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Westerman - An inbuilt fault

Westerman- An inbuilt fault

Partisan / PIAS / Rough Trade
VÖ: 05.05.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die unerträgliche Flüchtigkeit des Seins

"Would you place your hands over my ears?" Will Westerman wandert in "CSI: Petralona" durch die Gassen seiner Wahlheimat Athen und würde all den Lärm um ihn herum am liebsten mit einem Fingerschnipsen ausschalten. Die Atmosphäre ist warm, aber auch von einer Verlorenheit geprägt, für welche die mythologisch aufgeladene Fremde der griechischen Hauptstadt wie ein Schallverstärker fungiert. Mit "An inbuilt fault" hat Westerman ein Album über Unsicherheiten geschaffen, über Selbstauflösung und Identitätszweifel. Er nennt Akira Kurosawas "Ikiru" und Ingmar Bergmans "Das siebente Siegel" als Haupteinflüsse, zwei cineastische Meilensteine, in denen die Protagonisten ihre ganz eigenen Arten von Existenzkrisen bewältigen müssen. Doch genau wie seine Vorbilder kontert der Brite die inneren Zwiespälte mit stilistischer Klarheit. Zwischen manchmal an die frühen Bon Iver erinnerndem Folk und an Gabriel, Hollis, Ferry geschultem Art-Pop entwickelt er die Vision seines Debüts "Your hero is not dead" weiter. Die ohrenschmeichelnd produzierten Songs verästeln sich schmuckvoll, ohne je die Orientierung zu verlieren, wofür nicht zuletzt Big-Thief-Drummer James Krivchenia mit seinen erdnahen rhythmischen Fundamenten sorgt.

Dessen satter, dennoch verspielter Beat lässt sich im eröffnenden "Give" nicht einmal davon beirren, wenn neben ihm Glas zerbricht. Dröhnende Streicher öffnen sich dem Wohlklang, während sich eine groovende Gitarre und Piano-Funkler dazugesellen. Nicht nur dieser Track schafft das Kunststück, in gleichem Maße opulent und intim zu klingen. Die Zutaten von "I, Catallus" ließen sich auch zu einem Achtziger-Soft-Rock-Schmachter zusammenmixen, doch klirren sie hier so staubtrocken aneinander, als hätte jemand jeden Tropfen Käsigkeit aus ihnen herausgewrungen. "Idol; Re-run" entledigt sich indes als kristallklarer, hochmelodischer Akustik-Shuffle aller Entfremdungseffekte. Der Song sei als Reaktion auf den unrühmlichen Kapitol-Sturm des Trump-Gefolges entstanden, doch Westerman interessiert sich wenig für politische Parolen. Vielmehr macht er seinem Unverständnis Luft, sucht nach den Ursprüngen ihm wesensfremder Verhaltensmuster zwischen Kryptik und Eindeutigkeit: "That matador, survival / Ammunition front / … / He's out there running scared / Like any other motherfucker." Es gibt eben so Momente, in denen man die ganze Sache mit der Menschheit am liebsten für erledigt erklären würde. "Why more records when everything's melting?" fragt "Take" mit Galgenhumor, ehe sich die Stimme des früher deutlich zurückhaltenderen Sängers fürs Schlussmantra erhebt: "Taking breaks the heart of love."

Bittere Wahrheiten leicht verdaulich zu verpacken, bleibt die liebste Fingerübung von "An inbuilt fault". "I only have myself / Now even that feels so ephemeral", leidet "Help didn't help at all" zu einer kompakten, anschmiegsamen Soul-Hypnose. Am besten wird Westerman allerdings immer dann, wenn er über die Fünf- bis Sechs-Minutenmarke hinaustreibt. "A lens turning" nimmt sich zwischen ausladenden Instrumental-Parts selbst gefangen, um die scheinbare Ausweglosigkeit seines Dilemmas zu verdeutlichen: "I don't know who I am anymore." Komplexe Percussion und ein kurzer Synthwave-Ausflug vertreiben dabei jede Anmutung von Monotonie. Der Closer "Pilot was a dancer" zeichnet seinen Protagonisten als letzten Menschen auf der Welt und will als wortlos sägende Hymne mit leichtem The-Verve-Einschlag am liebsten gar nicht aufhören. Dazwischen brennt der Titeltrack das wundersamste Feuerwerk ab, gleitet von dringlichem Fingerpicking über seufzende Bläser zu einer unbeschwerten Gospel-Einlage ohne jede Bruchstelle. Es ist das Herzstück einer Platte, die ihren Ängsten nicht nur einen traumhaften Resonanzraum baut, sondern auch in den richtigen Momenten das Gefühl vermittelt, damit nicht alleine zu sein. "Are you as afraid as I am?"

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Give
  • A lens turning
  • An inbuilt fault

Tracklist

  1. Give
  2. Idol; Re-run
  3. I, Catallus
  4. CSI: Petralona
  5. Help didn't help at all
  6. A lens turning
  7. Take
  8. An inbuilt fault
  9. Pilot was a dancer

Gesamtspielzeit: 44:29 min.

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User Beitrag

Mr Oh so

Postings: 3067

Registriert seit 13.06.2013

2024-05-07 00:50:51 Uhr
HW4

saihttam

Postings: 2427

Registriert seit 15.06.2013

2024-05-07 00:17:24 Uhr
Warum eiegntlich so wenig Aufmerksamkeit für den Mann? Schönes, sehr passioniertes und trotzdem leichtgängiges Album!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26928

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-17 21:19:45 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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