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The Lemon Twigs - Everything harmony

The Lemon Twigs- Everything harmony

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 05.05.2023

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Von der Bühne hinter die Bühne

Meinen die das ernst? Die Frage mag in so manchem musikinteressierten Schädel herumgeschwirrt sein, als The Lemon Twigs Mitte der 2010er-Jahre auf der Matte standen. Die zwei Brüder, die bereits mit Kinderfüßen Spuren im Schauspielgeschäft hinterließen, schienen ihre eigene Retro-Mimikry aufzuführen. Nicht nur mit dem entsprechenden Sound, sondern auch mit einem Look, als würden sie gerade von der Siebziger-Motto-Party kommen – und dass sie anstelle des "schwierigen zweiten Albums" ein beklopptes Musical hochzogen, trübte diesen Eindruck nicht gerade. Doch Michael und Brian D'Addario stecken keineswegs in den Meta-Ironie-Ebenen ihrer Generation fest, sie haben sich aufrichtig Hals über Kopf in die Musik vergangener Dekaden verliebt. Keine ihrer bisherigen Platten brachte diesen Umstand so gut rüber wie nun "Everything harmony", das alle Extravaganzen und Glam-Tendenzen der Vergangenheit – kurz: alles, was nach Show roch – über Bord wirft. The Lemon Twigs erfinden sich weniger neu, als dass sie die Essenz ihrer Ästhetik nach außen kehren. Das Resultat ist eine Sammlung 13 eleganter, feinsinnig arrangierter und manchmal leider etwas langweiliger Akustik-Pop-Stücke.

In diesem Kontext verfestigt das eröffnende "When winter comes around" vor allem den Gedanken, dass an den D'Addarios die legitimen Nachfolger von Simon & Garfunkel verloren gegangen sind. Brian zupft und singt sich ins schneebedeckte Folk-Pastoral, ehe Michael einsteigt und ein kurzer Wolkenbruch die Dynamik erhöht. Der sonnige Jangle-Pop-Himmel von "In my head" strahlt in die barocke Kammer von "Corner of my eye" hinein, das von einem Vibrafon begleitet die kontemplative Schönheit des Albums auf ihren Höhepunkt treibt. Die absolute Geschmackssicherheit ohne jeden Camp-Faktor hat auf wundersame Weise sogar in "Any time of day" Bestand, dessen käsige Piano-Anschläge und Harmonien einer Bee-Gees-Ballade den Hof zu machen versuchen. In den folgenden Tracks gesellen sich Stromgitarren und Bläser in die prall gefüllte Instrumenten-Loge, doch niemand will auf "Everything harmony" eine Party feiern. Die eh schon immer ihrem Alter vorausgeeilten Lemon Twigs sind endgültig erwachsen geworden – dass sie vor gerade einmal zwei Alben einen von Todd Rundgren adoptierten Schimpansen-Jungen bei seinen Schul-Abenteuern begleiteten, ist kaum vorstellbar.

"Every day is the worst day of my life" markiert einen Bruchmoment. Drei Minuten lang wiederholen die D'Addarios die Titelzeile und können den Eindruck plötzlicher Inspirationsarmut auch mit ein paar Beach-Boys-Chören am Ende nicht umkehren. Ab diesem Punkt beginnt die gleichförmige Reduktion der Platte trotz der Bacharach'schen symphonischen Grazie von Stücken wie "What happens to a heart" ein wenig anzuöden – aber zum Glück nur so lange, bis sie mit "Ghost run free" eine aus der Lethargie reißende Power-Pop-Perle aus der Schlaghose schüttelt. Von deren Drive beseelt, hüpft auch der Titeltrack schwungvoll auf seinen Tasten, ehe sich die anheizenden Streicher-Schwärme zum Auffangbecken für die stimmungsvolle Schlussklage formen und der Closer "New to me" aus der Sicht einer Alzheimer-kranken Person den Vorhang zuzieht. Es beeindruckt, mit was für einer Konsequenz The Lemon Twigs ihre Vision ausleben, ohne sich um Erwartungen zu scheren, und natürlich auch, wie nahe das ganze Klangbild seinen Vorbildern kommt. Doch ein bisschen zu oft erwischt man sich dabei, eine clownige Disco-Nummer wie "Only a fool" zu vermissen. Müssen die denn alles immer so ernst meinen?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Corner of my eye
  • Ghost run free
  • Everything harmony

Tracklist

  1. When winter comes around
  2. In my head
  3. Corner of my eye
  4. Any time of day
  5. What you were doing
  6. I don't belong to me
  7. Every day is the worst day of my life
  8. What happens to a heart
  9. Still it's not enough
  10. Born to be lonely
  11. Ghost run free
  12. Everything harmony
  13. New to me

Gesamtspielzeit: 48:13 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

AliBlaBla

Postings: 5734

Registriert seit 28.06.2020

2024-04-18 15:45:17 Uhr
*push*
Eines der besten Alben des letzten Jahres, irre, das jetzt schon wieder was kommt (03.05.)

edegeiler

Postings: 2963

Registriert seit 02.04.2014

2023-12-08 14:01:30 Uhr
Es ist so fantastisch! "When Winter Comes Around" allein schon!!

edegeiler

Postings: 2963

Registriert seit 02.04.2014

2023-08-10 11:32:11 Uhr
Läuft gerade und ich bin hin und weg. Tolle Arrangements, super Songs. Unterbewertet.

soniclife

Postings: 36

Registriert seit 23.08.2017

2023-05-12 09:45:51 Uhr
Mit den Trackbewertungen würde ich im Großen und Ganzen mitgehen. Insbesondere auch mit dem einzig verzichtbaren (bzw. sogar etwas nervigen) “Born to be lonely”. Dafür wäre ich bei “What happens to a Heart“ noch höher gegangen.
Alles in Allem für mich aber die positive Überraschung des Musikfrühlings und ein ganz tolles Album - auch wenn das der Rezensent leider nicht so sieht.

AliBlaBla

Postings: 5734

Registriert seit 28.06.2020

2023-05-11 09:17:27 Uhr
So, gezz aber:

When winter comes around 8
In my head 8
Corner of my eye 9
Any time of day 9
What you were doing 7,5
I don't belong to me 8
Every day is the worst day of my life 8,5
What happens to a heart 8
Still it's not enough 7,5
Born to be lonely 5
Ghost run free 8
Everything harmony 9
New to me 8,5

Insgesamt ihr bisher bestes Album, ganz klar! Rund und schön retro soundig, im besten Sinne. Von mir aus singen sie auch mal leicht daneben, macht nix, ist alles handgemacht. Ich hätte allein auf "Born to be lonely" verzichten können.
Wer etwas mehr Punch erwartet hat, sie wären ja nicht THE LEMON TWIGS, wenn sie Erwartungen erfüllen würden. Ich finde sie übrigens sehr cute (off topic).
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