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Jungstötter - One star

Jungstötter- One star

PIAS / Rough Trade
VÖ: 28.04.2023

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Schweres Gepäck

Fabian Altstötter, einst Aushängeschild der gefeierten Indie-Sensation Sizarr aus dem beschaulichen Landau, wandelt mit Vorliebe auf den dunklen Pfaden des Lebens. Der begnadete Crooner ist mittlerweile in Wien ansässig, wo er mit Anja Plaschg zusammenlebt – besser bekannt als Dirk von Lowtzows Tauchpartnerin Soap&Skin –, und fernab des Trubels seiner ehemaligen Wahlheimat Berlin an seinem zweiten Solo-Werk gebastelt hat. Es scheint keine ganz einfache Zeit gewesen zu sein, wenn man dem Brocken, der "One star" geworden ist, Gehör schenkt. Vom tumben Humor der Wahl des Künstlernamens ist nichts mehr zu spüren, und auch Nick Cave hat ausgedient: Altstötter präsentiert eine abgründige, nicht immer ganz offensichtliche Art-Pop-Installation, während niemand Geringeres als David Bowie väterlich von oben wacht. Besonders deutlich wird dessen Einfluss im Breakbeat-Epos "Air", das sich mit distanziertem Piano, filmreifen Violinen und sehnsuchtsvollem Aufwärtssog als Glanzstück des Albums zu erkennen gibt. Die hier so mitreißende Intensität kann Altstötter nicht immer derart prägnant auf den Punkt bringen: Die Abstraktheit der Kompositionen und zwischenzeitlicher Spuren-Overload – kaum ein Stück kommt ohne Streicher aus – erdrücken manchmal mehr, als dass sie Luft zum Atmen lassen.

Natürlich ist das todtraurige Organ des Künstlers weiterhin sein größtes Kapital. Im jazzigen "Sensation" lässt er es gar ein wenig nach dem Falsett des Editors-Frontmanns Tom Smith klingen und tapfer gegen betrübte Bläserfanfaren ankämpfen. Klarheit wie hier sucht man jedoch nicht bloß im verschrobenen "Nothing is holy", sondern auch auf dem Rest des Albums vergeblich. Ausgefuchste Percussion-Spielereien mit deutlichem TripHop-Einschlag und allerlei akustisches Störfeuer verkleiden die leidenden und leidenschaftlichen Vocals gekonnt, während Eingängigkeit keine Priorität mehr hat. Das tonnenschwere Moll-Piano und der stimmliche Vortrag in "Thrashers swath" erinnern ungemein an Benjamin Clementine, wäre dieser nach seinen Stationen in London und Paris schlussendlich nach Wien ausgewandert. Keine unrealistische Vorstellung. Aber der Balanceakt, unbedingten Kunstwillen und spannendes Songwriting unter einen Hut zu bringen, gelingt Kosmopolit Clementine eleganter als dem Pfälzer Altstötter. Im Closer gibt ein nach untoten ABBA klingender Chor den Albumtitel zum besten, und man applaudiert angesichts der klaren Vision des Künstlers, trotz aller Schwermut richtig freizudrehen. Nur ist der Weg dorthin steinig und lang, und die ganze Zeit über regnet es in Strömen.

Ein bisschen entsteht das Gefühl, dass Altstötter einfach mal alles gegen die Wand klatscht und zusieht, was kleben bleibt. Die ballernden Beats im längsten Stück "Ribbons" weichen später erst schrägen, dann wieder merkwürdig kitschigen Streichern und schließen irgendwann zwar den Kreis. Einen gänzlich runden Song ergibt das allerdings kaum, wenn später auch noch eine verfremdete Zweitstimme wie eine gespenstische Björk "All I need is love" zu skandieren beginnt. Hier passiert ziemlich viel, gleichzeitig vielleicht dennoch nicht genug. Die abseitige Noise-Säge "Burdens" zwischen kaltem Industrial-Charme und wieder TripHop zeigt sich da zwingender, und auch der erhaben dräuende Opener "Know" zündet schlüssiger. Das von Kollege Pilgrim möglicherweise mit einem Punkt zu wenig abgespeiste "Love is" war jedenfalls songdienlicher und fokussierter unterwegs, "One star" muss man sich minutiös erarbeiten. Dafür aber entlohnt es dann mit ungemein dichter Atmosphäre und hochromantischem Drama. Wenn dereinst in Landau wirklich was im Wasser war, das sowohl Altstötter als auch Klassenkamerad Max Gruber zur Genüge abbekommen haben, sorgt es nicht immer für Meisterwerke. Aber für sympathischen Größenwahn allemal.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Know
  • Air
  • Burdens

Tracklist

  1. Know
  2. Sensation
  3. Nothing is holy
  4. Air
  5. Ribbons
  6. Thrashers swath
  7. You (Everywhere)
  8. Burdens
  9. My fear is a looting game
  10. One star

Gesamtspielzeit: 48:18 min.

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User Beitrag

Deaf

Postings: 2735

Registriert seit 14.06.2013

2023-05-03 15:02:10 Uhr
Ich mochte das Debut, ins aktuelle Album habe ich jedoch nicht reingehört bisher - gemäss der Beschreibung dürfte es mir auch nicht besonders gefallen, aber mal sehen.

Konzert in Zürich diesen Monat wurde gerade abgesagt, und zwar aufgrund des zu geringen Vorverkaufs. Tut mir leid für ihn.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26621

Registriert seit 08.01.2012

2023-04-26 21:05:46 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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