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Matthew Herbert x London Contemporary Orchestra - The horse

Matthew Herbert x London Contemporary Orchestra- The horse

Modern / BMG
VÖ: 25.05.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vom Pferd erzählen

Ein gesamtes Schweineleben von der Geburt bis zur Schlachtung, hunderte Tanzende im Offenbacher Club Robert Johnson oder das Zischen einer Fritteuse in einem britischen Fischerdorf, das für den Brexit stimmte – Matthew Herberts Neugier in der Erschließung und Verarbeitung neuartiger Sounds kennt keine Grenzen. Der britische Produzent, Experimentalkünstler und Komponist, der neben eigenwilligen Konzeptalben für seine Karriere in der elektronischen Tanzmusik der Neunzigerjahre, Film-Scores oder seine Auseinandersetzung mit Mahlers 10. Sinfonie bekannt ist, schafft Werke, die nicht passiv rezipiert werden können. Viel eher werden Musiker*innen, technische Möglichkeiten und Zuhörende konstant eingebunden und herausgefordert, denn hinter avantgardistischem Jazz, neu interpretierter Klassik und tanzbarem Microhouse verbergen sich gründlich durchdachte Konzepte.

Für seinen neuesten Streich "The horse" arbeitete Herbert mit dem London Contemporary Orchestra zusammen, das vor allem im Crossover von Klassik und Pop fungiert. Als Vertreter der zeitgenössischen britischen Jazz-Szene ergänzten neben anderen Shabaka Hutchings und Theon Cross von Sons of Kemet und der Free Jazz-Saxophonist Evan Parker die akustische Seite des Projekts. Ausgehend von der Idee, den größtmöglichen Tierkörper klanglich erforschbar zu machen, widmeten sich die Musiker in individuellen Ansätzen einem Pferdeskelett. Unterstützt wurden sie durch rund 7000 Field Recordings aus dem Internet und einige Produzent*innen und Instrumentenbauer.

"The horse" gliedert sich in mehrere aufeinander aufbauende Episoden. So werden im ersten Abschnitt expositionsartig rudimentäre Klänge, neue Instrumente und Spielweisen vorgestellt. Zwischen perkussiven Klangkörpern, Darmsaiten, die über das Becken des Pferdeskeletts gespannt wurden oder Flöten aus Oberschenkelknochen findet hier ein atmosphärisches erstes Kennenlernen der ungewohnten Sounds statt, denen noch kein einheitliches Konzept zugrunde liegt. Im Albumverlauf formieren sich die Instrumente über einige motivische und rhythmische Phrasen hin zu einer klimaktischen Fusion von Akustik und Elektronik, insbesondere in "The rider (not the horse)" tritt Matthew Herberts charakteristischer Stil deutlich hervor. Durch housige Bigband-Elemente und hochfrequentierten Techno findet "The horse" im Anschluss seinen Weg in freie Jazz-Sektionen und endet in einem beruhigten Piano-Stück, das an die Neoklassik angelehnt scheint.

Matthew Herberts Konzeptalben sind keine durchweg einfache Kost und wer nach einem leicht hörbaren Feierabend-Album sucht, ist hier an der falschen Stelle. "The horse" erfordert einige Hördurchläufe und im optimalen Fall auch eine weitergehende Auseinandersetzung mit den zugrundeliegenden Konzepten. Denn narrativ wird hier sowohl die Geschichte der menschengemachten Musik an sich als auch die Historie der Beziehung von Mensch und Pferd auditiv hörbar gemacht. Verständlich, dass es dafür eine wirkliche Fülle an beteiligten Musikschaffenden, verarbeiteten Sounds und sogar an neu kreierten Instrumenten braucht. Der Reiz von "The horse" liegt gerade im dynamischen Zusammenspiel aller Beteiligten, die auf der Basis etlicher diverser Sounds eine sensationelle Reise durch Epochen, Genres und Musikästhetik ermöglichen. Und wer sich darauf einlässt, wird mit unfassbar poetischen und energetischen Klangwelten belohnt.

(Nicola Koch)

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Highlights

  • The horse is put to work
  • The rider (not the horse)
  • The horse has a voice (feat. Theon Cross)
  • The horse is here (feat. Danilo Pérez)

Tracklist

  1. The horse's bones are in a cave
  2. The horse's hair and skin are stretched
  3. The horse's bones are flutes
  4. The horse's pelvis is a lyre (feat. Jali Bakari)
  5. The horse is prepared
  6. The horse is quiet
  7. The horse is submerged (feat. Evan Parker)
  8. The horse is put to work
  9. The rider (not the horse)
  10. The truck that follows the horses
  11. The horse's winnings
  12. The horse has a voice (feat. Theon Cross)
  13. The horse remembers
  14. The horse is close
  15. The horse is here (feat. Danilo Pérez)

Gesamtspielzeit: 79:03 min.

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User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 973

Registriert seit 22.10.2021

2023-05-25 18:51:13 Uhr
The Rider gefällt mir schon mal richtig gut! Ich bin schon sehr gespannt, wie der Rest des Albums klingt

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26612

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-24 21:03:48 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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