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Duesenjaeger - Die Gespenster und der Schnee

Duesenjaeger- Die Gespenster und der Schnee

Grabeland Schallfolien / The Orchard
VÖ: 12.05.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Grauzonen

"Ich male ein Bild / in allen Farben / bis es fertig ist: grau." Passender könnte ein Buchrücken zu Duesenjaegers neuem Werk kaum getextet sein, wäre "Die Gespenster und der Schnee" ein Roman. Mühen um Mühen, weiter, immer weiter, Runde um Runde im täglichen Hamsterrad drehen, die ganz ureigenen sozialen Ängste und Unsicherheiten bekämpfen. Doch so sehr sich alle auch anstrengen: Die Zeiten inmitten von Krisen und Inflation sind nicht wirklich farbenfroh. Doch Duesenjaeger konservieren ihre Kraft, denn sie speist sich nicht aus Farben, ist seit jeher im düsteren, weniger belichteten Spektrum zu finden.

Die Osnabrücker gehören zu den alten Punkrock-Hasen der Republik. Sie füllen nicht die Hallen, wie derzeit etwa Pascow oder Team Scheisse – um einmal bewusst unterschiedliche Pole in der 2023er-Punkrock-Landschaft zu markieren – doch ihr sechstes Album ist kraftvoll und krawallig. Und ganz hervorragend geraten. Sowieso: Der Sound! Unverkennbar, dieser typisch duesenjaegersche, in Moll getünchte Rumpel-Punkrock. "Da muss doch was gehen! / Weitergehen statt Liegenbleiben", haut der Vierer trotzdem mal etwas Mutstiftendes raus. Hier und da Zuversicht zu verbreiten, kann nicht schaden, denn schließlich agieren wir alle im selben "Treibsand".

Wenngleich der eine deutlich mehr Körner zum Vorangleiten bekommt als der andere ... mal sehen, wann die Politik sich endlich anschickt, diese Auswüchse sozialer Ungerechtigkeit zumindest im Ansatz in gerechtere Bahnen zu lenken. Stichwort Steuersystem. Nach uns die Sintflut? Aber bitte doch, da lassen die Moll-Punks von Duesenjager nicht zweimal bitten. Bloß im Rückwärtsgang. Begeisternde, mit Zynismus gespickte Hymnen auf den Untergang, das ist mit den neuen Stücken mehr denn je Kernkompetenz der Truppe. "Brandmelder" ist so ein herrliches Exemplar, mit Umarm-Refrain und heulender Neunziger-Gitarre, druckvoll angeschoben von der polternden Rhythmusfraktion: "Wo Asche ist / Da brennt nichts mehr", lautet das bittere wie logische Fazit. Und doch brennen sich die Zeilen ins Hirn. "Herbstmanöver" lässt sich in Sachen Ohrwurmfinale ebenfalls nicht zweimal bitten, und postuliert: "Wir tanzen in Ruinen!" So ist das wohl, wenn wenig Hoffnung auf Besserung bleibt.

Womit wir bei einer spürbaren Veränderung wären. Dieses Album brodelt, wie der fein drückende Post-Punker "Stundenglas" beweist, und geht zum Teil forscher zur Sache, als es der Vorgänger "Treibsand" tat. "Geisternetz" atmet mit einer Lungenhälfte nicht zufällig Hardcore-Luft. "Wir warten" sucht ebenfalls die Flucht nach vorn. Dem "perfekten Tag" soll bitte jeden Morgen aufs Neue hinterhergehechelt werden. Bloß in Sicht ist er nicht. "Hurra hurra Dystopia" ist Highspeed-Deutschpunk und fegt einmal quer durch den trüben Nebel deutscher Außen- und Asylpolitik, nicht ohne den Zeigefinger gegen die Doppelmoral zwischen postulierten "Werten" und politischem Handeln zu erheben. So ein wenig nach dem Motto: Wenn wir von allem ein bisschen zusammenmischen, ergibt das eine Mischung aus Braun und Grau. Ein trauriges Farbenspiel. Resignation macht sich breit, nicht nur unter allen Ewigsuchenden in "Too little, too late": Es ist zu wenig. Und zu spät.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Too little, too late
  • Brandmelder
  • Stundenglas
  • Herbstmanöver
  • Drahtseilakt

Tracklist

  1. Ins Schwarze
  2. Too little, too late
  3. Treibsand
  4. Brandmelder
  5. Stundenglas
  6. Geisternetz
  7. Vierunddreimaldiefünf
  8. Midnight crisis
  9. Wir warten
  10. Herbstmanöver
  11. Hurra hurra Dystopia
  12. Drahtseilakt
  13. Human Untergang
  14. Horde II
  15. Ein Tag im Grauen

Gesamtspielzeit: 40:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Rochen

Postings: 379

Registriert seit 15.10.2022

2023-05-22 11:25:10 Uhr
Ich muss da weiter oben zustimmen: Ich habe, seit es die Band gibt, immer wieder versucht, mit ihr warm zu werden, weil sie mir musikalisch total zusagen sollte, aber der Gesang macht das größtenteils kaputt.

Kai

User und News-Scout

Postings: 2802

Registriert seit 25.02.2014

2023-05-20 23:12:23 Uhr
Wächst.
Hab mega Bock auf die Show in Köln.
Wahrscheinlich schon jetzt beste Deutschpunk Scheibe des Jahres.

Autotomate

Postings: 6174

Registriert seit 25.10.2014

2023-05-18 17:10:43 Uhr
Ja, wegen dieses vorab veröffentlichen Songs hab ich dem Album etwas skeptisch entgegengesehen, aber der Rest gefällt mir nun auch wieder sehr gut.

Kai

User und News-Scout

Postings: 2802

Registriert seit 25.02.2014

2023-05-12 14:40:00 Uhr
Nie waren Duesenjaeger so politisch wie auf diesem Album und das steht ihnen wirklich wunderbar.

Einzig der Refrain von Midnight Crisis nervt mich etwas.

Die 8/10 sind wohl verdient.

MartinS

Plattentests.de-Mitarbeiter

Postings: 1395

Registriert seit 31.10.2013

2023-05-11 23:01:05 Uhr
Die Band sollte eigentlich genau meins sein, aber ich komm einfach auf die Stimme bislang nicht so ganz klar.
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