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Grave Pleasures - Plagueboys

Grave Pleasures- Plagueboys

Century Media / Sony
VÖ: 21.04.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Von der Wiege

Das Sterben ist ästhetisch bunt. Nassforscher Satz als Beschreibungsebene für das Wirken des Schnitters. Andererseits auch ein Album von Goethes Erben – und da die seinerzeit Angehörige des ominös benannten Genres Neue Deutsche Todeskunst waren, mussten sie vermutlich irgendetwas in dieser Richtung sagen. Ziemlich bunt geht es auch in den Artworks von Grave Pleasures zu, was für eine Band, die sich dem Post-Punk und Death-Rock alter Schule verschrieben hat, zunächst ungewöhnlich erscheint. Dann jedoch verhandelten die Finnen auf ihren Platten sowie auf der einzigen unter dem früheren Namen Beastmilk stets Dinge, die in allen Farben des Entsetzens schillern – siehe beinahe rührend pflichtbewusste Songtitel wie "Genocidal crush", "Lipstick on your tombstone" oder "No survival". Die Pest auf Kinderfüßchen? Nehmen wir auch gerne.

Auch auf "Plagueboys" geht es nämlich von der Wiege bis zur Bahre – mit Schwerpunkt auf Letzterer. So hat das "Disintegration girl" zu Anfang vielleicht keine Affinität zum The-Cure-Referenzwerk, aber dafür ein "Heart like a slaughterhouse" und schickt rollende Drums mit scharfen Licks und knörmeligen Bassläufen auf den letzten Marsch, begleitet von Sänger und Teilzeit-Hexvessel-Mann Mat McNerney, der schlürfsäuselnd "She's the end of the world in the form of a girl" postuliert. Immer mit dezent wattiertem Waschküchen-Flair, was eine Art Privileg der Skandinavier ist, seit eine tendenziell verhühnerte Produktion schon die B-Note des an sich fantastischen Beastmilk-Longplayers "Climax" ein wenig schmälerte. Sehnsüchte schmieren ab wie auf "Dreamcrash", Mutter ist die Bestie wie auf "Motherblood" – alles beim Alten also. Kein geringer Vorteil.

Berauschen kann man sich schließlich auch unter verderblichen Bedingungen zur Genüge. Etwa am vom sirrenden Keyboards umwölkten Ohrwurm "High on annihilation", der mit quasi-psychedelischen Harmonien annährend ein Friedensangebot macht, und dem maßvoll glamourösen "Lead balloons". Auch wenn angesichts jüngerer News-Meldungen der Blick verstohlen gen Himmel wandert und prüft, ob dort nicht gerade irgendetwas Konspiratives herumschwirrt. Bedrohungen, die auf "Plagueboys" öfters aufploppen – wenig verwunderlich, zumal der Großteil von Grave Pleasures in einem Land zu Hause ist, das an eine kriegstreibende Atommacht mit Dauerkarte für die nukleare Muckibude grenzt. Und auch der auf pointierte Riffs gebettete Kracher "When the shooting's done" erzählt vermutlich nicht von einer Fotostrecke für die Gothic-Illustrierte. Finstere Zeiten, Jungs.

Da kann McNerney mit seiner naturalistish orientierten Zweitband so viele Bäume umarmen, wie er will: Bei Grave Pleasures bekennt er mit romantischer Verzweiflung in der Stimme "I'm standing on the brink of imminent collapse" und lässt sich von unablässigem Schlagzeug und pieksenden Gitarren Richtung Abgrund schieben. Und mal ehrlich: Wenn wir ohnehin in einer "Society of spectres" leben, gegen die "Plagueboys" auch mit dichter Dark-Rock-Power und einsam rufenden Synth-Harmonien letztendlich wenig ausrichten kann, ist das womöglich nicht einmal die schlechteste Option. Inmitten schlankem Motorik-Beat und New-Wave-Arrangement noch ein Blick zurück: Sind das da etwa "Tears on the camera lens"? Wenn ja, ist wenigstens der Blitzomat ganz, ganz unten mit McNerney und Kollegen. Zum Trost: Das Leben ist hart. Aber es geht vorbei.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • When the shooting's done
  • Imminent collapse
  • Society of spectres
  • Tears on the camera lens

Tracklist

  1. Disintegration girl
  2. Heart like a slaughterhouse
  3. When the shooting's done
  4. High on annihilation
  5. Lead balloons
  6. Imminent collapse
  7. Society of spectres
  8. Conspiracy of love
  9. Plagueboys
  10. Tears on the camera lens

Gesamtspielzeit: 42:12 min.

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User Beitrag

NeoMath

Postings: 1778

Registriert seit 11.03.2021

2023-05-04 18:41:46 Uhr
Der erste Durchlauf und auch der zweite ließ(en) kaum etwas bei mir zurück. Ich habe es dann noch einige Male probiert und inzwischen erschließen sich die Songs. Auch wenn ich dem Vorgänger deutlich mehr (Hit-)Potenzial bescheinige, geht das neue Album hier völlig ok.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26621

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-03 20:55:55 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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