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Angelo De Augustine - Toil and trouble

Angelo De Augustine- Toil and trouble

Asthmatic Kitty / Cargo
VÖ: 30.06.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Idylle mit Tod und Außerirdischen

Dass diese Rezension am 75. Jahrestag von Kenneth Arnolds UFO-Sichtung entsteht, mag wie eine belanglose Information wirken. Was hat das bitte zu tun mit Angelo De Augustines viertem Soloalbum? Nun, mehr als es zunächst den Anschein hat: In der Single "The ballad of Betty and Barney Hill" erzählt De Augustine die Geschichte eines Ehepaars, das vor rund 60 Jahren im ländlichen New Hampshire nach eigener Aussage von Außerirdischen entführt worden sei. Selbstredend verwirft De Augustine diese Möglichkeit nicht einfach vorschnell, sondern baut ihr ein Gerüst aus psychedelisch-verspultem Folk-Pop, der an die famose Kollaboration "A beginner's mind" mit Labelkollege, Freund und Mentor Sufjan Stevens erinnert. Tierlaute, Autogeräusche und allerhand kosmische Interferenzen funken dazwischen, doch dann endet die Reise mit einer ominösen Synthie-Fläche und dem irdischen Bekenntnis: "It wanted me, but I ran for my life / I just want to go home." Lange waren es die knarzende Akustikgitarre und ein hauchzart gewisperter Gesang, Insignien der Intimität, die De Augustines Ästhetik prägten. Sie bleiben wiedererkennbare Elemente, und doch versucht "Toil and trouble" wie schon "A beginner's mind", sich zu öffnen, in die Entrückung und das Mysterium des Unfassbaren, aber auch: einer üppigeren Instrumentierung.

Nostalgischer Hall alter Grizzly-Bear-Alben liegt über den ersten gezupften Akkorden, während verfremdete Klaviermelodien wie Übersinnliches durch den Hintergrund des Openers "Home town" tänzeln. De Augustine verweist auf eine Gewalttat in der Nähe seines Heimatortes, erklärt dunkel: "I feel responsible, just as we all may be." Es entsteht ein merkwürdiger Kontrast zwischen der träumerischen Sanftheit der Musik und dem lyrischen Blick auf das Grauen, der im Laufe des Albums manche Effekte zeitigt. "A sinister cyfer", nennt "Blood red thorn" die Vorgänge seines Texts, der Bilder archaischer Rituale und Mythe herbeiströmen lässt: "Now your eyes work overtime / Arranging oceans and watching them dry." De Augustine liegt viel daran, Orte jenseits der Ratio sichtbar zu machen. Belege dafür liefern die deutlich minimalistischeren Songs der zweiten Albumhälfte, wenn etwa "Another universe" zur eingängigsten unter vielen schönen Melodien seine Utopie postuliert: "If I created my own world / Minds would be open and unfurled." Und "Song of the siren" bekennt sich explizit zu seinem Programm, während der Capo im hohen Bund die Gitarre so fragil wie eine Ukulele klingen lässt: "I've lived my whole life just to make out the tune."

Die "Tunes" auf "Toil and trouble" präsentieren sich vor allem am Anfang mit vordergründig offenen Armen, bevor sie sich nach und nach zu verschließen scheinen. "Memory palace" ergeht sich in bittersüßer Sehnsucht, dann wippt der Refrain zu beschwingtem Gitarrenpop und kalifornischen Gesangsharmonien aus den 60er-Jahren – einer Ära, in die auch die Harrison-Leads aus "D.W.O.M.M." deuten. Wollte man das Akronym ausbuchstabieren, käme wohl "Death was on my mind" heraus, die prägnanteste Textzeile des Songs. Sie zeigt eine weitere Qualität, die sich hinter den zarten Kompositionen versteckt: "Toil and trouble" ist seinem Titel entsprechend ein mitunter höchst abgründiges Album geworden. "I don't want to live, I don't want to die" setzt mit schwergängiger Orgel ein, zu der sich rasch Streicher und Echos gesellen, um De Augustines erste orchestrale Ballade entstehen zu lassen. Thematisch pendelt sie zwischen Referenzen an kanonische Kinderliteratur (Peter Pan, Christopher Robin) und einem existentiellen Weltüberdruss, der im Spannungsfeld auch als Verlust der Unschuld gelesen werden kann. "Naked blade" gibt zu todtrauriger Melodie Suizidfantasien preis, die in eine verstörend wattierte Wärme verpackt sind. "Like a dog who's been suffering / You need to put me down", haucht der Refrain, bis einem Schauer über den Rücken laufen.

Und so trägt "Toil and trouble" auf seinem idyllischen Indie-Folk eine ganze Menge Unbehagen mit sich herum, gerät zu einer vielschichtigen Erfahrung, die über den wohlklingenden Erstkontakt hinausweist. Wollte man Kritik üben, könnte man einen gewissen Hang zur Esoterik feststellen – "Healing waters" versammelt meditatives Wasserplätschern und rückwärts abgespulte Gitarren zum hübschen Instrumental – oder De Augustines lyrische Opazität irritierend finden. Doch zugleich mag man sich kaum satthören an diesem Klang gewordenen Krämerladen, der gewohnte Perspektiven verrückt. "Toil and trouble" beschwört in seinen Folk-Gebilden eine zwischen Schönheit und Unheimlichem schillernde Psychedelik. Der Blick wandert gen Himmel: Das nächste UFO ist wohl nie fern.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Home town
  • Memory palace
  • I don't want to live, I don't want to die
  • Another universe

Tracklist

  1. Home town
  2. The Ballad of Betty and Barney Hill
  3. Memory palace
  4. Healing waters
  5. The painter
  6. I don't want to live, I don't want to die
  7. Another universe
  8. Song of the siren
  9. Blood red thorn
  10. Naked blade
  11. D.W.O.M.M.
  12. Toil and trouble

Gesamtspielzeit: 38:13 min.

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User Beitrag

AliBlaBla

Postings: 4927

Registriert seit 28.06.2020

2024-01-28 17:29:42 Uhr
Oh, hier hat noch niemand geschrieben?
Ich muss sagen, dass mir das Album in dem letzten halben Jahr recht ans Herz gewachsen ist, seit seiner (famosen) Zusammenarbeit mit Sufjan Stevens ist er uns spätestens ja präsent; er hat ein schönes Songwriter-Händchen, welches sich durch das Fehlen jedweden Pathos auszeichnet.
Eine eher ruhige, aber ausgezeichnete Platte!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26372

Registriert seit 08.01.2012

2023-07-05 22:08:54 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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