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Atmosphere - So many other realities exist simultaneously

Atmosphere- So many other realities exist simultaneously

Rhymesayers / Cargo
VÖ: 05.05.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Prozac für die Welt

Wie jetzt, "Emo-Rap"? So kündigt der Pressetext liebevoll das neue Album von den HipHoppern Atmosphere an, als hätte dieses irgendwas mit Zeitgeist oder anachronistischen Genre-Revivals zu tun. Als wären hier liebesverwirrte Teenager am Werk und nicht gestandene Familienväter um die 50. Als ginge es um die frühen 2000er und Pop-Punk-Gitarren! Die US-Amerikaner machen ihr Ding jedoch schon seit den 90ern und haben dabei so viele Alben veröffentlicht, dass sie nicht nur selbst durcheinanderkommen, sondern auch Plattentests.de gar nicht mehr mithalten konnte. "The family sign" ist zwölf Jahre her, erst mit "So many other realities exist simultaneously" finden Rapper Sean Michael Daley (alias Slug) und Sound-Tüftler Anthony Davis (aka Ant) wieder Einzug ins Archiv. Wie auch immer: Allein für die weltumarmende Mental-Health-Hymne "Okay" lohnt sich der neueste Output. Jene eröffnet die Platte auf bestmögliche Art und Weise und ist Song gewordener Balsam für all diejenigen, die unsichtbare innere Kämpfe auszutragen haben: "Happiness is my favorite physical feature / But I'm afraid I'll figure out that it's a mythical creature." Kopf hoch, Leute, "it'll be okay."

In einer dicken Stunde präsentiert das Duo aus Minnesota saftige 20 Stücke, von denen gerade mal sechs kompakten Interlude-Charakter besitzen und dabei stilecht die eher abseitigeren Sound-Spielereien ausprobieren dürfen, die Davis so im Hirn rumspuken – man nehme nur das fiebrige Gitarrensolo aus "Sterling" oder das unheilvolle Dröhnen in "Thanxiety". Grundsätzlich aber geht es um oldschoolige, oft nervös-hibbelige Beats und Samples und primär ums Innenleben des begnadeten Texters und Storytellers Daley, welches er auch hier in epischer Breite ausführt und gleichzeitig immer wieder fröhlich sein näheres Umfeld respektive das US-Alltagsleben seziert. "Tongue-in-cheek" nennt man das in Amerika wohl. Dann allerdings gibt es wieder bierernsten Conscious-Rap zwischen Sozialdrama und dringend nötiger Gruppentherapie. Die Welt ist schlecht, die Gesellschaft im Arsch – Zusammenhalt und Awareness sind jedoch mächtige Waffen.

In den sonst sehr homogenen, immer dezent R&B-mäßigen Flow sind bewusste musikalische Ausreißer integriert: Die sechs Minuten von "September fool's day" verbinden eine klagende weibliche Gaststimme mit fein kleingehacktem Beat-Gestöber, "In my head" kreuzt jazziges Getrommel mit außerirdischem Fiepen, "Sculpting with fire" irritiert mit seiner Atonalität vollends. Ein riesengroßes Herz gibt es daneben nicht nur für den Reggae-infizierten Durchhalteappell "Holding my breath", sondern auch für das sehr passend betitelte "Positive space", ob nun für "I love you from Minnesota to the moon" oder "Call me Edward James Almost". Oder auch für lyrische Ergüsse wie: "And even though the weather looking armageddon-y / I'm still out here tryin' to grow some celery." Good vibes only! Irgendwo zwischen Elektro-Funk, "The final countdown"-Gedächtnis-Synthie, Roboterstimmen und souligen Vocals schießt "Talk talk" den Vogel mittendrin sogar ab. Bei Atmosphere gibt es unheimlich viel zu entdecken.

Klar, ein bisschen Übersättigung stellt sich über die erhebliche Laufzeit ein, aber die positiven Energien, die sich auf "So many other realities exist simultaneously" angesichts einer eher suboptimalen Weltlage bündeln, entschädigen dafür. Wenn das wirklich "Emo-Rap" sein muss, dann dient er dem Gesundwerden nach dem Selbstmitleid, ehrlicher Reflexion anstelle von kajalgeschwängertem Gejammer und natürlich einem gelungenen Comeback von Atmosphere, das gar keines ist. Die nämlich machen alles richtig und sind dabei zehnmal so tröstend und true wie, sagen wir, Emo-Leichenfledderer à la Machine Gun Kelly oder befindlichkeitsfixierte Cloud-Rapper wie Yung Lean. Denn in puncto Authentizität lassen sich Atmosphere vielleicht in etwa so einordnen, wie es Daley im sommerlich-bouncenden "Dotted lines" selbst auf den Punkt bringt: "Next to Hüsker Dü / And that's super cool!"

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Okay
  • Talk talk (feat. Bat Flower)
  • Holding my breath
  • Bigger pictures

Tracklist

  1. Okay
  2. Eventide (feat. Shepard Albertson)
  3. Sterling
  4. Dotted lines
  5. In my head
  6. Crop circles
  7. Portrait
  8. It happened last morning
  9. Thanxiety
  10. September fool's day
  11. Talk talk (feat. Bat Flower)
  12. Watercolors
  13. Holding my breath
  14. Still life (feat. Murkage Dave)
  15. After tears (feat. Sa-Roc)
  16. Positive space
  17. Bigger pictures
  18. Truth & nail
  19. Sculpting with fire
  20. Alright (Okay reprise)

Gesamtspielzeit: 64:19 min.

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User Beitrag

sizeofanocean

Postings: 1361

Registriert seit 27.01.2020

2023-05-07 16:32:35 Uhr
"Eventide" nicht unter den Highlights?! Beats, Melodie, Chorus - bester Song auf dem Album.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26414

Registriert seit 08.01.2012

2023-05-03 20:55:17 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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