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Shindy - In meiner Blüte

Shindy- In meiner Blüte

Shindy / Sony
VÖ: 16.06.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Geld als Stilmittel

Jetzt also doch. Gerade als es zum Meme wurde, dass Shindys fünftes Solo-Album in der Diskografie wohl übersprungen wird, ist es tatsächlich draußen. Nach "Drama" wurde es einige Jahre still um das (selbsternannte) Scheidungskind des Bushido/Arafat-Prozesses – bis auf ein dreiteiliges Special-Interview, dessen Ende einfach nie erschien. Neben "In meiner Blüte" verschob Michael Schindler auch mehrmals seine Tour-Daten. Das sorgte natürlich für Spott der Rap-Konkurrenz und geschah zum Leidwesen seiner Fans, deren Skepsis mit jedem Monat der Ungewissheit weiter wuchs. Obwohl der inzwischen 34-Jährige im modernen deutschen HipHop immer noch zu den wichtigsten Namen zählt und nicht zum ersten Mal vor einem Karriere-Scheideweg steht, so lastete der Druck auf seinen Bietigheimer Schultern selten größer. Aus der Ruhe bringen lässt sich Shindy aber auch auf dieser Platte nicht, zum Glück.

Manchmal klingt ungesunde Arroganz auch einfach smooth. "Ain't shit changed, Deutschland will mich arm seh'n", die erste Line der Single "Geld machen jung" bringt die Ausgangssituation auf den Punkt. Der Track lebt vom Vibe der gemeinsamen Blütezeit von Shindy und Star-Produzent OZ, der dieses Mal an deutlich weniger Tracks beteiligt war. Während hier Text wie Hook noch straucheln, unterstreicht Shindy mit der Eigenproduktion "September" seine unbestrittene Qualität, aus Großmaul-Rap große Kunst zu machen. Und wieder mal geht es um die Neunziger, um ihn als schwäbischen Michael Jackson, nachts im griechischen Lokal seiner geliebten Oma. Daneben besteht die Hook teilweise aus dem titelgebenden Klassiker von Earth, Wind & Fire, was zusammen mit der Sample-Melodie von Daft Punk ("Veridis Quo") phänomenal klingt. Fast schon unter geht dabei eine Textstelle, die seit Ewigkeiten überfällig schien: "Er ist all about die Kunst, Geld ist nur ein Stilmittel / Hör ihm zu, er schreibt sein Leben in die Vierviertel." Besser lässt sich die Karriere Schindlers nicht zusammenfassen.

Mit diesem Wissen klingt der "Bayern Freestyle" fast schon wie zynische Kritik an der Münchner Bonzenwelt. Zu Berliner Zeiten spielte das Setting in Shindy-Texten noch zwischen Straße, Studio und Astoria-Hotel, inzwischen klingt das so: "Ich hab' Magic wie die eine Nacht in Nazareth / Plus ich ficke hart mit dem Staatsballett / Komm in meine Hood, keiner hier hat Bargeld / Plus in meiner Straße wohnt die halbe Nationalelf." Mia san reifer als zu Ersguterjunge-Zeiten? Schon, denn Herr Schindler war während der längeren Funkstille als junger Vater und schwer zu fassender Geschäftsmann alles andere als untätig. "Steps" widmet er darum seinen Kindern. Der Song ist zwar kein musikalisches oder lyrisches Highlight – Santos in der Hook wirkt fehl am Platz –, dafür genauso wie "Oma's Hände" ehrlich rührend. Die vielleicht sinnvollste Investition dieser Platte hören wir bei "How come?", eine romantische Hook des 2011 verstorbenen Nate Dogg. Die zwei Strophen über eine Liebesbeziehung mit Hang zum Eskapismus sind dann nur noch ein Selbstläufer, es erinnert unterschwellig sogar an "Venedig" vor vielen Jahren. "Christmas at Harrods" folgt dem selben Muster, überspannt aber den Bogen zum Kuschel-Rap einen kleinen Tick zu sehr.

Wer den Stinkstiefel-Shindy vermisst, sollte bei "Go to church" genau hinhören, denn die aggressiveren Momente werden immer seltener. Die große Stärke dieser Platte ist eher ihre nostalgische Note, was Shindy nicht etwa als bloßen 2000er-Rap-Fanboy entlarvt, sondern die logische Fortsetzung seiner musikalischen Entwicklung bedeutet. Schon die letzten Veröffentlichungen haben überwiegend Retro-Einflüsse und immer weniger Battle-Rap durchklingen lassen. Am besten klingt das beim absoluten Höhepunkt "All eyez on me": Mehr Englisch als Deutsch, hochklassige (und für Deutschland überdurchschnittliche) Produktion, Lyrics voller Anspielungen und endloser Referenzen. Allein für die erlesen ausgewählten Samples dieses Tracks lohnt es sich, das ohnehin gelungene Album auf Repeat zu hören. Endlich traut sich ein hierzulande ein Rapper gleichzeitig an Destiny's Child ("Bug a boo"), 2Pac ("Ambitionz az a ridah") und das schon im Jahr 2000 unterschätzte "Pit fight" von Tony Touch mit Greg Nice & Psycho Les. Es passt wie angegossen. Vielleicht ist dieses musikalische Niveau auch eine Art Belohnung für das leidige Thema Wartezeit und damit für alle ein Win-Win-Geschäft.

(Maximilian Baran)

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Highlights

  • Bayern Freestyle
  • All eyez on me
  • September
  • How come? (feat. Nate Dogg)

Tracklist

  1. In meiner Blüte (Prolog)
  2. Bayern Freestyle
  3. Geld machen jung
  4. Cent'anni
  5. All eyez on me
  6. Christmas at Harrods
  7. September
  8. Old money
  9. Steps (feat. Santos)
  10. Kosta's Freestyle
  11. Candy rain
  12. Go to church
  13. Oma's Hände (Palamakia)
  14. Johannes der Täufer Freestyle
  15. How come? (feat. Nate Dogg)
  16. Märchen schreibt die Zeit

Gesamtspielzeit: 43:13 min.

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User Beitrag

Kojiro

Postings: 3540

Registriert seit 26.12.2018

2023-07-06 05:53:38 Uhr
Ich habe ja ohnehin recht wenig Liebe für Deutschrap, aber Shindy ist ein so dermaßen langweiliger, uncharismatischer mittelprächtiger Rapper.. Keine Ahnung, wie diese Leute diesen Hype generieren...

Armin

Plattentests.de-Chef

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Registriert seit 08.01.2012

2023-07-05 22:11:11 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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