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Lana Del Rey - Did you know that there's a tunnel under Ocean Blvd

Lana Del Rey- Did you know that there's a tunnel under Ocean Blvd

Urban / Universal
VÖ: 24.03.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Hell, dunkel, hell

Alles beginnt mit einem Fehler. Oder, genauer gesagt, gleich mehreren. "I'm gonna take mind of you with me", singen Melodye Perry und Pattie Howard zu Beginn des Openers "The Grants" von Lana Del Reys neunter Platte "Did you know that there's a tunnel under Ocean Blvd". Richtig heißt es im zitierten John-Denver-Song "Rocky Mountain High" aber: "I'm gonna take mine of you with me." Dass der Fehler gleich noch einmal passiert, stört keine der Damen im Studio. Schließlich gehe es auf dem Album um "die Schönheit im fehlerhaften Sein", so Del Rey, aber auch darum, "fehlerlos nach einem Fehler zurückzukommen." Nun gut, das Letztgenannte hätte der Einstieg trotz eines tollen Songs schon mal rein technisch vermasselt, und ohne Fehler sind diese massiven 16 Stücke im Weiteren sicher nicht. "Ocean Blvd" ist Lana Del Rey pur, mit all ihren Talenten, Facetten, Eigenheiten und ja, auch Fehlern. Das macht es so faszinierend zu entdecken, wie viel in diesen wendungsreich geformten und fabelhaft arrangierten Songs steckt.

Aus verschiedenen Referenzen des eigenen Schaffens setzt sich Del Rey auf "Ocean Blvd" ein ganz eigenes Mosaik zusammen. In der Mitte des Album reihen sich sehr ruhige Klavierballaden im Stil von "Blue banisters" aneinander, in denen sie ihrem Stream of Consciousness freien Lauf lassen kann. Es wird erneut persönlich. "I couldn't handle it, I was in Monaco / I couldn't hear what they said on the telephone / I had to sing for the prince in two hours / Sat in the shower, gave myself two seconds to cry / It's a shame that we die." "Fingertips" verarbeitet Schicksalsschläge in ihrer Familie wie in diesem Fall den Freitod ihres Onkels Dave Grant mit unverblümter Direktheit, während die überraschende, weirde Zensur des Wortes "mother" kurz darauf ein böser Seitenhieb auf ihre Erzeugerin ist. Ähnlich ungefiltert zieht "A&W" mit ungemütlicher Stimmung in die Untiefen von Del Reys Sexsucht-Phase herab. "Call him up, 'Come into my bedroom' / Ended up, we fuck on the hotel floor / It's not about having someone to love me anymore / This is the experience of being an American whore."

Ganz im Stil des Titeltracks von "Ultraviolence" wird es auch hier textlich düsterer: "If I told you I was raped / Do you really think that anybody would think I didn't ask for it? / I didn't ask for it." Kurz nachdem diese Zeilen wie Blei im Raum stehen, dreht sich der leise, akustische Song um 180 Grad und kommt bei einem nagenden Trap-Beat zum Stehen. Dass Del Rey im Folgenden Pastor Jonah Smith aus dem Publikum heraus lauschen darf, wie er Gott mit einem Künstler vergleicht, wirkt wie die heuchlerische Reinigung in der Kirche am Sonntagmorgen, nachdem man das ganze Wochenende wie jedes Mal durch und durch irdischen Gelüsten gefrönt hat. Ähnlich widersprüchlich dreht sich die Platte nach dem zarten "Margaret" weiter, einer Liebesode mit Jack Antonoff an dessen Verlobte, die Schauspielerin Margaret Qualley – inklusive Spoiler des Hochzeitsdatums. "Fishtail" schaltet die Beats und den Vocoder an und wirkt in diesem so klassisch angehauchten Umfeld nahezu grell, das immer wiederholte "You wanted me sadder" wie ein Piesacken derjenigen, die auf ihren Erwartungen sitzen.

Nachdem "Peppers" sich großzügig und sehr markant bei Tommy Genesis' "Angelina" bedient, endet die Platte mit der ursprünglichen, rohen Fassung von "Venice bitch", jenem zentralen Traumepos von "Norman fucking Rockwell!", welches zu Recht immer noch die absolute Referenz der Diskografie ist. Doch "Ocean Blvd" wagt sich mindestens ebenso weit hinaus. Jon Batiste veredelt nicht nur das unheimlich lauernde "Candy necklace", sondern bekommt auch ein fantastisches, psychedelisches Interlude spendiert, in welchem die Instrumente und Stimmen in nahezu chaotischer Weise durcheinanderfallen. Ein Rausch sondergleichen. Der größte Moment bekommt jedoch gebührend den längsten Titel. Was "Grandfather please stand on the shoulders of my father while he's deep-sea fishing" melodisch für ein Feuerwerk abfackelt, ist nicht in Worte zu fassen.

"I'm folk, I'm jazz, I'm blue, I'm green / Regrettably also a white woman / But I have good intentions even if I'm one of the last ones", lässt Del Rey dort noch schnippisch fallen. Die Kontroversen um ihre Person, speziell auf Social Media, hat sie nicht vergessen und denkt gar nicht daran, sie in der Schublade zu lassen. Denn auch mit ihren Eigenheiten, ihren Fehlern ist Del Rey ein Wunderwerk, eine Ausnahmekünstlerin. Das weiß sie auch, wenn unter all diesen vielen Tracks nicht nur die ganz großen Hymnen dabei sind, das weiß sie aber vor allem, wenn sie sich im Titeltrack mit dem namensgebenden Tunnel in Long Beach, Kalifornien vergleicht. Dieser ist seit den Sechzigerjahren geschlossen und die kunstvolle Handarbeit wartet nun seit Jahrzehnten darauf, wieder entdeckt zu werden. "When's it gonna be my turn? / Don't forget me", fleht Del Rey in der grandiosen Klimax. Wir vergessen ganz sicher nicht. Nicht mit einem solchen weiteren Meisterwerk.

(Felix Heinecker)

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Highlights

  • Did you know that there's a tunnel under Ocean Blvd
  • A&W
  • Jon Batiste interlude
  • Grandfather please stand on the shoulders of my father while he's deep-sea fishing (feat. Riopy)
  • Let the light in (feat. Father John Misty)

Tracklist

  1. The Grants
  2. Did you know that there's a tunnel under Ocean Blvd
  3. Sweet
  4. A&W
  5. Judah Smith interlude
  6. Candy necklace (feat. Jon Batiste)
  7. Jon Batiste interlude
  8. Kintsugi
  9. Fingertips
  10. Paris, Texas (feat. SYML)
  11. Grandfather please stand on the shoulders of my father while he's deep-sea fishing (feat. Riopy)
  12. Let the light in (feat. Father John Misty)
  13. Margaret (feat. Bleachers)
  14. Fishtail
  15. Peppers (feat. Tommy Genesis)
  16. Taco truck x VB

Gesamtspielzeit: 77:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Francois

Postings: 1708

Registriert seit 26.11.2019

2026-10-04 15:06:53 Uhr
Gibt Nix schöneres, als Alben, die man mit bestimmten Reisen in Verbindung bringt. Das vergisst man sein Leben lang nicht

Ituri

Postings: 644

Registriert seit 13.06.2013

2026-10-04 14:05:45 Uhr
Kintsugi bekommt mir zu wenig Liebe hier. Gott, ist das schön!

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 37992

Registriert seit 07.06.2013

2026-05-02 21:44:48 Uhr
Kam raus als ich in Argentinien war und ich kann mich noch genau an die ersten drei Durchgänge erinnern. Einer auf einer Busfahrt durch Patagonien, die anderen zwei in den Anden. Das Album löst dadurch bei mir eine ganz besondere Stimmung aus. Wird mich immer an das Licht da unten erinnern. Hach ja. Wünderschön. Und dieser Fluss...

Unangemeldeter

Postings: 2890

Registriert seit 15.06.2014

2026-02-12 16:22:18 Uhr
Ich bin glaube ich in allen Punkten sehr bei Enrico. Sag mal Bescheid wenn du deine Compilation zusammengestellt hast, die würd ich auch nehmen. ;-)

Obrac

Postings: 2967

Registriert seit 13.06.2013

2026-02-12 15:59:49 Uhr
Candy Necklaces, Grandfather, Paris und Peppers sind saustark. Ansonsten aber auch viel Verzichtbares. Dennoch, ich mag sie nach dieser Platte wieder ein bisschen mehr.
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