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Ed Sheeran - -

Ed Sheeran- -

Atlantic / Warner
VÖ: 05.05.2023

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Tagebuch einer Talsohle

Manchmal verdeckt die schillernde Fassade eben doch deutlich mehr, als man denkt. Wer im Laufe des Jahres 2022 ein Konzert der ausufernden und – wie sollte es auch anders sein – massiv erfolgreichen "Mathematics"-Tour von Ed Sheeran besucht hat, wird dort allen Berichten zufolge einen bestens aufgelegten Künstler mit dem üblichen Witz und Charme erlebt haben. Von der streitbaren musikalischen Qualität mal kurz abgesehen. So weit, so normal also. Selbst der Schreiber dieser Zeilen gratulierte Sheeran anno 2021 im Rahmen des Release vom fünften Studioalbum "="" zum persönlichen Glück und konstatierte: Dem geht's gut. Auf seinem sechsten Studioalbum "-" (lies: "subtract") legt der Singer-Songwriter nun die persönlichen Abgründe und Schicksalsschläge des Jahres 2022 offen: Eine Tumordiagnose bei seiner damals noch schwangeren Frau und der Tod seines besten Freundes stürzten den sonst immerwährend fröhlichen Musiker in ein tiefes Loch voller Angst und Depressionen – und ließen ein einst verworfenes musikalisches Projekt im Rahmen der persönlichen Katharsis neu aufleben. Ed Sheeran selbst beschreibt "-" als seinen persönlichen Tagebucheintrag aus dem Februar 2022; zur musikalischen Vollendung steht derweil niemand Geringeres als The-National-Mastermind und Produzenten-Hotshot Aaron Dessner an den Reglern. Eine musikalische Erdung wäre nach dem unsäglich duseligen "=" zwar durchaus willkommen. Bedauerlich aber, dass diese unter diesen Umständen erfolgt, durch Schicksalsschläge, die man niemandem wünscht, erst recht nicht dem dauersympathischen Engländer.

So schlimm die hier besungene Phase auch für den 32-Jährigen auch gewesen ist, so ertragreich gestaltet sich deren musikalische Verarbeitung auf "-". Zumindest zunächst. Direkt zum Einstieg in die Tracklist liefert der Engländer einige der besten Sheeran-Songs der vergangenen Jahre ab und zeigt sich musikalisch deutlich gefasster als noch zuletzt. Sinnbildlich hierfür steht der schöne Opener "Boat" als von akustischen Akzenten geprägtes Kleinod, das den Kitsch zwar nicht gänzlich ausschließt, aber dennoch ehrlich zu berühren weiß. "There's beauty, but it's bleak", sinniert der Singer-Songwriter, während die wie gewohnt detailreiche Produktion Dessners ihr Übriges tut und das zuletzt arg aufgeblähte Soundgewand angenehm entschlackt. Direkt im Anschluss zeigt sich auch "Salt water" reduziert-melancholisch, taktvoll und nahbar: Sanfte Beats untermalen eine bittersüße und irgendwie verzagte Selbstreflexion im Schatten des Verlusts. "It was just a dream / I can see it up ahead / I am filled with regret." Niederschmetternde Worte, denen jedoch der nötige Raum gewährt wird, um sich zu entfalten. Selbiges gilt insbesondere auch noch für den rührenden Closer "The hills of Aberfeldy", der als versöhnlicher Abschluss eine Ode an die Liebe zelebriert, mit dem Vergangenen abschließt und sich auch rein musikalisch ganz und gar kitschbefreit an das namensgebende Örtchen in der schottischen Provinz anlehnt. Es scheint beinahe so, als hätte Ed Sheeran im Moment des tiefsten persönlichen Tals die Liebe zur Musik wiederentdeckt.

Ein Eindruck, der sich – und das ist in diesem Fall wirklich traurig – leider nicht auf Albumlänge manifestiert. Wie auch schon sein Vorgänger leidet "-" an einer aufgeblähten Tracklist, die einen ansonsten soliden Eindruck leider stark verwässert. Die gute Nachricht dabei: Im Großen und Ganzen sind selbst die Tiefpunkte auf "-" noch weit entfernt von den Schmonz-Exzessen eines "=". Vielmehr wird an einigen Stellen durchaus vorhandenes Potenzial liegen gelassen. "Curtains" beispielsweise stellt mit voll ausgestattetem Bandsound und angezerrten Gitarren einen kompletten Stilbruch dar, weiß daraus aber nicht viel mehr als einen lauen Radio-Dudler zu machen. "End of youth" leidet an einem nicht so recht stimmigen Kontrast aus zermürbenden Lyrics wie "Is this the end of youth? / When the pain starts taking over" und einem aufgesetzt wirkenden Refrain, der etwas zu sehr auf die große Geste schielt. Größtenteils bleiben vor allem auf der zweiten Albumhälfte zahlreiche Stücke blass und lassen die berührende Offenheit und musikalische Raffinesse vermissen, die an anderen Stellen noch durchschien. Nichtsdestotrotz erscheint "-" als eine positive Entwicklung im Œuvre von Ed Sheeran. Der obligatorische Dusel hält sich zwar hartnäckig, die musikalische Basis ist aber ein Stück weit stimmiger geworden. Leicht war der Schaffensprozess sicherlich nicht, dafür aber immerhin in dieser Hinsicht lohnenswert. "But the waves won't break my boat."

(Hendrik Müller)

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Highlights

  • Boat
  • Salt water

Tracklist

  1. Boat
  2. Salt water
  3. Eyes closed
  4. Life goes on
  5. Dusty
  6. End of youth
  7. Colourblind
  8. Curtains
  9. Borderline
  10. Spark
  11. Vega
  12. Sycamore
  13. No strings
  14. The hills of Aberfeldy

Gesamtspielzeit: 48:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 983

Registriert seit 22.10.2021

2023-05-19 11:28:32 Uhr
Ich bin schon ganz gespannt auf den Sommerhit, den er mit Dani Filth geschrieben hat :)

Francois

Postings: 892

Registriert seit 26.11.2019

2023-05-18 07:13:13 Uhr
Sehr schön geschrieben!

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26622

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-17 21:18:44 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26622

Registriert seit 08.01.2012

2023-04-21 20:24:46 Uhr
Das kann ich nicht nachprüfen, glaube ich aber kaum. Dürfte jedenfalls bei vielen Kritikern wirken.

Kai

User und News-Scout

Postings: 2864

Registriert seit 25.02.2014

2023-04-21 20:19:42 Uhr
Hier schon aber der Pressetext wurde ja nicht extra für uns geschrieben oder gibt es vom Label aus für verschiedene Seiten verschiedene PR-Texte?
Zum kompletten Thread

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