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Deerhoof - Miracle-level

Deerhoof- Miracle-level

Joyful Noise / Cargo
VÖ: 31.03.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Mondgestein bröckelt erdwärts

Wer Deerhoof auf ihrem Twitter-Account besucht, findet dort neben zahlreichen Retweets etwa Aufrufe zum Maskentragen, US-Präsidenten nach Milliardärshörigkeit sortiert oder Korrekturen von Barack Obamas Geschichtskenntnissen. Der Grund dafür ist laut der Band einfach: Während sie ihre politischen Meinungen tweetgerecht formulieren können, würden ihre Gedanken über Musik jede Zeichenbegrenzung sprengen. In Anbetracht ihres bisherigen Schaffens, fast 30 Jahren voller DIY-Indie-Pop-Kurzschlüsse zwischen Math, Noise und Kindergeburtstag, lässt sich diese Begründung nachvollziehen. Es überrascht daher kaum, dass Deerhoof selbst auf ihrem 19. Album noch Neues wagen: "Miracle-level" ist nicht nur ihre erste vollständig in einem richtigen Studio aufgenommene, produzierte und gemischte Platte, sondern auch die erste mit Lyrics komplett auf Japanisch, der Muttersprache von Sängerin und Bassistin Satomi Matsuzaki – was übrigens auch für die zwei Songs gilt, in denen Drummer Greg Saunier vors Mikro tritt. Erstaunlich ist eher, wie gut dem Vierer dieses Gewand steht und wie zugänglich er trotz der Sprachbarriere daherkommt. Mit raumgreifender Live-Wucht und ohne gelooptem Konfetti klingen Deerhoof weniger wie die anarchischen Geschwister von Architecture In Helsinki und mehr wie eine perfekt eingespielte Jazz-Rock-Band.

Was freilich immer noch heißt, dass sie auf ihren musikalischen Wildwasserfahrten keinen Nebenarm auslassen. Der Opener "Sit down, let me tell you a story." wechselt in gut zwei Minuten so oft Tempo und Riff-Textur, dass selbst eine allumfassende Nicht-Kategorie wie "Avantgarde-Punk" zu kurz greift. "My lovely cat!" – eine Würdigung von Lil Bub, einer internetprominenten, 2019 verstorbenen Katze, deren Besitzer Mike Bridavsky das Album produzierte – koppelt über sich selbst stolpernde Strophen mit einem himmlischen Dream-Pop-Refrain, ehe das Schlussdrittel jede seriöse Prog-Band verschämt in die Ecke stellt. Eine vergleichbare Intensität entwickelt das halb von Saunier gesungene, dissonant-shoegazige "Everybody, marvel", während die Gitarren Mondgestein abbröckelnd ausleiern. Doch Deerhoof finden in ihrem neuen Selbstverständnis auch Zeit zum Durchschnaufen. "The poignant melody" fließt und beruhigt wie ein Brunnen in einer luxuriösen Hotel-Lounge, der Titeltrack beginnt als Piano-Ballade, um nach schräg-funkigem Orgel-Intermezzo auf seinen Saiten davonzuschweben. Klang Matsuzakis Stimme in den aufgedrehteren Kontexten von früher selbst manchmal etwas schrill, fragt man sich hier, ob sie in ihrer Freizeit Samttücher gurgelt.

Ebenfalls in ruhigeren Gewässern fischen der sanft gebasste Bossa-Nova-Streichler "The little maker" sowie das abschließende Keyboard-Stück "Wedding, march, flower" – der zweite Gesangsauftritt des einzigen verbliebenen Gründungsmitglieds der Band. Es ist, diplomatisch ausgedrückt, nicht gerade das stimmliche Highlight der Platte, doch Saunier haut am Kit mehr als genug raus, um anderweitig fehlende Skills auszugleichen. Das überdimensionierte Glam-Geschredder von "And the moon laughs" treibt er versiert vor sich her, bevor er "Momentary art of soul!" in einen atonal-polyrhythmischen Kraut-Groove hineinstrudelt, der alles in seinem Weg in den transzendentalen Mörser saugt. Über alle Widerstände hinweg und aus eigener Kraft die Welt auf "Miracle-level" zu heben, setzt sich als emotionaler Kern dieser elf Songs ab, den man ohne auch nur ein verstandenes Wort verinnerlicht. Wer es doch ausgeschrieben haben möchte, bekommt zu Kuhglocken und brummliger Verzerrung die Message in einen alles sagenden Songtitel verpackt: "Phase-out all remaining non-miracles by 2028". Das ist doch mal eine Agenda, gegen die kein vernünftiger Mensch antweeten muss.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • My lovely cat!
  • Everybody, marvel
  • Momentary art of soul!

Tracklist

  1. Sit down, let me tell you a story.
  2. My lovely cat!
  3. The poignant melody
  4. Everybody, marvel
  5. Jet-black double-shield
  6. Miracle-level
  7. And the moon laughs
  8. The little maker
  9. Phase-out all remaining non-miracles by 2028
  10. Momentary art of soul!
  11. Wedding, march, flower

Gesamtspielzeit: 35:55 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Otto volle Möhre

Postings: 1132

Registriert seit 21.06.2021

2023-04-19 21:17:43 Uhr
Coole Rezensionsüberschrift, gnakdinak. ;-)

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26581

Registriert seit 08.01.2012

2023-04-19 21:16:44 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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