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St. Paul & The Broken Bones - Angels in science fiction

St. Paul & The Broken Bones- Angels in science fiction

ATO / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 21.04.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Väterchens Post

Paul Janeway ist vieles. Stimmlich unverkennbarer Soul-Sänger, hypnotisierender Bühnenkünstler, ehemaliger Priester-Aspirant, und vor allem: ein Familienmensch. "Young sick camellia"war von Gesprächen mit seinem Großvater durchzogen, in denen die beiden Männer die Unterschiede ihrer Weltsichten offenlegten. "Angels in science fiction", das fünfte Album von Janeways Band St. Paul & The Broken Bones, führt den Generationendialog fort, indem es seine zwölf Songs als Briefe an die zur Zeit des Schreibprozesses noch ungeborene Tochter versteht. Klar, dass der apokalyptische Unterton des vergleichsweise experimentellen Vorgängers "The alien coast" hier einer kinderfreundlicheren Geschmeidigkeit weichen muss. Doch wer die erstaunlich ruhige Platte vorschnell als Schlaflieder-Sammlung abstempelt, verpasst ein musikalisch wie thematisch komplexes Werk, auf dem das Oktett seine Stärken in subtilerer Form ausspielt.

"I hope you get your mother's eyes / Red clay cracked by the stream", säuselt der Glitzerjackett-Träger ganz zärtlich im eröffnenden "Chelsea", begleitet nur von Piano und Orgel, ehe der Track abhebt. Der Vorhang geht auf, den inneren Showman zu unterdrücken, wäre ja schließlich eine Lüge vor dem Kind – "To be an entertainer, you got to know when to take your shot", weiß dazu passend "City Federal Building". In diesem zwischen Bass und Streichern aufgehängten Drama-Groover zeigt Janeway seiner Tochter ihre Heimatstadt Birmigham, Alabama, motiviert sie jedoch auch dazu, ihren eigenen Weg zu finden und sich nie davon abbringen zu lassen. Schon der Albumtitel verschränkt christliche Mythologie mit Science Fiction, und das Spannungsverhältnis von Vergangenheit und Zukunft, von Tradition und Progression bleibt das liebste Betätigungsfeld von St. Paul & The Broken Bones.

Angespornt durchs Vatersein liegt Janeway dabei auch die Entwicklung der Welt und Gesellschaft am Herzen. Das von Browan Lollars Gitarren-Schaumkronen umspülte "Sea star" sei von einer Geschichte inspiriert, in der ein Mann gestrandete Seesterne zurück ins Meer schmeißt – kleine Gesten, die nicht unbedingt die Erde retten, aber zumindest für jeden heimgekehrten Seestern einen Unterschied machen. Der teilweise gerappte Kopfnicker-Funk von "Wolf in rabbit clothes" nimmt sich Corona-Falschinformationen konservativer Medien zur Brust – textlich auffällig scharfzüngig, doch keine Gefahr für die schutzgebende Wohlklangs-Krippe eines Albums, das die auf den jüngsten Vorgängern präsenten elektronischen Beats und Verzerrungen weitgehend zurückfährt. Dem Krach am nächsten kommt "Oporto-Madrid Blvd", dessen vom Saxofon windschief geblasener Blues die Gleichzeitigkeit von Elternglück und Angst auf den Punkt bringt: "Get your hands off me / I'm just a man / With a baby and a pistol in his hand."

Die Seltenheit solcher Bruchmomente mag diejenigen enttäuschen, welche die Band vor allem für ihre Vielseitigkeit und Überraschungslust schätzen, doch "Angels in science fiction" belohnt das genaue Hinhören. Der eh schon großartige Titeltrack fasert in einer geisterhaft-psychedelischen Coda aus, unauffällig schöne Stücke wie "Magnolia trees" oder "South Dakota" gewinnen zusätzliche Tiefe durch den Kontext dahinter – letzteres sei etwa gleichermaßen eine Würdigung für Bassist Jesse Phillips wie eine Erinnerung Janeways an den Babymoon mit seiner Frau. Die Moritat "Heat lightning" reißt indes ungeahnte Abgründe auf, wenn der Erzähler sein Kind verabschiedet, nachdem dieses einen Mord beging. Auch der pompöse Closer "Marigold" – der Name von Janeways Tochter – webt in seine Liebeserklärung eine nüchterne Konfrontation mit der kommenden Lebensrealität ein: "I don't want you to be alone / But I gotta go / I've got a show." Ein kleines bisschen Untergangsstimmung schwingt bei St. Paul & The Broken Bones eben doch noch mit.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • City Federal Building
  • Angels in science fiction
  • Wolf in rabbit clothes

Tracklist

  1. Chelsea
  2. City Federal Building
  3. Magnolia trees
  4. Sea star
  5. Heat lightning
  6. Angels in science fiction
  7. Wolf in rabbit clothes
  8. South Dakota
  9. Oporto-Madrid Blvd
  10. Lonely love song
  11. Easter bunny
  12. Marigold

Gesamtspielzeit: 39:18 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26836

Registriert seit 08.01.2012

2023-04-12 20:36:49 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Grizzly Adams

Postings: 4863

Registriert seit 22.08.2019

2023-02-08 22:40:57 Uhr
Eine Band, der man durchaus folgen kann. Vor allem, wenn man eine Affinität zum Sound einer Soul Band hat. Auf Bandcamp ist der Track Sea Star übrigens schon zu hören. Hier die Tracklist des neuen Albums: 1. Chelsea, 2. City Federal Building, 3. Magnolia Trees, 4. Sea Star, 5. Heat Lightning 6. Angels In Science Fiction 7. Wolf In Rabbit Clothes 8.South Dakota 9. Oporto-Madrid Blvd 10. Lonely Love Song 11. Easter Bunny 12. Marigold

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26836

Registriert seit 08.01.2012

2023-02-08 19:16:17 Uhr - Newsbeitrag
St. Paul & The Broken Bones - Angels In Science Fiction

"Angels in Science Fiction", das neue Album von St. Paul & The Broken Bones, erscheint am 21. April über ATO Records! Geschrieben wurde das Album innerhalb weniger Wochen, nachdem Sänger Paul Janeway erfahren hatte, dass seine Frau Marigold schwanger war. Nach dem Vorbild von Aristoteles, William James oder John Steinbeck schrieb Janeway das Album in Form einer Reihe von Briefen an seine damals ungeborene Tochter.

"Themes throughout the album are faith, nature vs nurture, anxiety and beauty. This is a record I would have written whether I did this for a living or not. I don’t know if those records come along all the time.” Aufgenommen wurde dann gemeinsam mit Produzent Matt Ross-Spang (Jason Isbell, John Prine, Elvis Presley) in den Sam Phillips Recording Studios in Memphis.

Die zwölf Songs des achtköpfigen Ensembles, das 2011 in Alabama gegründet wurde, sind dabei stark von einer Mischung aus Hoffnung und Angst geprägt, die Janeway als werdender Vater erlebte. Viele der verträumtesten Songs des Albums reflektieren beispielsweise über den Tod - angespornt durch die Sorge, eine Tochter in eine zerrissene Welt zu bringen. Die erste Single des Albums, "Sea Star", erscheint mit einem begleitenden Video, einer Hommage an den Heimatstaat der Band, das auch eine erste Einführung in die großen Themen des Albums bietet.

"'Try your best to make a difference, starting with the people that are around you.’”, erzählt Janeway. “My daughter is a strong tide that has pulled me back in. Having a child can give people a feeling of redemption, and a renewed sense of purpose—especially when they’re feeling lost and empty.”
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