: zu all den Auteurs und Auteurinnen, die frei von Genres und anderen kunstlosen Eingrenzungen ihre Kreise drehen. "Are you Elvis? / Are you God?" She's PJ Harvey.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Prayer at the gate
  • Seem an I
  • The nether-edge
  • I inside the old I dying

Tracklist

  1. Prayer at the gate
  2. Autumn term
  3. Lwonesome tonight
  4. Seem an I
  5. The nether-edge
  6. I inside the old year dying
  7. All souls
  8. A child's question, August
  9. I inside the old I dying
  10. August
  11. A child's question, July
  12. A noiseless noise

Gesamtspielzeit: 39:32 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Martinus

Postings: 593

Registriert seit 13.01.2014

2024-04-05 20:01:09 Uhr
Das Prayer at the Gate gleich zu Beginn ist echt brutal stark!
Bin sofort wieder verzaubert!

Donny-

Postings: 167

Registriert seit 19.12.2016

2023-12-20 10:34:53 Uhr
Ein Geschenk. Eine famose Playlist und so passend kurz vor den Feiertagen:

https://www.nts.live/shows/architects/episodes/architects-19th-december-2023

myx

Postings: 5017

Registriert seit 16.10.2016

2023-12-15 19:33:48 Uhr
Ich habe heute Morgen auf WFUV ("World Cafe") ein schönes, aufschlussreiches Interview mit PJ Harvey zu ihrem neuen Album gehört (samt Live Sessions), das sich hier nachhören lässt:

https://www.npr.org/sections/world-cafe/

Kojiro

Postings: 3766

Registriert seit 26.12.2018

2023-12-01 18:52:25 Uhr
Album ist von vorne bis hinten toll...

Autotomate

Postings: 6174

Registriert seit 25.10.2014

2023-12-01 18:39:56 Uhr
Ich weiß, dass ihn viele mögen, das macht meine Qual mit dem Song nicht erträglicher ;[]
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