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Miley Cyrus - Endless summer vacation

Miley Cyrus- Endless summer vacation

Columbia / Sony
VÖ: 10.03.2023

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Die Wahrheit übers Lügen

Man könne sie ruhig als "twerking, pot-smoking, foulmouthed hillbilly" bezeichnen, verriet Miley Cyrus in einem Interview, nur niemals als Lügnerin. Obwohl sie als früherer Kinderstar den Großteil ihres Lebens vor den Augen der Öffentlichkeit verbrachte, scheint ihr nichts ferner als die Trennung von Kunst und Privatem zu liegen. Es ist daher eher kein Zufall, wenn die Lead-Single von "Endless summer vacation" ausgerechnet am Geburtstag von Ex-Mann Liam Hemsworth droppt und diese achte Studio-Platte schon vor Release als Trennungs-Album etikettiert. Doch so kohärent ist die Sache nicht. Cyrus hat mit gerade einmal 30 Jahren schon eine unheimlich dichte, unvorhersehbare Karriere vorzuweisen: Die Image- und Stilverschiebungen vom Disney-Darling zur freizügigen Elektro-Popperin oder vom naiven Country zum Glam- und New-Wave-beeinflussten Megafon-Rock wären schon auffällig genug, würde nicht ein unter Flaming-Lips-Beteiligung entstandenes Stück Arthouse-Psychedelia dazwischenstehen. In seiner thematischen wie musikalischen Unentschlossenheit scheint "Endless summer vacation" dieser ganzen Entwicklung Rechnung zu tragen.

"I can love me better than you can", lautet das Motto der besagten Single "Flowers", die als "I will survive" der TikTok-Generation mit Oldschool-Disco-Groove und Selbstliebe-Zelebrierung globale Streaming-Rekorde brach. Die ersten Songs des Albums führen diesen unter der kalifornischen Sonne gebackenen Siebziger-Soft-Rock-Touch fort, nehmen aber andere Haltungen gegenüber dem zentralen Beziehungsende ein. "Jaded" unterläuft den lässigen Vibe mit einem grandios geschmetterten Nuller-Pop-Rock-Refrain und schießt dabei gegen den Ex: "You just jump in the car and head down to the bar 'til you're blurry." "Rose colored lenses" vollzieht eine komplette Kehrtwende, denkt an schöne Zeiten zurück und offenbart den titelgebenden endlosen Sommerurlaub als utopisches Idyll. Wer meint, mit den hier am Ende nach oben wirbelnden Gitarren den Weirdness-Höhepunkt einer unerwartet entspannten Platte gehört zu haben, wird ein paar Stücke später von "Handstand" überrascht. Cyrus beobachtet Einhörner und "electric eels in red venom" in einer radioaktiven Synth-Wüste mit darunter zitterndem Jungle-Beat, was wie eine Dancefloor-affinere Variante des Meisterwerks – ja! – "Miley Cyrus & her dead petz" klingt.

Der Track, an dem übrigens der kontroverse Filmemacher Harmony Korine mitschrieb, leitet die lebendigste und beste Phase des Albums ein. Der Club-Banger "River" ertränkt sich mit herrlicher Campiness und fetzigen Acid-Synths in den Armen eines neuen Lovers, bevor das an Timbalands Hochphase erinnernde "Violet chemistry" in Sachen Pop-Grandeur sogar noch einen draufsetzt. Kaum zu glauben, dass dieselbe LP auch eine komplett charakterlose Gurke wie "Wildcard" enthält, deren pseudo-cineastischer Beat ins Nichts galoppiert. Die hier vermittelte Textessenz, für das langweilige Eheleben nie wirklich geeignet gewesen zu sein, bringt die verqualmte Soul-Ballade "You" eh besser rüber und animiert darüber hinaus Cyrus' eigenständige, beeindruckende Stimme zu einem umfangreicheren Fitnessprogramm.

"You know I'm savage", singt sie da, lässt einen jedoch weniger ratlos zurück als die teils wirklich wilden Produktionsentscheidungen. "Thousand miles", ein Feature mit einer quasi überhaupt nicht hörbaren Brandi Carlile, pustet seine Country-Brise zu einer Coda mit Mundharmonika und Stotter-Samples. "Muddy feet", ein Feature mit einer circa 15 Sekunden lang hörbaren Sia, zieht sein bluesig-verzerrtes Gestampfe nur so halb durch, auch wenn die Ansage "Get the fuck out of my house with that shit" an einen fremdgehenden Partner durchaus sitzt. Mit tropischer Percussion und einer leider wie die Kelly Family auf Karibikurlaub klingenden Refrain-Melodie fragt sich Cyrus in "Island", ob sie in der Isolation oder im Paradies gestrandet ist: "It sure gets lonely here at night / But no one here needs nothing from me and it's kinda nice." Doch ein Ruf nach Ruhe nach all der obsessiven Ausschlachtung ihres Privatlebens? "She's a million moments / Lived a thousand lives / Never knows she's hopeless / Only when she cries", heißt es im Piano-Rausschmeißer "Wonder woman", gemünzt auf die verstorbene Großmutter, anwendbar auch auf die Künstlerin selbst. Geständnisse einer chronischen Wahrheitssagerin – oder vielleicht hat Miley Cyrus das Verhältnis von Authentizität und Pop, die von vorherein zum Scheitern verurteilte Sucht nach etwas Unerreichbarem, auch einfach besser verstanden als alle anderen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Jaded
  • Handstand
  • River
  • Violet chemistry

Tracklist

  1. Flowers
  2. Jaded
  3. Rose colored lenses
  4. Thousand miles (feat. Brandi Carlile)
  5. You
  6. Handstand
  7. River
  8. Violet chemistry
  9. Muddy feet (feat. Sia)
  10. Wildcard
  11. Island
  12. Wonder woman

Gesamtspielzeit: 39:50 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Z4

Postings: 8861

Registriert seit 28.10.2021

2023-05-23 10:45:47 Uhr
Dann soll sie halt in kleineren Locations spielen. Aber das bringt halt nicht die Gage, die sie gewohnt ist.

Oder kreischen die bei ihr so wie bei den Beatles?

Deaf

Postings: 2792

Registriert seit 14.06.2013

2023-05-23 10:38:51 Uhr
Sie will grundsätzlich nicht mehr auf Tour gehen. Finde ich ok, wenn es ihr keine Freude bereitet - und auf die Einnahmen wird sie auch nicht angewiesen sein.

https://www.musikexpress.de/miley-cyrus-keine-konzerte-2308347/

Z4

Postings: 8861

Registriert seit 28.10.2021

2023-04-15 12:36:03 Uhr
Auf jeden Fall momentan der Flop des Jahres. Wieder kein durchgehend großartiges Album von ihr, sondern wieder nur auf lauwarmen 6/10-Niveau, und in den wichtiges Charts nur in UK auf 1.

nörtz

User und News-Scout

Postings: 14325

Registriert seit 13.06.2013

2023-04-15 00:47:56 Uhr
Zum einer Schade gefallen mir ja diese vier Songs sehr:

Flowers
Jaded
Handstand
Rose Colored Lenses

Das kostet mich jetzt etwas meiner immensen Indie-Credibility.

Arne L.

Postings: 914

Registriert seit 27.09.2021

2023-03-29 02:00:10 Uhr
@nörtz Na ja, ich selbst bin 33 Jahre alt, aber der Freundeskreis geht schon grob von 23 bis 38 Jahre, würde ich sagen und dann ist man wiederum auch mal auf einem 25sten Geburtstag, auf dem die Untergrenze sogar 20 Jahre ist oder so.
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