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Lucy Kruger & The Lost Boys - Heaving

Lucy Kruger & The Lost Boys- Heaving

Unique / Groove Attack
VÖ: 07.04.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Ein wohliges Frösteln

Lucy Kruger ist ein Chamäleon. Hatte die aus Kapstadt stammende Berlinerin ihre minimalistischen Slowcore-Folk-Klänge schon auf "Teen tapes (for performing your own stunts)" unter Zuhilfenahme einer krachenden Noise-Kante modifiziert, häutet sie sich nun erneut und schüttelt ihr altes Ich wieder ein Stück weit ab. "Heaving" löst sich schon im Titel von der "Tapes"-Trilogie. Was die verschiedenen Etappen ihres Schaffens eint, ist weiterhin die Dunkelheit. Das fünfte Album des mittlerweile auf stattliche acht Mitglieder angewachsenen Projekts Lucy Kruger & The Lost Boys versammelt zehn nackte Song-Gerippe zu einem schauerlichen Totentanz, der zaghaften Pop zwar zulässt, aber mit aller Kraft unterdrückt. Auffallend: Die Vampir*innen-Gang und ihre Anführerin sind deutlich elektronischer und auch rockiger unterwegs, als die vagen Andeutungen es zuvor noch prophezeit hatten. Alles an dieser Weiterentwicklung ist organisch und schlüssig – und die Song-Ideen scheinen der vielbeschäftigten Künstlerin ohnehin niemals auszugehen.

"You're beautiful / I wanna be useful": "Howl" stelzt auf Synthie-Bass durch eine schräge Riot-Grrrl-Liebesgeschichte, die sich am Ende in existentiellen Schmerz entlädt. Songs wie dieser zerren aufs Äußerste an den Nerven – im positiven Sinne. Auch "Burning building" channelt ein 90er-Jahre-Rockgerüst und dessen Protagonistinnen, allen voran Kim Gordon, denn weit ist es nicht mehr von hier bis zum Sonic-Youth-Evergreen "Kool thing". "Hey girl, let's go!" "Front row" beobachtet die ideale Geliebte aus der Distanz, aber zumindest könnte sie interessiert sein, flüstert die leise Hoffnung. Von losgelösten Herzensangelegenheiten sind Lucy Kruger & The Lost Boys trotzdem Ewigkeiten entfernt, lässt man "Heaven sent" einmal außen vor, in dem Schritt für Schritt eine einseitige Romanze angedeutet, aber nie vervollständigt wird. "Did you see the way she looked at me? / I think she loves me." Zu wünschen wäre es Kruger allemal, aber wer schreibt dann zukünftig so wunderbare vage, hier gar in Richtung Chanson schielende Halb-Liebeslieder?

"Feedback hounds" hat sich wieder ganz dem entschleunigten Düster-Folk verschrieben und destilliert noch am ehesten so etwas wie den Signature-Sound des Kollektivs, thematisiert dabei Vereinsamung und Isolation. "I'm a cheat, I'm a child, I'm a charlatan." Auf "Tender" werden blubbernder, sumpfiger Bass und sphärische Schlieren zusammengeführt, bevor Lucy Kruger & The Lost Boys dank Tempowechsel und unwiderstehlicher Klimax zum Schluss beinahe im Gothic-Wave-Club landen. Nur ein Beispiel für die Vielseitigkeit der Band, die sie immer mehr ins Zentrum rückt und ausformuliert. Im Opener "Auditorium" darf es ganz bei stumpfen Elektro-Beats bleiben, die mit Spoken-Word-Passagen ausgefüllt werden, aber dennoch eine diffuse Eingängigkeit erzeugen. Beth Gibbons fühlt sich geehrt. Der Titeltrack gibt sich ähnlich kalt und distanziert: So wie hier geht es auf "Heaving" immer wieder um weibliche Körperlichkeit und Anziehungskraft – aber Leidenschaft und Liebe funktionieren selten ohne Ohnmacht oder Angst.

"To heave" bedeutet tatsächlich "hieven", also etwas hochheben beziehungsweise -wuchten. Ihrer Hörer*innenschaft muss sich Kruger derart ruckartig bestimmt nicht mehr ins Gedächtnis rufen. Geht es also in erster Linie darum, die begehrten, immer latent abstrakten Frauenfiguren, die das Album bevölkern, endlich auf sie aufmerksam zu machen? "Heaving" ist ungemein persönlich und dabei musikalisch noch breiter aufgestellt als die bisherigen Werke. Die abseitige Romantik und auch die verführerische Spannung, die sich als rote Fäden durch das Album ziehen, sorgen für zahlreiche schaurig-schöne Gänsehautmomente. Auf dem Maifeld Derby 2022 haben Lucy Kruger & The Lost Boys nachmittags bei gefühlten 90 Grad Gluthitze auf der Open-Air-Bühne gespielt, und trotzdem ist alles eingefroren. Das kommt nicht von ungefähr, wenn weiterhin ohne nennenswerte Unterbrechungen solche morbid-fröstelnden Glanzstücke von ihnen veröffentlicht werden.

(Ralf Hoff)

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Highlights

  • Howl
  • Burning building
  • Tender
  • Heaven sent

Tracklist

  1. Auditorium
  2. Heaving
  3. Howl
  4. StereoScope
  5. Burning building
  6. Feedback hounds
  7. Front row
  8. Tender
  9. Heaven sent
  10. Undress

Gesamtspielzeit: 39:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Klaus

Postings: 8927

Registriert seit 22.08.2019

2023-04-09 12:38:20 Uhr
Gefühlt noch etwas ruhiger, Howl mal ausgenommen.

Obrac

Postings: 2051

Registriert seit 13.06.2013

2023-04-08 17:10:59 Uhr
Wie hört sie sich so an um Vergleich zu den letzten beiden, die ich sehr mochte, die aber extrem ähnlich klangen?

Der Untergeher

User und News-Scout

Postings: 1860

Registriert seit 04.12.2015

2023-04-08 15:02:54 Uhr
Das gefällt mir aufs erste Ohr sehr. Freue mich aufs Konzert in Hamburg. Die Liveversion von Howl auf YouTube ist super gut.

Klaus

Postings: 8927

Registriert seit 22.08.2019

2023-04-08 10:35:38 Uhr
Weiß nicht, wie es woanders ist, aber Berlin kostet nichtmal 15€. Hin da!

Klaus

Postings: 8927

Registriert seit 22.08.2019

2023-04-07 16:52:05 Uhr
Richtig schönes Schlechtwetteralbum. Mags.
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