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Hack-Poets Guild - Blackletter garland

Hack-Poets Guild- Blackletter garland

One Little Independent
VÖ: 10.03.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Experimentierkasten für Erwachsene

Nicht wenige Menschen kommen in Deutschland wohl zu dem zweifelhaften Vergnügen, einen etwas seltsamen Chemie- oder Physiklehrer zu haben. Einen, der statt eines Stopfens lieber seinen Daumen als Verschluss ins Reagenzglas hält. Oder einen, der zur Demonstration etwas durch den Raum schleudert, dabei die Scheibe einwirft und verwundert "Huch!" murmelt. In solchen Unterrichtsstunden lernt man sehr lebensnah, dass Experimente scheitern können. Für bestimmte Experimente braucht es ganz wertungsfrei einen bestimmten Schlag Mensch. Marry Waterson, Lisa Knapp und Nathaniel Mann sind genau solche Personen. Zusammen haben sie als Hack-Poets Guild ein Album aufgenommen, das vor hunderten Jahren in den Texten alter Volkslieder seinen Anfang nahm, von Hexen und Mördern erzählt und sich trotzdem manchmal sehr aktuell anfühlt. Ein Hoch auf die Wissenschaft!

Nur den wirklich eingefleischten Folk-Auskenner*inen dürften Waterson, Knapp und Mann ein fester Begriff sein. Doch in ihren Genres sind erstere beide BBC-Award-Trägerinnen, und letzteren könnte man unbewusst als ein Drittel des Dead Rat Orchestra schon mal auf Tour mit Godspeed You! Black Emperor gesehen haben. Was offensichtlich alle verbindet, ist eine explorative Herangehensweise an Musik: Mann unter anderem als Klangkünstler und Instrumentenbauer, Knapp als Multi-Instrumentalistin mit Liebe für Field Recordings und Waterson als Kind der Musikerin Lal Waterson, die über Worte Zugang zu Melodien und Rhythmen findet. Ein besonderer Schlag Mensch eben. Menschen, die sich auf die Suche nach Volksweisen und Geschichten aus den letzten Jahrhunderten machen und sie neu interpretieren.

Doch wer jetzt eine Reise auf den Mittelaltermarkt samt glänzender Heldengeschichten in Ritterrüstung erwartet, der findet sich schnell in Songs wie dem aufgeweckten "Daring highwayman" wieder, das mit seinem schmissigen Rhythmus auch einer frühen Laura Marling gut gestanden hätte und in nicht mal drei Minuten die Geschichte eines Kriegsveteranen erzählt, der zum Kriminellen wird und am Ende im Gefängnis auf seine gerechte Strafe wartet. Oder wird erdrückt vom spärlich mit Streichern instrumentierten Bericht über den Geist von Betty Brown, den selbst zwölf Pfarrer nicht zur Ruhe bringen konnten – The Decemberists lassen grüßen. "The birds of harmony" ist mit seinen Naturmotiven, Harfe und Holzbläsern der beste Song, den Joanna Newsom nicht geschrieben hat. Und die Untoten höchstpersönlich ziehen wie bei Murder By Death im Opener ihre schweren Ketten hinter sich her: "Ten tongues in one head / One went out to seek for bread / To feed the living in the dead."

Dass der Unterschied zwischen Interpretation und Originalkomposition zwischen abwechselndem Gesang, lebendigen Pickings und schwermütigen Streichern nicht immer direkt zu erkennen ist, macht "Blackletter garland" noch beeindruckender. "I've been tempted by the Devil / To extinguish my own flame", heißt es in "The Devil's cruelty", und wäre die Gotik nicht überall, die reale Geschichte eines Mannes aus dem Jahre 1663, der von außen betrachtet alles zu haben scheint und sich seine Depressionen nicht zu erklären weiß, sie könnte auch heute so passiert sein. "Hemp & flax" gibt sich zwar unverkennbar als Arbeiterlied zum Hanfschlagen zu erkennen, aber "Meat for worms" scheut sich nicht davor, einen Text aus dem 16. Jahrhundert mit Autotune zusammenzubringen. "Rare receipts" sägt und zieht auf der Suche nach ländlichen Geheimrezepten über die Gutshöfe, und King Creosote weiß nicht, warum er diesen Song nicht längst geschrieben hat. Und wenn das irreführend sanft auf seiner Klampfe zupfende "Cruel mother" lieblich säuselnd nach einer Gräueltat das Taschenmesser wieder einsteckt, kann sich die Gänsehaut endlich wieder etwas entspannen. Die besten Experimente gibt es neuerdings im Geschichtsunterricht.

(Arne Lehrke)

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Highlights

  • Ten tongues
  • Daring highwayman
  • Laying the ghost
  • Rare receipts

Tracklist

  1. Ten tongues
  2. Daring highwayman
  3. The Devil's cruelty
  4. Laying the ghost
  5. Birds of harmony
  6. Hemp & flax
  7. Something to love me
  8. Meat for worms
  9. The troubles of this world
  10. Rare receipts
  11. Be kind to each other
  12. Cruel mother

Gesamtspielzeit: 50:36 min.

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Armin

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2023-03-08 21:12:26 Uhr - Newsbeitrag
Frisch rezensiert.

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