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Yves Tumor - Praise a lord who chews but which does not consume; (or simply, Hot between worlds)

Yves Tumor- Praise a lord who chews but which does not consume; (or simply, Hot between worlds)

Warp / Rough Trade
VÖ: 17.03.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Be your own god

Yves Tumor hat mal in einem Interview für das Interview Magazine gesagt, dass er keine Interviews mag. Namensadel verpflichtet eben – und so teilt sich Sean Bowie mit seinem spirituellen Vorreiter David eine widersprüchliche Unnahbarkeit, den ständigen Drang zur Neuerfindung, die Absage an jede Authentizitätsillusion. Seit seinem 2015er-Debüt "When man fails you" hat sich Tumor vom Avantgarde-Elektroniker zum Underground-Rockstar entwickelt, der sich per Genres zerreibenden Gitarren hinter die Indie-Gatekeeper schlich, um mit aufgegeilter Haute Couture und selbstbewusster Campness die Party zu sprengen. Schon "Heaven to a tortured mind" goss die Noise-Lava von früher in konzisere Formen, der Nachfolger – Achtung, Luft holen – "Praise a lord who chews but which does not consume; (or simply, Hot between worlds)" formuliert Tumors definitives Pop-Statement. Oder zumindest eines, in dem die drei Buchstaben eine ähnliche Standfestigkeit ausstrahlen wie der auf seinen Absätzen kippelnde Cover-Poser.

Denn zu Beginn sucht der Künstler selbst noch nach Orientierung. "There's places in my mind that I can't go", konstatiert er ausdrucklos im Opener "God is a circle", unbeeindruckt vom rhythmischen Gekeuche und den verzerrten Irrlichtern. Auf seinem vom Bass gehetzten Goth-Disco-Beat intensiviert sich der Song wie eine Panikattacke, die genau dann aufhört, wenn das rettende Ufer gerade aus der Sichtweite verschwunden ist. "Lovely sewer" geht den umgekehrten Weg, schmilzt seinen Kehlen zuschnürenden Coldwave, indem der Wahl-Turiner die Stimme der italienisch-ägyptischen Sängerin Kidä hinein strahlt – es ist die himmlischste Hook der gesamten Platte. Nicht nur hier vollzieht Tumor einen fließenden Ästhetikwechsel ohne Bruchmoment. Direkt im Anschluss steht er plötzlich im Outfit eines alternativen Neunziger-Rockers da, wenn der "Meteora blues" Akustik-Grunge mit explodierenden Refrains koppelt und sich auch die Mitarbeit Alan Moulders bemerkbar macht. Würde Billy Corgan noch etwas Anderes als seine in den Vordergrund gemischte Stimme hören, könnte er ob dieser kaum haltbaren Gitarren-Wucht ein Tränchen verdrücken.

Nicht, dass Tumor dem Kürbiskopf in Sachen grenzenloser Selbstermächtigung in viel nachstehen würde. So wie er auf "Praise a lord" die unterschiedlichsten Stile durchkaut und in eigentümlichen Drei-Minuten-Brocken wieder ausspuckt, stellt sich gar nicht erst die Frage, wer mit dem kryptischen Albumtitel gemeint ist. "In spite of war" stibitzt seine Riffs aus den New Yorker Indie-Schuppen zu Beginn der Nullerjahre, bevor der Track mit mehrstimmigen Vocals in Gospel-Nähe abdriftet. "Purified by the fire" beginnt wie der Sonnenaufgang im Oldschool-HipHop-Land, ehe sich die gesampleten Fanfaren im Häcksler wiederfinden. Das liest sich abrasiver, als es in Wahrheit klingt: Tumors Kompositionen sind im Schmerz geboren – "The boy you are today / Ain't from a lack of pain", singt er im seltsame Fische beobachtenden "Fear evil like fire" –, doch ihr Ziel ist immer der Wohlklang. In diesem Sinne feiert der Closer "Ebony eye", der neben seinem Orchester auch die schwersten melodischen Geschütze auffährt, den größtmöglichen Triumph.

Thematisch kreist die Platte um Ausdrucksformen der Verehrung und Hingebung – der Mensch hat schließlich noch andere Götter außer sich selbst. Da gibt es den anbetungswürdigen Popstar, dem der Psych-Rock von "Parody" ein (selbst)ironisches Denkmal zimmert und der in dessen Robo-Horror-Finale wie eine Attrappe kollabiert. Oder das Objekt romantischer Begierde, dem sich "Echolalia" vor die Füße wirft, nur um sich in einem Spoken-Word-Segment erklären zu lassen, dass Besessenheit nichts mit Liebe zu tun hat. "Operator" sucht den direkten Draht: "Hello? / Are you my lord and savior? / I need a reason to believe." Am Ende dieses pumpenden Chrom-Rauschs wartet jedoch nicht mehr als eine Faith-No-More-Referenz in Form "Be aggressive!" fordernder Cheerleader-Chöre. Doch Tumor begegnet der Spiritualität keineswegs nur mit Häme. "I love the color blue because / It's in the sky / And that's where God is", erklärt eine Kinderstimme inmitten des glühenden Herzstücks "Heaven surrounds us like a hood" – und das ganz ohne die Fremdscham, die es auslöst, wenn Jessica Chastain im Malick-Schmonz "The tree of life" "Da oben wohnt Gott!" in den Himmel ruft. Natürlich mag es Yves Tumor nicht, Interviews zu geben. Seine Musik hat bereits alles gesagt.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • God is a circle
  • Lovely sewer
  • Heaven surrounds us like a hood
  • Ebony eye

Tracklist

  1. God is a circle
  2. Lovely sewer
  3. Meteora blues
  4. Interlude
  5. Parody
  6. Heaven surrounds us like a hood
  7. Operator
  8. In spite of war
  9. Echolalia
  10. Fear evil like fire
  11. Purified by the fire
  12. Ebony eye

Gesamtspielzeit: 37:35 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Ralph mit F

Postings: 523

Registriert seit 10.03.2021

2023-11-22 20:30:08 Uhr
Kann dann auch endlich mal hier reinhören, stand ewig auf der Liste. Gefällt mir ausgesprochen gut! Wundere mich aber auch, dass Bloc Party nicht in den Referenzen auftauchen. Bin grad bei "Operator" und "In spite of war", und die sind sowas von Bloc Party ^^

fakeboy

Postings: 4737

Registriert seit 21.08.2019

2023-11-19 23:39:34 Uhr
Hohe Erwartungen wurden durchs Band erfüllt. Eine sehr fette Rockshow, die kein Klischee ausliess und doch frisch und mitreissend daherkam. Als wären Kravitz, Prince und Bowie in den Körper eines einzigen Mannes geschlüpft. Der Gitarrist gab den Mick Ronson mit einer Prise Slash, der zweite Gitarrist sah aus als wäre er der Sohn von Simon Gallup. Der Sound war fast etwas zu knallig (ich stand auch ziemlich weit vorne), was aber das Vergnügen nicht weiter trübte. Sehr enthusiastisches Publikum, alle Hits vom neuen Album (die älteren Songs kannte ich nicht). War richtig gut. Bin gespannt wie weit es die Band noch bringt.

fakeboy

Postings: 4737

Registriert seit 21.08.2019

2023-11-19 17:08:32 Uhr
Heute Abend in Zürich - freu mich sehr, aber hab auch ein wenig die Befürchtung, dass meine hohen Erwartungen nicht erfüllt werden können.

Donny-

Postings: 163

Registriert seit 19.12.2016

2023-11-12 14:37:41 Uhr
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Z4

Postings: 8220

Registriert seit 28.10.2021

2023-10-28 16:48:02 Uhr
Nachricht kam per Mail und steht inzwischen auch bei Eventim.
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