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Hafensaengers - Sehnsucht gedeiht im Dreck

Hafensaengers- Sehnsucht gedeiht im Dreck

Waterkant
VÖ: 02.06.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Zwischen Euphorie und stechendem Schmerz

"Wege entstehen dadurch, dass man sie geht." Mit diesem verkürzten Zitat von Franz Kafka verabschiedete sich die Hardcore-Kapelle Light Your Anchor 2016 via Facebook von ihren Fans. Unterschiedliche Lebensentwürfe und Auffassungen zur musikalischen Weiterentwicklung – es waren die üblichen Gründe, die dieser verheißungsvollen deutschen Band den Stecker zogen. Die fünf Freunde verstreuten sich. Gitarrist Daniel gründete Modern Vision, Sänger Thomas Schippers hingegen Hafensaengers. Ursprünglich zu viert gestartet, sind Letztere zum Duo geschrumpft. Neben Schippers an Mikrofon und Gitarre sitzt Max Kabatnik an den Drums. Der ist wiederum der ehemalige Schlagzeuger von Modern Vision. Der Kreis bleibt also klein.

Die beiden Norddeutschen wollen auf ihrem Debütalbum "Sehnsucht gedeiht im Dreck" Punkrock machen, können ihre Vergangenheit im emotionsgeladenen melodischen Hardcore aber nicht verhehlen. Zu sehr knallt die Gitarre bei "Alles aus Nichts", zu zackig wirbeln die Drumsticks bei "So was wie Stars". Der Gesang switcht zwischen Melancholie und wütendem Schreien, positive Energie und negative Emotionen geben sich bei Hafensaengers die Klinke in die Hand. Die Gefühlslage bewegt sich "zwischen Euphorie und stechendem Schmerz", wie Schippers treffend auf "Altes Herz" singt.

Die Texte von Hafensaengers sind offen und ungeschminkt, erzählen von eigenen Unzulänglichkeiten in "Gewinner", von verschenkter Jugend im Titeltrack. Schippers geht das Songwriting weniger poetisch als Genrekollegen wie Fjørt oder Kind Kaputt an, wodurch seine Texte erfrischend direkt und weniger verkopft sind. Hinter dem heute 39-jährigen liegen harte Zeiten. Im Jahr 2020 musste er nach akutem Nierenversagen notoperiert werden, hing an der Dialyse. Heute lebt er mit einer gesunden Niere, gespendet von seiner Lebensgefährtin. Ihr widmet er "Für Elise". Der Song ist die pure Liebeserklärung, quasi "Lieblingsmensch" in authentisch: "In unserer kleinen Wohnung, mit ein paar Pflanzen und ner Couch / Du bist mein Zuhaus." Das gemeinsame Tattoo-Studio des Paares gibt "Dunkelfarben" den Titel, der mit Geschrei und Moshpart einer der härteren Songs der Nordlichter ist.

Kabatiks Schlagzeugspiel ist variabel, er beherrscht das laute, hardcorelastige Geballer und hält sich in den ruhigeren Momenten des Albums im Hintergrund. Treibende Drums und wuchtige Riffs wie auf "Drück die Daumen" lassen vergessen, dass Hafensaengers den Job nur zu zweit erledigen. In "So was wie Stars" singt Schippers über die Zeit als Szene-Prominenz, als sein Name auf allen Gästelisten der Punk- und Hardcoreschuppen zu finden war, "Gehts Dir gut" umarmt einen alten Freund. Der Blick richtet sich oft in die Vergangenheit, erst das abschließende "Vergiss' mein nicht" stellt die Frage, wohin die Reise geht. Im oben erwähnten Zitat von Kafka findet sich auch darauf eine Antwort: "Wege, die in die Zukunft führen, liegen nie als Wege vor uns."

(Andreas Rodach)

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Highlights

  • Die Stille zuhaus
  • Für Elise
  • So was wie Stars

Tracklist

  1. Sehnsucht
  2. Gedeiht im Dreck
  3. Die Stille zuhaus
  4. Altes Herz
  5. Für Elise
  6. Gehts Dir gut
  7. Drück die Daumen
  8. Alles aus Nichts
  9. So was wie Stars
  10. Gewinner
  11. Dunkelfarben
  12. Vergiss' mein nicht

Gesamtspielzeit: 30:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Gesmashter Pumpkin

Postings: 125

Registriert seit 24.05.2023

2023-06-03 11:37:34 Uhr
Die Texte sind in der Tat recht schnörkellos, vielleicht etwas zu sehr, teilweise irritieren die geleiherten Übergänge, die eher so wirken als würde man fehlenden Text kompensieren wollen.

Ansonsten werden die ja als Punk-Band betitelt. Das ist natürlich ein weites Feld.

Wenn man aber unter Punk hauptsächlich Non-Konformismus verstehen will, dann ist diese Band eigentlich das Gegenteil davon. Weder textlich, noch instrumental.

Gefühlige, tätowierte Hobbybodybuilder-Hipster-Hybride mit Gitarrenkenntnissen sind ja gerade in der Werbebranche und auch zunehmend auf den Straßen immer häufiger zu sehen. Ist halt irgendwie der aktuelle Körper-Gefühle-Kult - sprich, Mode. Nichts schlimmes, aber Punk ist das nun wirklich nicht.

Tut der Musik aber soweit keinen Abbruch, ist halt mal wieder so ein Label-Ding.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26644

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-31 21:13:34 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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