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Lankum - False Lankum

Lankum- False Lankum

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 24.03.2023

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die Vergangenheit gegenwärtig

Tradition lebt, so sie sich halten soll, von einem dialektischen Prinzip: dem der Beständigkeit und der in ihr aufgehobenen Aktualisierung. Keltische Folk-Musik hat genau diese Dynamik zu einem ihrer Leitmotive gemacht. Jahrhunderte altes Liedgut formuliert sich darin immer wieder neu, sucht das Gespräch über die Epochen hinweg, setzt seine Akteure inmitten seines Werdens aus. Verschiedene Einzelstücke verweben sich in den Reels und Jigs zu amorphen Gebilden, die ineinander fließen und stets eine unerwartete Abzweigung nehmen können. Die Präzision, mit der das Dubliner Quartett Lankum seine ästhetische Vision beschreibt, schließt genau an ein solches Verständnis an und verabschiedet sich zugleich aus jeder falschen, verkitschenden Romantik. Es gehe darum, Fäden herauszulösen, neu interpretierte Botschaften herauszukitzeln, im Alten also das Neue zu finden. Von der Essenz Irlands, die in den progressiven und experimentellen Klanglandschaften Lankums hervorbreche, schrieb darum auch so treffend der Kollege Tyczkowski zu "The livelong day".

Zehn der zwölf Stücke auf "False Lankum" – so der augenzwinkernde Name des Drittlings – greifen folgerichtig Traditionals auf, die sich Radie Peat, Cormac MacDiarmada und die Brüder Ian und Daragh Lynch mit schier unglaublicher Intensität aneignen. Bloß "Netta Perseus", eine zunächst dezente Ballade mit gezupfter Nylongitarre, die im zweiten Teil in ein vielschichtiges Gewebe aus Perkussion, Fiddle und Klangflächen verstrickt wird, und der Closer "The turn" stammen aus der Feder Daraghs. Viel eher scheint es aber meist so, als spielten Lankum mit und aus einem kulturellen Gedächtnis, das über die fiktiven Schranken zwischen Fremdem und Eigenem längst hinweg ist. Schon der formidable Vorgänger zeitigte mit diesem Ansatz erstaunliche Resultate, "False Lankum" gerät nun zu einem völligen Triumph aus der Nische, der über alle Genre-Grenzen hinweg fegt.

"Go dig my grave", summt Peats charakteristische Stimme in den ersten Sekunden, zunächst sanft, dann immer durchdringender. Nach vier Minuten bauen sich unheilschwangeres Pfeifen und ein verstörendes Streicherarrangement auf, vor dem die meisten Horrorfilme kapitulieren müssten. Wie eine dämonische Dampflok schleppt sich Lankums Version dem Grab entgegen, greift Elemente des Keening (irisch: caoineadh, schottisch: coronach) auf, der keltischen Totenklage. Wenn "Clear away in the morning" mit flirrenden Geisterstreichern einsetzt, wirkt der Schrecken noch nach, dann tragen eine zarte Akustikgitarre und verwunschene Harmonien, die an singende Sägen erinnern, das Stück ins melancholische Idyll. Zwei Dinge sind jetzt bereits evident: "False Lankum" traut sich in Abgründe, die nur wenige zu erkunden wagen und hält zugleich eine berührende Zerbrechlichkeit entgegen, die noch zunimmt, da sie stets der Gefahr ausgesetzt ist. Außerdem erweist es sich als klar konzipiertes Gesamtwerk, mit fein abgestimmter Dramaturgie, roten Fäden und ineinander übergehenden Songs, die sich nur ungern zu Highlights isolieren lassen.

Da wären natürlich die drei Fugen, die das Album als Fragmente einer längeren Improvisation aus gestrichenen Banjos und Gitarren, Harmonium, Tonbandschleifen und Schlagzeug in vier Kapitel teilen. Ähnlich komplementär wie das Auftaktduo verhalten sich dann auch "Master Crowley's" und "Newcastle" zueinander. Ersteres startet mit beschwingten, zum Tanzen animierenden Akkordeoneinlagen zwischen Bajan und Konzertina, doch schnell wird klar: Hier stimmt etwas nicht. In der Mitte zerbricht der Song: Es wirkt, als wären die Reels eines irischen Pubs in den Spiegel gewandert, um dahinter scheppernde Drones und Verfall zu erblicken, bis sie – nun unter ganz anderen Vorzeichen – wiederkehren dürfen. "Newcastle" fragt anschließend sehnsüchtig, von sachtem Ambientrauschen umweht: "Why shouldn't my love love me? / Why should I not speed after her / Since love to all is free."

Immer wieder umkreisen die Stücke und ihre Erzählungen das Thema sozialer Verbundenheit, die von Autoritäten untergraben und zerstört wird. Während "New York trader" mit seiner Geschichte einer Schiffsmannschaft, die dem Untergang gerade noch von der Schippe springt, dem irischen Folk von Planxty oder gar The Pogues am nächsten kommt, entwickelt sich "Lord Abore and Mary Flynn" zu einer schottisch-irischen Ballade von so ätherischer Schönheit, so unermesslicher Traurigkeit, dass einem die Worte fehlen. Und auch nach der letzten Fuge scheuen Lankum nicht vor der Herausforderung. "On a Monday morning" verflucht im proletarischen Schulterschluss den Wochenbeginn, der zugleich das Ende jedes alkoholisierten Eskapismus beschreibt: "Wrong end of the week for a smile / Wrong end of the day for being civil / It's many a saint would be a devil / On a Monday morning." Und "The turn" verwischt in über zwölf Minuten schließlich schwelgerisch Vorder- und Hintergrund: Wenn die Stimmen des Quartetts vom mächtigen Crescendo aus Streichern und Drones zunehmend überlagert werden, hat das beinahe einen ähnlichen Effekt wie die Gitarrenwände eines Kevin Shields, jenes anderen Klang-Entdeckers Irlands, der längst ikonischen Status besitzt. Klischees zu dekonstruieren und dabei das verschüttete Herz der Kultur freizulegen: Nicht weniger gelingt Lankum auf ihrem dritten Album. Manche Vergangenheit war eben noch nie wirklich Gegenwart.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Lord Abore and Mary Flynn

Tracklist

  1. Go dig my grave
  2. Clear away in the morning
  3. Fugue I
  4. Master Crowley's
  5. Newcastle
  6. Fugue II
  7. Netta Perseus
  8. The New York trader
  9. Lord Abore and Mary Flynn
  10. Fugue III
  11. On a Monday morning
  12. The turn

Gesamtspielzeit: 70:24 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

pounzer

Postings: 330

Registriert seit 24.08.2019

2024-01-23 00:37:36 Uhr
Hab übers Wochenende spontan noch ein Ticket für's Hackney Empire im Mai gekauft. False Lankum in Gänze. Freue mich sehr!

Eiersalat

Postings: 814

Registriert seit 08.01.2024

2024-01-22 23:39:20 Uhr
Hätte auch ne 10 verdient gehabt das Album.

ToRNOuTLaW

Postings: 629

Registriert seit 19.06.2013

2023-12-20 09:09:59 Uhr
Ich habe es mir gestern Abend nochmal in Gänze angehört. Ich fand es schlicht in Ordnung. Es baut eine atmosphärische Dichte auf, in der ich aber nicht versinke.

Hab das Gefühl, alle Qualitäten die ich hier wahrgenommen habe, anderswo schon raffinierter, purer oder intensiver erlebt zu haben. Vielleicht nicht bei einer bestimmten einzelnen Band, die ich angeben könnte. Aber so kam eben keine besondere Begeisterung auf. Hat mich zwar nicht genervt, aber ich bin nicht motiviert, mir das Album ein drittes Mal hören.

ijb

Postings: 6118

Registriert seit 30.12.2018

2023-12-20 00:24:39 Uhr
In die Top Zen schafft's das Album bei mir tatsächlich nicht ganz; ich merke, es gibt einfach echt sehr viele sehr gute Alben dieses Jahr.

Sick

Postings: 281

Registriert seit 14.06.2013

2023-12-19 23:58:03 Uhr
Vollkommen egal was andere darüber schreiben.
Gehört in meine Top Ten 2023. Aber da bin ich wohl nicht der einzige...
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