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100 Gecs - 10,000 Gecs

100 Gecs- 10,000 Gecs

Atlantic / Warner
VÖ: 17.03.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Relevanter als alle, die Du kennst

Laut Craig Kallman, dem Verantwortlichen für 100 Gecs' Major-Label-Signing, sei die Entwicklung des Duos von dessen Debüt zum Zweitling vergleichbar mit der Wende von "Bleach" zu "Nevermind". Ein Stück branchenüblicher PR-Überhöhung, das zumindest ob der Zeitgeist-Kanalisierung der Band jedoch auch ein Schälchen Wahrheit enthält. Mit "1,000 Gecs" etablierten sich Laura Les und Dylan Brady als Ikonen des Hyper-Pop, jenes wie circa fünf gleichzeitig geöffnete Audio-Tabs klingenden Genres, das die Überreizung des TikTok-Zeitalters versteht wie kein anderes. Wenn 100 Gecs für den Nachfolger "10,000 Gecs" nun ihre Turntables verkaufen, um Gitarren zu besorgen, tun sie das freilich nicht, um sich dem Typus Musikhörer anzubiedern, der über den Nirvana-Vergleich die Nase am lautesten rümpft – sondern um mit Pop-Punk-, Nu-Metal- und Ska-Neigungen ausgerechnet die uncoolsten Ausläufer der Millennial-Gitarrenmusik ins Boot zu holen. Genialer Revisionismus oder heilloses Meme-Wirrwarr, dessen post-post-ironische Verstrickungen kein Ende kennen? Zum Glück muss man diese Frage für sich selbst gar nicht beantworten, um den wahnsinnigen, dummen Spaß daran zu erleben, konzentrierte Geschmacklosigkeiten ins Gesicht geschleudert zu bekommen.

Trotz einer Gesamt-Albumlänge von nicht einmal 27 Minuten macht der Opener "Dumbest girl alive" gleich die Blockbuster-Ambitionen klar, wenn er mit der unverkennbaren THX-Deep-Note eröffnet und ein überzeichnetes Headbang-Riff in den Kinosaal stürzen lässt. Les verlangt Autotune-getränkt nach Emojis auf ihrem Grabstein, während eine Flamenco-Gitarre kurz Luft holt. Vereinzelte Glitches stolpern durch den Track, und auch der gradlinige Indie-Skate-Punk von "Hollywood baby" will gar nicht verbergen, dass er wie ein KI-Hybrid von Weezer und Blink-182 klingt. Doch 100 Gecs haben es melodisch so verdammt gut drauf, dass man im Verlauf der Platte wegen überhaupt nichts mehr die Stirn runzelt. Eine Limp Bizkit nacheifernde Stalker-Geschichte mit ultra-brutalem Deathcore-Finish namens "Billy knows Jamie"? Ja, läuft. Ein hoppelnder Kinder-Schlager über einen sozialscheuen Frosch auf einer Hausparty, samt Casio-Keyboards und Beatboxing? Auch kein Problem. Weil sich die Hirnmasse zu diesem Zeitpunkt eh längst in ein Gummiband verwandelt hat, fällt nicht einmal der Cartoon-hafte "Boing!"-Sound von "The most wanted person in the United States" auf. Und die Zeilen "I got Anthony Kiedis / Suckin' on my penis" werden zum lustigsten Couplet, das man im Leben gehört hat.

Mit "Doritos & Fritos" gibt es sogar trotz der vom Titel provozierten Reim-Eskapaden ("mosquitos", "burritos", "Danny DeVito") einen nach konventionelleren Maßstäben guten Track: ein klappriges Stück Post-Punk samt groovigem Slap-Bass, clubtauglicher Hook und Noise-Kurzschluss. Klar, dass darauf nur "One million dollars" folgen kann, das Computerstimmen so lange die drei Titelwörter aufsagen lässt, bis der Laptop das Todesröcheln beginnt. Irgendeinen Nerv strapazieren Les und Brady immer – als erklärter Ska-Allergiker hätte der Rezensent etwa gerne auf den Großteil von "I got my tooth removed" verzichten können. Doch selbst so ein vermeintlicher Ausfall wartet mit einem unironisch schönen Balladen-Intro auf und stülpt in den Lyrics auf clevere Weise das Vokabular von Trennungssongs zur tatsächlichen Zahnschmerzbehandlung um. Es gibt sie, die Tiefenebenen auf "10,000 Gecs": Im Closer "Mememe", hinter "757" der klassischste Hyper-Pop-Banger der Platte, singt Les eine unmanipulierte Strophe lang von Selbstermächtigung. In solchen Momenten setzen 100 Gecs die Trollmasken ab und offenbaren sich als verletzliche Außenseiter*innen, die sich unbeirrt von Geschmacksvorschriften den Frust von den Herzen albern und damit bis unter die tiefste Meta-Humor-Schicht der Internet-Kids dringen. Wir sind schon gespannt auf ihr "MTV unplugged".

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Dumbest girl alive
  • Hollywood baby
  • Doritos & Fritos

Tracklist

  1. Dumbest girl alive
  2. 757
  3. Hollywood baby
  4. Frog on the floor
  5. Doritos & Fritos
  6. Billy knows Jamie
  7. One million dollars
  8. The most wanted person in the United States
  9. I got my tooth removed
  10. Mememe

Gesamtspielzeit: 26:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Hierkannmanparken

Postings: 1034

Registriert seit 22.10.2021

2023-04-18 09:33:11 Uhr
Das ist ja auch ein bisschen der Sinn oder?

Im Balladenintro zu Tooth Removed finde ich immer noch genial, wie Tom Delonge plötzlich durchschimmert. WhErE aRe Yöööu

nörtz

User und News-Scout

Postings: 14262

Registriert seit 13.06.2013

2023-04-17 20:23:06 Uhr
Finde ich nach den ersten Anspielen richtig stark. Einfach ein Spaß-Album!

Klingt nach Troll- und Mememusik.

Klaus

Postings: 8937

Registriert seit 22.08.2019

2023-04-13 19:03:03 Uhr
" Hatte die eher in Richtung Merzbow gesteckt. Das Album klingt aber eher nach Black Dresses. Werd mal dranbleiben. "

Kenne nur den Vorgänger und das war überdrehter Hyperpop :)

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26743

Registriert seit 08.01.2012

2023-04-13 19:01:12 Uhr
Korrektur: Ich hatte gestern versehentlich den falschen Autor eingetragen. Die Rezension stammt von Marvin Tyczkowski. Ich bitte um Entschuldigung.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 32152

Registriert seit 07.06.2013

2023-04-13 11:35:22 Uhr
Hatte die eher in Richtung Merzbow gesteckt. Das Album klingt aber eher nach Black Dresses. Werd mal dranbleiben.
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