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The Hold Steady - The Price Of Progress

The Hold Steady- The Price Of Progress

Positive Jams / Membran
VÖ: 31.03.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Nachts um halb eins

"And all the bartenders were strangling their shakers / It was springtime in the sweet part of the city / It's nice to hit the taverns with familiar companions." Diese Szenerie aus "Spices", einem der größten Highlights von "Open door policy", fasst den ganzen Kosmos von The Hold Steady in wenige Zeilen. Seit runden 20 Jahren sitzt Craig Finn mit uns am Tresen und hört zu, was die anderen verlorenen Seelen zu erzählen haben. Zum Jubiläum geben er und seine Band mit "The Price Of Progress" die nächste Runde aus, die genauso unmittelbar in den Kreislauf zischt wie alle zuvor. Finns Geschichten, die jede für sich einen eigenen Roman füllen könnten, beschäftigen Herz und Kopf, der Heartland-Indie-Rock seiner Kumpanen kümmert sich um die Muskulatur. Der Ohrwurm-Faktor mag seit den stürmischeren Hits der frühen Alben zurückgegangen sein, die Vertrautheit ist dafür umso mehr gewachsen.

Das liegt vor allem daran, dass der bebrillte Biertrinker mit anderen Augen auf die Welt blickt. Früher kroch noch der Zynismus durch seine Lyrics, nun begegnet er allen noch so lächerlich scheinenden existenzialistischen Anstrengungen seiner Figuren als verständnisvoller Menschenfreund. So versteht sich der Albumtitel nicht als gesellschaftskritische Warnung, sondern stammt aus der Lead-Single "Sideways skull" – laut Finns griffiger Selbstbeschreibung ein "rocking song about rock and rollers." Zu zähneknirschenden Riffs, "Uh uh"-Chören und einer leisen Bridge mit Piano und Bongos bandelt der Erzähler mit einer Blutkapseln zerbeißenden Rockerin an, deren halb ausgedachte Reeperbahn-Stories er mit einer eigenen überharten Band namens The Price Of Progress kontert. Was in anderen Händen schnell zur Karikatur werden könnte, wirkt hier liebevoll ausgearbeitet. Zuvor zeichnete bereits der Opener "Grand Junction" zu Synth-Akzenten die lebensnahe Momentaufnahme eines Pärchens, das auf eine ungewisse Zukunft zusteuert.

Finns Charakter-Vignetten finden generell selten eine eindeutige Konklusion – und wenn sie es doch tun, landen sie eher auf der gegenüber liegenden Seite des Hollywood-Happy-Ends. In "Sixers" nähert sich eine einsame Frau dem neuen Nachbarn über ihr an, doch der gemeinsame Party-Abend endet unangenehm. Später trifft sie ihn im Hausflur mit seiner Verlobten, während sie am gleichen Punkt wie zu Beginn feststeckt: "She's glad they found each other / The wedding's next September / She's planning her own party tonight / Crushing up pills at home and watching basketball highlights." Den Mikrokosmos amerikanischen Alltagsscheiterns verlässt "Distortions of faith", um mit Kriegsbildern den Fokus zu erweitern – doch alles bleibt surreal, was der Track schon mit seiner musikalischen Traumwandlerei abbildet, zu der sich am Ende sogar Streicher gesellen. Ein gewisser Mystizismus umweht auch "The birdwatchers", das darüber hinaus die bandtypischen Bläser für ihren größten Auftritt auf der Platte feinmacht.

Wie gewohnt kann man auf "The Price Of Progress" die Luft und das in ihr vibrierende Nachtleben des Aufnahmeorts New York förmlich schmecken – einzig "Perdido" evoziert im Zusammenspiel von Saiten und Tasten eher die zentraleren Teile des Landes, in denen sicher auch der Boss seine "Western stars" betrachtete. Dass The Hold Steady mal als Punkband galten, hört man bestenfalls in Ansätzen, was jedoch überhaupt nicht schlimm ist. Die Melodien der zehn Songs planen keinen Überfall, sondern verbringen erst einmal etwas Zeit mit uns, die Strukturen sind unaufdringlich, aber nicht vorhersehbar. Gerade "Understudies" biegt in so manche funkige oder hiphoppige Seitengasse ein, bevor seine mühsame Theater-Aufführung nüchtern ausklingt: "Is 4am the night time or the morning? / It's hard to get to sleep after performing." Vergleichsweise aufgekratzt kommt bezeichnenderweise der Closer "Flyover halftime" daher – womit Finn und Co. klarmachen, dass die letzte Runde noch lange nicht ausgerufen ist. Auf die nächsten 20 Jahre.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Sideways skull
  • The birdwatchers
  • Perdido

Tracklist

  1. Grand Junction
  2. Sideways skull
  3. Carlos is crying
  4. Understudies
  5. Sixers
  6. The birdwatchers
  7. City at eleven
  8. Perdido
  9. Distortions of faith
  10. Flyover halftime

Gesamtspielzeit: 38:57 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Grizzly Adams

Postings: 4863

Registriert seit 22.08.2019

2023-03-31 16:52:01 Uhr
War heute in der Post und beim Hausputz der erste Durchlauf. Nicht so stark wie meine Favoriten „Boys and Girls in America“ und „Teeth Dreams“, aber auf Augenhöhe mit allen anderen. 7/10 auf jeden Fall nach dem ersten Eindruck. Die Band, und auch Craig Finn mi seinen Soloalben, machen nix falsch. Einfach eine gute Band, die zuverlässig abliefert.

Peacetrail

Postings: 3977

Registriert seit 21.07.2019

2023-03-22 23:41:46 Uhr
Aber „Hut ab“ für die Referenzen, Moped, die Einflüsse sind top abgebildet.

Peacetrail

Postings: 3977

Registriert seit 21.07.2019

2023-03-22 23:28:11 Uhr
8/10 wäre auch ok gewesen.

Armin

Plattentests.de-Chef

Postings: 26830

Registriert seit 08.01.2012

2023-03-22 20:41:55 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

Meinungen?

Peacetrail

Postings: 3977

Registriert seit 21.07.2019

2023-03-15 16:41:56 Uhr
Drei starke Tracks. Eine Band, die hier zurecht regelmäßig mit 7 und 8 Punkten bewertet wird.
Zum kompletten Thread

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