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Hak Baker - World's End FM

Hak Baker- World's End FM

Hak Attack / The Orchard / Bertus
VÖ: 09.06.2023

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wenn schon untergehen, dann mit Stil

Dass East London einem wie ein wildgewordener Dementor die Lebensfreude aussaugen kann, bemerkten Bloc Party schon anno 2007 auf "Song for Clay (Disappear here)". Hakeem "Hak" Baker, Bewohner der Isle of Dogs in ebenjenem Teil der britischen Hauptstadt, würde da wohl umgehend zustimmen, geht aber noch einen fatalen Schritt weiter: Nicht nur steht London auf der Kippe, sondern unsere ganze Welt ist am Bröckeln, und der seine Musik als "G-Folk" bezeichnende Künstler illustriert den drohenden Untergang auf seinem trotzdem kunterbunten Debütalbum mehr als gekonnt. Was dieses sonst noch mit "A weekend in the city" gemeinsam hat? Die atmosphärische Dichte und songwriterische Brillanz! Die Apokalypse verheißende Radio-Snippets liefern das Framework für "World's End FM", deren Zapping erweckt entfernte Erinnerungen an ein anderes Über-Album, nämlich "Songs for the deaf" – in very British und very black. Dazwischen pflügt Baker als Host wie ein irrer Straßenpriester durch ein Sammelsurium an verschiedensten Sounds und Stilmitteln, spricht aber nicht einfach leere Drohungen aus: Nein, der Sänger und MC jamaikanischer Abstammung inszeniert sich auf diesem Musik gewordenen Manifest als Stimme der Abgehängten und Unterdrückten – nicht zuletzt auch von Englands PoC-Community – und proklamiert Zusammenhalt und Revolution, während er die Tage bis zum Showdown entspannt runterzählt. Hand in Hand marschiert es sich nämlich wesentlich angenehmer in den Abgrund als mutterseelenallein.

Bakers Weltuntergang wird dabei mitunter zur eskapistischen (Block-)Party: Der verschrobene Instant-Hit "Doolally" beleuchtet das funkelnde Nachtleben irgendwo zwischen Cockney-geschwängertem Storytelling Marke Mike Skinner und waschechtem Funk und erweckt zunächst den Eindruck, man hätte es hier mit einem reinen Rap-Album zu tun. Im Folgenden aber belehrt Baker sein verblüfftes Publikum immer wieder eines Besseren: "World's End FM" kann nämlich genauso stilvoll mit Britpop, Indie- oder Songwriter-Sprengseln und – Grüße nach Jamaika! – der vollen Ladung Ska und Reggae umgehen. Wie der Londoner das anstellt? Er tut es einfach! Darüber hinaus flirtet er ebenso mit zickigem (Post-)Punk – gemeint ist hier vor allem die krachende Meisterleistung "Telephones 4 eyes", die mit dem Orwellschen Überwachungsstaat und der Smartphone-Generation abrechnet und verständlich macht, warum Baker demnächst mit Idles auf Tour gehen wird. Smile, you're on CCTV! Auch "Brotherhood" gibt sich aufgewühlt, spielt zu verzerrter Gitarre mit einer weiteren Idee von Punk und findet mehr als deutliche Worte zu altbackenen Rollenbildern und toughen Männlichkeitsidealen. Die Messages rütteln auf, die gebannten Radio-Hörer*innen schalten nicht mehr ab.

Derart aufgekratzt gibt sich "World's End FM" jedoch bloß, wenn es will: Das süffige "Bricks in the wall" würde auch ein Kele Okereke (siehe oben) nicht verschmähen, wenn er denn gerade Lust auf Achtziger hätte, und unter den Pop-Perlen von dessen Band Bloc Party nähme es seinen hochverdienten Platz ein. Zur ganz großen, introvertierten Hymne mausert sich "Run", spielt nach balladeskem Intro so lange Akustik-Riff, Bob-Marley-Vortrag und nervöse Bläser gegeneinander aus, bis kein Stein mehr auf dem anderen steht. All diesen Eklektizismus unter einen Hut zu bringen, scheint eine Kunst für sich. Dass Baker seine ganz eigene Genre-Bezeichnung prägen möchte, ergibt somit absolut Sinn: Er ist gleichermaßen überzeugter Protest-Singer wie der nette Irre von nebenan und jongliert mühelos mit Versatzstücken unterschiedlichster Welten, die auf Albumlänge betrachtet in einem ungemein eigenen Sound münden, den man nicht nur aufgrund der charakterischen Vocals, ob nun in den bissigeren oder gechillteren Stücken, unter Hunderten erkennt.

"I need to dance / I need to cheer / I have a laugh and persevere": Im tatsächlich reggaefiziert-folkigen "Windrush baby" frönt der Musiker einer Art melancholischem Hedonismus, beleuchtet seine jamaikanischen Wurzeln vor dem Hintergrund der Einwanderungsgeschichte seiner Großmutter und entwickelt einen unwiderstehlichen Flow. Auch "I don't know" bettet sich entspannt-zurückgelehnt mit roten Augen auf sein Akustikgitarren-Fundament. Von allzu viel Mir-doch-egal-Attitüde bleibt aber spätestens zum großen Finale nurmehr ein fahler Nachgeschmack: Die Bläser aus "Dying to live" lassen alle Köpfe hängen, langsam geht es zu Ende. Das bittersüße "Almost lost London" packt schließlich beinahe so etwas wie unkitschigen Schmuse-Soul aus und bereitet mit tragischer Streicheruntermalung den letzten Akt vor. Stunde null hat endgültig geschlagen, wenn die hochsimple, aber ebenso verführerische Melodie aus "The end of the world", die schon zu Beginn geforeshadowt wurde, nicht mehr aus dem Kopf will und England, begleitet von den Stimmen seiner Einwohner, vollends versinkt.

Nicht nur dieses abschließende Dreiergespann erzeugt eine Konsistenz und Durchschlagskraft, die "World's End FM" jederzeit innewohnen und die klarstellen, dass man es hier mit einem Ausnahmekünstler zu tun hat, dessen gar nicht mal so junge Karriere in einem ersten Meisterstück gipfelt. Baker kommt nicht aus dem Nichts, hat schon mit Pete Doherty und, weniger überraschend, The Streets angebandelt, schickt seine Mitstreiter aber nun erst mal auf die Bank. Dabei ist "World's End FM" in erster Linie ein "Album-Album" – zwar reiht sich Hit an Hit an Hit, aber auch in Sachen Dramaturgie hat der 31-Jährige nichts dem Zufall überlassen, sondern steuert seinen apokalyptischen Live-Ticker konsequent in Richtung einer erlösenden Klimax. Wie bei guter Literatur entstehen ganze Welten im Kopf, und die eingestreuten Skits sorgen zusätzlich für eine ansteckende Lebendigkeit: "The world's gonna end? I think it's about time, I'm done with it", lässt Feature-Gästin Connie Constance mittendrin mit Augenzwinkern verlauten, und man pflichtet ihr widerstandslos bei. Die Gänsehaut bleibt, Hak Baker hat uns gewarnt: Das war der letzte Tanz, aus dem Radio erklingt nur noch Rauschen. Und ob nun "G-Folk" oder Roots-Reggae-Rap-Britpop: Es bleibt zu hoffen, dass Baker im Leben nach dem Tod irgendwo weitermusizieren kann, um diesem wahnwitzigen, hochpolitischen sowie musikalisch umwerfenden Erstling einen würdigen Nachfolger zur Seite zu stellen.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Doolally
  • Windrush baby
  • Run
  • Telephones 4 eyes
  • The end of the world

Tracklist

  1. World's End FM (Intro)
  2. Doolally
  3. Windrush baby
  4. Collateral cause
  5. Bricks in the wall
  6. Full on
  7. Babylon must fall (MC Grindah skit)
  8. I don't know
  9. Run
  10. Telephones 4 eyes
  11. Watford's burning (Connie Constance skit)
  12. Brotherhood
  13. Luv u bro (Big Zees skit)
  14. Dying to live
  15. Almost lost London
  16. The end of the world

Gesamtspielzeit: 48:30 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Ralph mit F

Postings: 556

Registriert seit 10.03.2021

2024-06-25 21:33:59 Uhr
Hier gab es neuen Stuff.

"Luvly" mit Voldemort-Junior im Video:
https://www.youtube.com/watch?v=giT5MOdLuIc

"Task master", wieder Hip-Hop-mäßiger:
https://www.youtube.com/watch?v=T27_kNo_VaM

Und mein persönlicher Favorit, wenn auch nur als Feature:
https://www.youtube.com/watch?v=nPtWYcK7oAY

Skinner

Postings: 65

Registriert seit 13.01.2020

2023-12-19 14:36:12 Uhr
live im Pub mein aktueller Lieblingssong des Albums (wechselt aber sehr oft - da viele Highlights)

https://www.youtube.com/watch?v=AfIdidjHHCg&list=RDAfIdidjHHCg&start_radio=1

Weiterhin grandioses Album!

Ralph mit F

Postings: 556

Registriert seit 10.03.2021

2023-11-22 18:33:25 Uhr
Neues Video zu "Brotherhood":

https://www.youtube.com/watch?v=uhTqCM5J5vo

Ituri

Postings: 418

Registriert seit 13.06.2013

2023-09-16 20:07:03 Uhr
Heute wieder aufgelegt. Landet bei mir weit oben in der Jahresliste.

Ralph mit F

Postings: 556

Registriert seit 10.03.2021

2023-09-06 17:09:10 Uhr
Ganz viel Spaß wünsch ich! <3
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