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Tunic - Wrong dream

Tunic- Wrong dream

Artoffact / Cargo
VÖ: 28.04.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Auf dem letzten Loch

Das größte Unheil fügt der Mensch sich selbst zu. Oder wie Placebo auf "Sleeping with ghosts" einmal flehten: "Protect me from what I want." Doch bevor es noch zu einem Verwechslungsfall im Indie-Glam-Milieu kommt, schnell zurück zum Thema: Auch Tunic-Frontmann David Schellenberg fragte sich zuletzt, was er eigentlich im Leben will und ob er womöglich einem "Wrong dream" anhängt – und nahm einen Vollzeit-Job an. Ob als Saftschubser, Zitronenfalter oder Schnipseloge, ist nicht überliefert. Jedenfalls nichts mit Musik. Böse Zungen könnten nun argwöhnen, der brachiale Sound seiner Band habe ohnehin wenig mit Musik zu tun, was aber dünkelhaft und außerdem unzutreffend wäre. Auf Platten wie der Frühwerke-Compilation "Exhaling" oder dem Debüt "Quitter" mochten die Kanadier ihren Noise-Rock nun mal ebenso kantig, unversöhnlich und scharf abgesägt wie etwa die Nachbarn KEN Mode, und auch auf dem neuen Longplayer glühen die Griffbretter und malmt die Rhythmusgruppe. Aber das ist noch nicht "Punishment enough".

Es reicht nämlich nicht, dass "Sounds repeat" seinem Titel gleich zu Beginn alle Ehre macht und mit einer angespitzten Gitarre immer auf den gleichen Nervenstrang einhackt: Gleichzeitig verhandelt Schellenberg auch die ruinösen Auswirkungen kapitalistischer Zwänge auf die Persönlichkeit, nagenden Selbsthass und Beziehungen, deren Toxizität so weit geht, dass eine Person sich schlafend stellt, um nicht mit der anderen reden zu müssen. Folglich erzählt auch "Disease" nicht von Pest und Cholera, sondern vielmehr vom unguten Grummeln in den Eingeweiden angesichts eines Daseins, das man zutiefst verachtet. "But what you really feel is stuck", wütet Schellenberg dazu heiser, in tiefer Agonie jault ein Riff gequält auf – manchmal die einzige passende Antwort auf die Frage, wie es denn bei der Arbeit war. Mit ähnlichen Mitteln geht "My body, my blood" in die Vollen und lässt die Industrial-Percussions auf dem letzten Loch scheppern. Der Protagonist kennt das Gefühl nur zu gut: "I'm your prey / Yours to be defeated." So geht Selbstkasteiung.

Da hilft es auch nicht weiter, "every day protected, immune from ourselves" zu sein, wenn die unfreiwillige Isolation allmählich zur ausweglosen Vereinzelung wird. Zum Glück erweist sich "Whispering" im Anschluss als genaues Gegenteil dessen, was der Song zu tun vorgibt und klotzt einen pointierten Batzen Punk in die zusehends desolate Veranstaltung. Auch die relative Poppigkeit des schnittigen "Indirect" macht mit präzisen Licks eine Menge her, ohne dass man auf einen lichterloh bratenden Zusammenprall der Instrumente verzichten müsste. Fast scheint alles doch ein gutes Ende zu nehmen – doch es warten noch der allzu frühe Tod eines alkoholkranken Freundes in "Under glass" sowie das monströse "Empty husk": Eine lärmig mahlende Swans-Installation paukt den Einstieg, bis das Stück verspätet in einen Knirsch-Rocker umschlägt und Schellenberg Gewalterfahrungen und nackte Angst verarbeitet. Schaurig-schön und bitter zugleich – wenn man sich also schon Unheil zufügen muss, dann bitte in Form von "Wrong dream".

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Disease
  • My body, my blood
  • Empty husk

Tracklist

  1. Sounds repeat
  2. Punishment enough
  3. Disease
  4. My body, my blood
  5. Protected
  6. Whispering
  7. Indirect
  8. Under glass
  9. Empty husk

Gesamtspielzeit: 31:52 min.

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User Beitrag

u.x.o.

Postings: 511

Registriert seit 29.08.2019

2023-05-24 22:22:33 Uhr
Schön das hier zu sehen. War für mich Ende letzten Monats ein Zufallsfund (Dank guter Tidal Recommendations)... machte spontan sehr viel Spaß, muss ich die Tage mal wieder hören!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26743

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-24 21:05:18 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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