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Nickel Creek - Celebrants

Nickel Creek- Celebrants

Repair / Thirty Tigers / Membran
VÖ: 24.03.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Profile und Bilder

Wer wissen möchte, wie Nickel Creek überhaupt nicht klingen, sollte sich einmal flugs das Cover ihres selbstbetitelten Durchbruchs aus dem Jahr 2000 anschauen. Drei blutjunge Menschen blicken dort vor einem gephotoshopten Sonnenuntergang etwas verunsichert in die Kamera, aus jeder gefärbten und gegelten Strähne schreit der Zeitgeist der frühen Nuller Jahre. Eine astreine Form von Etikettenschwindel. Denn wer die Scheibe einlegte und sterilen Teen-Pop erwartete, wurde schon damals schnell eines Besseren belehrt: Der Mandolinist Chris Thile und die Geschwister Sara und Sean Watkins an Geige und Gitarre spielen nämlich von Kindesbeinen an eine progressive – und im Übrigen Grammy-prämierte – Form des Americana, die sich zu gleichen Teilen aus Bluegrass, Country und Folk speist, dabei aber eben längst nicht nur Puristen anspricht. Ein gewisser Pop-Appeal liegt fraglos in den klaren Gesangsmelodien und der glatten Produktion, doch entwerfen die verschachtelten Kompositionen ein üppiges Tableau, das inzwischen eher in der Indie-Szene von Bands wie Grizzly Bear oder Fleet Foxes beheimatet scheint. Da passt es irgendwie, dass Sara Watkins in der Vergangenheit bereits mit Phoebe Bridgers, The Killers oder John Mayer kollaboriert hat und auch Produzent Eric Valentine sonst eher der alternativen Rockmusik das Studiogewand verleiht. "Celebrants", das erste Album des Trios seit neun Jahren, bietet darum allen eine hervorragende Möglichkeit zum Kennenlernen, die sich ungern in die Irre führen lassen.

Schon der titelgebende Opener wirbelt ordentlich drauf los, trägt die Unruhe und Hektik seines Folk-Pops im virtuosen Zusammenspiel seiner Protagonisten aus. Immer wieder wechseln Rhythmus und Klangfarbe, mal bettet die Violine zu kurzen Verschnaufpausen, dann entlässt sie wieder ins vertrackte Zucken, bevor sich alles in berückendem Harmoniegesang ausgeht. "Damned if we let the clock tell us when it's time for bed." Die erste Single "Strangers" wiederum inszeniert gekonnt die Polyphonie der Band, lässt Stimmen einander antworten, sich überlagern und kontrastieren. Das energetische Mandolinensolo wird bald von Watkins Violine umflirrt, bis sich die enorme Spielfreude im Text niederzuschlagen scheint: "We're our own water / And we've been too long coming / To be gone." Auch in der Folge gibt es kaum eine Sekunde der Nachlässigkeit in den insgesamt 18 Tracks, die ihren quirligen Charakter verteidigen, überraschende Abzweigungen nehmen und doch stets fokussiert bleiben. "The meadow" erzeugt mit seiner abwechselnd steigenden und fallenden Kompostion eine latent psychedelische Wirkung, "To the airport" schwebt auf einer schwindelerregenden Geige und luftigen Harmonien davon. Zwischendurch schwingt sich Sara Watkins angenehm kratzige Stimme durch die Oktaven wie eine aufgeräumtere Joanna Newsom ("Thinnest wall") und proklamiert keck: "You and I decided to be family."

Zwei zusammenhängende, aber aufgeteilte Instrumentals ("Going out…" / "…Despite the weather") bringen das volle Ausmaß der Virtuosität des Trios zur Geltung und geben ähnlich wie sich stellenweise wiederholende und zitierende Motive dem Album eine Form, die doch nicht ganz verhindern kann, dass "Celebrants" in seiner zweiten Hälfte etwas ausufert. Nickel Creek halten der Überforderung eine smoothe Instrumentierung entgegen, durch die ihre Komplexität leicht konsumierbar wird: Das ist zugleich ein Kompliment an die Fähigkeiten der Musikerin und Musiker, birgt aber das Risiko, eben jene vorbeirauschen zu lassen. Wenn "Where the long line leads" zum staubigen Roots-Stampfer mit aufgebrachtem Gesang lädt oder "Goddamned saint" mit einem Streichertremolo anhebt, durch sanfte Prog-Folk-Täler schreitet, bis sich eine waschechte Barock-Pop-Klimax formiert, kehrt die volle Aufmerksamkeit jedoch rasch zurück. Und auch die intim-nachdenkliche Ballade "Holding pattern" weiß zu berühren, wartet mit klugen Beobachtungen auf: "One man's freedom is another one's fever that's rising." Wer einmal wieder Freude am musikalischen Zusammenhalt haben möchte, der schlafwandlerischen Sicherheit einer bestens vertrauten und sich vertrauenden Band, sollte sich also nicht abschrecken lassen. Nickel Creek brauchen für den Sonnenuntergang keine kitschigen Bilder, sondern lediglich ihre flinken Hände.

(Viktor Fritzenkötter)

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Highlights

  • Celebrants
  • Strangers
  • Holding Pattern
  • Goddamned saint
  • To the airport

Tracklist

  1. Celebrants
  2. Strangers
  3. Water under the bridge, part 1
  4. The meadow
  5. Thinnest wall
  6. Going out… (instrumental)
  7. Holding pattern
  8. Where the long line leads
  9. Goddamned saint
  10. Stone's throw
  11. Goddamned saint, reprise
  12. From the beach
  13. To the airport
  14. …Despite the weather (instrumental)
  15. Hollywood ending
  16. New blood
  17. Water under the bridge, part 2
  18. Failure isn't forever

Gesamtspielzeit: 59:42 min.

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Armin

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2023-03-15 22:25:31 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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