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Billy Woods & Kenny Segal - Maps

Billy Woods & Kenny Segal- Maps

Backwoodz
VÖ: 05.05.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Wege ins Ungewisse

Wie es wohl gewesen sein mag, als Billy Woods und Kenny Segal zum ersten Mal aufeinandertrafen? Auf der einen Seite Woods, der nach wie vor auf keinen Fotografien sein Gesicht preisgibt, nicht jedoch aus Schüchternheit: Vielmehr rückt dadurch seine ästhetische Handschrift ins Zentrum, die Signatur eines der profiliertesten Underground-Rapper dieser Tage, der stets das Persönliche ins Politische spiegelt. Kein Wunder: Wie kaum ein zweiter verfügt Woods über eine globale Perspektive. Aufgewachsen in Simbabwe, verwurzelt in New York, geprägt vom Freiheitskampf seiner Eltern, hat sich Woods längst ein enzyklopädisches kulturelles Wissen angeeignet, das in seiner Lyrik mit äußerster Präzision und Eleganz verwoben wird. Auf der anderen Seite Kenny Segal, bebrillt und langhaarig, der mit ähnlicher Mühelosigkeit experimentelle Strömungen in seine Produktionen einfließen lässt, die dadurch enormen Wiedererkennungswert bekommen und dennoch catchy bleiben. 2019 kam es zur ersten Kollaboration auf "Hiding places", das mit dissonanten, langsamen Beats hinter die Fassaden eines bröckelnden Amerikas blickte. In "Kenwood speakers", dem Opener ihrer zweiten Zusammenarbeit "Maps", nickt Woods der Motivik des gemeinsamen Vorgängers zu: "Bed Stuy, got one eye on them guys / The other on a crumbling mansion." Doch vieles ist anders diesmal. Und für alle diejenigen, die noch keinen Einblick in Woods' Œuvre haben, bietet die Platte ein famoses Angebot: Zugänglicher, schillernder und abwechslungsreicher klang er selten.

"Maps" wirkt in mancher Hinsicht wie ein Kulminationspunkt in Woods' Karriere. Lose konzipiert als Album über das Leben auf Tour, klingt es wie ein surrealer, melancholisch verspulter Roadtrip mit enormer thematischer Bandbreite und illustren Gästen im Gepäck. Neben bewährten Kollegen aus dem Underground wie Quelle Chris oder Elucid kommen diesmal auch Stimmen mit größerer Reichweite zu Wort. Da wäre Aesop Rock, der gefeatured wird und zugleich punktuell an der Produktion beteiligt ist. Oder Danny Brown, der in "Year zero" die gewohnte Portion Psychose zu Woods' messerscharfen Verdikten beisteuert. "The document is undead", rappt dieser über die amerikanische Verfassung und schließt mit schmerzlich erworbenem Pessimismus an: "First sign of trouble, motherfuckers shimmy right out that human skin." In der ersten Singleauskopplung "FaceTime" steuert zu perlenden Klavierläufen und einsamen Bläsern Samuel T. Herring, Sänger der Synth-Popper Future Islands, die Hook bei. Beinahe sanftmütig kommt der Track daher, der im Kontext des Albums gar so etwas wie ein Hit ist. Woods reflektiert die Zeiten der Pandemie, kreiert mit Cormac-McCarthy-Referenzen eindrückliche Stimmungsgemälde: "FaceTime declined, I'm trying to live in the moment like death row / The sunset in the desert, red glow, redness in the west."

Wochen könnte man alleine mit der Analyse der Texte verbringen, die wie gewohnt vor Intertextualität strotzen und zugleich mit berückender Sinnlichkeit Mikroerzählung an Mikroerzählung haften. Im vertrackt-düsteren "Hangman", das atmosphärisch am ehesten an die 2023er-Großtat "Ethiopes" anschließt, lässt Woods Zärtlichkeit und Depression aufeinanderprallen. "Matisse without the color" – gerade der Entzug entwirft das Bild, in das sich Fragmente der Apokalypse einschreiben: "An ill wind in the trees, saplings bend / That bird in the hand squeezed dead." "The layover" braucht wenige Worte, um Lynchjustiz, Pandemie und Pest virtuos zu überblenden: "Black death, rubbernecking pale faces / Handkerchief soaked in perfume." Segal inszeniert Woods dabei meist dezent, mit erst auf den zweiten Blick hervortretender Komplexität, lässt aber auch die Jazz-Elemente stärker zum Vorschein kommen als auf "Hiding places". Man bemerke das Kontrabass-Solo in "Blue smoke", den gesampleten Post-Bop von "Bad dreams are only dreams", die an Four Tet erinnernde Folktronica von "Agriculture" oder die fragilen Gitarren von "NYC tapwater", das liebliche Begegnungen mit der schnurrenden Katze von einem verbal donnernden Finale einholen lässt: "Don't get it twisted boy, the city wicked, it'll crush you with its feet."

Vielleicht ist es letzten Endes seine Haltung zur Welt, die "Maps" trotz seiner thematischen Bandbreite zu einer Art Reisebericht macht. Überall sehen Woods und Segal auf ihren Streifzügen Verbindungen, legen schweifenden Blickes zunächst verborgene Zusammenhänge offen. Bei aller Wortakrobatik dringen immer wieder auch Alltagsfetzen an die Oberfläche, als deren Chronist Woods vor allem ihre Mitteilbarkeit zelebriert: "Lit the lamp bulb before the sunrise / Before sparrow cry from thistle / The kettle boil before it whistle." In manchen Momenten scheint es fast, als gelinge so ein Abschied aus dem verhassten Individualismus, auch mittels sarkastischer Distanzierung: "Already knew the options was lose/lose / Baby, that's nothing new: That just make it easier to choose, it's up to you." Doch bei aller Liebe zum Diskurs bringt nichts und niemand Woods davon ab, gelegentlich Nebelkerzen zu werfen, hinter das Enigma zurückzutreten. "Cover my tracks with backronyms", bittet er schalkhaft in "Rapper weed": "When it's my time, no need to pass the hat / Just throw me in when the fire good and crackling." Ikone im Untergrund: wie so vieles nur ein vermeintlicher Widerspruch.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Rapper weed
  • Hangman
  • The layover
  • FaceTime (feat. Samuel T. Herring)
  • NYC tapwater

Tracklist

  1. Kenwood speakers
  2. Soft landing
  3. Soundcheck (feat. Quelle Chris)
  4. Rapper weed
  5. Blue smoke
  6. Bad dreams are only dreams
  7. Babylon by bus (feat. Shrapknel)
  8. Year zero (feat. Danny Brown)
  9. Hangman
  10. Baby steps (feat. Elucid & Benjamin Booker)
  11. The layover
  12. FaceTime (feat. Samuel T. Herring)
  13. Agriculture
  14. Houdini
  15. Waiting around (feat. Aesop Rock)
  16. NYC tapwater
  17. As the crow flies (feat. Elucid)

Gesamtspielzeit: 44:08 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

boneless

Postings: 5373

Registriert seit 13.05.2014

2024-01-17 16:54:35 Uhr
Nachdem ich anfänglich so meine Probleme hatte, in die Scheibe reinzufinden, gehört sie auch für mich mittlerweile ohne Frage zu den besten Alben des letzten Jahres. Ich würde nicht mal unbedingt behaupten, dass Billy Woods ein besonders herausragender MC ist, aber die Art, wie er rappt, seine Texte und die Produzenten, die er um sich schart und die ihm perfekt passende Beats auf den Leib schneidern, das hat was Einzigartiges aktuell. Übrigens: wie geil ist eigentlich, dass man bei Babylon By Bus Aphex Twin sampled? Ich freu mich schon auf die gefühlt 5 Alben, die Woods 2024 rausbringen wird...

Stereofy

Postings: 21

Registriert seit 22.09.2019

2023-05-19 18:10:38 Uhr
ganz kommt es für mich noch nicht an aethiopes ran

Unangemeldeter

Postings: 1330

Registriert seit 15.06.2014

2023-05-18 09:43:38 Uhr
Auch mein bisher liebstes Rap-Album des Jahres. Schöne Rezi, absolut verdientes AdW.

etienoir

Postings: 879

Registriert seit 03.02.2023

2023-05-17 21:36:44 Uhr
ja. bei mir auch eines der hiphop-highlights des bisherigen jahres.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26644

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-17 21:17:23 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert. "Album der Woche"!

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