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Benefits - Nails

Benefits- Nails

Invada / PIAS / Rough Trade
VÖ: 21.04.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Zur Lage der Nation

"Nothing great about Britain", skandierte Slowthai 2019 per Albumtitel. Inzwischen hat sich der Mann aus Northampton eher seinem Innenleben zugewandt, doch an wütenden Beobachter*innen von ethischem Verfall und Unterdrückung mangelt es dem nicht mehr wirklich vereinigten Königreich wahrlich nicht. Im Jahr von Slowthais Debüt gründete sich im nordöstlichen Teesside der Vierer Benefits. Klangen dessen frühe Songs noch wie in den Gallepfützen von Idles und Co. aufgenommen, hat das erste Album "Nails" für Szene-Zuschreibungen in etwa so viel übrig wie für Tory-Politik. Punk-Energie, erbarmungsloser Noise und unmissverständliche Spoken-Word-Tiraden fügen sich zu einer auralen Erfahrung zusammen, deren politische Performance-Kunst keineswegs aufgesetzt wirkt, sondern das thematisierte Elend unvermittelt spürbar macht. Eine auf aktuelle britische Zustände gemünzte Interpretation von Picassos "Guernica" liegt der Vinyl-Version bei, doch ist das Mittel des Ausdrucks hier eher Minimalismus als Reizüberflutung. Steve Albini ist Fan, Rishi Sunak vermutlich nicht. Nach den 35 Minuten von "Nails" liegt kein Stein des von ihm regierten Landes mehr auf dem anderen.

"Formulate your own ideas." "Question everything." "Reject hate." Im Opener "Marlboro hundreds" appelliert Frontmann Kingsley Hall noch an alle empfänglichen Ohren, während ein Avantgarde-Metal-Erdrutsch samt martialischen Drums um ihn herum die Zugänge zuzuschütten droht. Die rhythmischen Steinschläge weichen statischem Rauschen in "Empire". Benefits nehmen hier den Typus des konservativen Patrioten aufs Korn, der sein eigenes Scheitern im Sich-Klammern an vergangene Imperialverbrechen zu kompensieren versucht: "God save the Queen and hold my pint." Symbole eines zerstörerischen Nationalismus liegen von "Nails" aufgespießt auf dem sozialen Trümmerfeld. "Flag" verhöhnt verklärtes Fahnenschwenken, der in der zweiten Hälfte einsetzende Strobo-Beat macht aus dem Abriss eine Party. In solchen HipHop-Annäherungen, die manchmal an Kae Tempest erinnern, findet die Platte jedoch nicht nur Ekstase, sondern auch Momente der Abkühlung. Fast wie in Zeitlupe stapft "Mindset" durch den Schlamm medialer Manipulation, "Shit Britain" nutzt Beinahe-Pop, um die plastischsten Bilder von Armut und Vernachlässigung zu zeichnen: "The Red Arrows scream past as the homeless pile up."

Ebenfalls vergleichsweise griffig galoppiert das "Warhorse" seinem Ziel entgegen: "Recognise your enemy / Let them rot." Der rumpelige Punk-Groove verweist auf die Ursprünge der Band, auch wenn statt Gitarren hier ein paar Synths aufflackern. Am anderen Ende des Bekömmlichkeitsspektrums: "Meat teeth", das erst die rhetorische Frage "Where will you be when England burns?" auskotzt, ehe es den Untergang per Krach-Inferno vertont. Nicht nur hier wird klar, dass Benefits den Noise nie zum Selbstzweck, sondern immer in Verbindung mit ihren Botschaften nutzen: Verzerrtes, von Blast-Beats begleitetes Gelächter verdeutlicht in "What more do you want", welche Brutalität hinter nur scheinbar harmlosen rassistischen Witzen stecken kann. Und freilich will das Quartett sein Land in erster Linie retten und dessen Menschlichkeit bewahren, anstatt es ohne konstruktive Aussichten abzufackeln. Sonst würde es Hall nicht so sehr angreifen, als "Verräter" bezeichnet zu werden, dass er diesem Irrsinn einen besonders angepissten Track namens "Traitors" widmet – und sonst würde "Council rust" auch nicht zu Streicher-Samples und Ambient-Schönheit eine vorsichtig optimistische Schlussnote finden: "Never let the bastards win." Zufall, dass "Nails" nur gut eine Woche vor König Charles' Krönung samt Anschluss-Konzert erschien? Eine ehrlichere Bestandsaufnahme Großbritanniens war dort jedenfalls nicht zu hören.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Shit Britain
  • Flag
  • Council rust

Tracklist

  1. Marlboro hundreds
  2. Empire
  3. Warhorse
  4. Shit Britain
  5. What more do you want
  6. Meat teeth
  7. Mindset
  8. Flag
  9. Traitors
  10. Council rust

Gesamtspielzeit: 35:16 min.

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Armin

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2023-05-10 21:21:17 Uhr - Newsbeitrag
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