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Slowthai - UGLY

Slowthai- UGLY

Method / Universal
VÖ: 03.03.2023

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Das Schöne im Biest

Als "angry young men" galt in den 1950ern und -60ern eine Gruppe britischer Schriftsteller, die aus der Perspektive der Arbeiter- und Mittelschicht ihren Unmut über soziale Ungerechtigkeit literarisch zum Ausdruck brachte. Führt man deren geistige Erblinie bis in die Gegenwart fort, landet man zwangsläufig bei Tyron Kaymone Frampton. Mit einer Attrappe von Boris Johnsons abgetrenntem Kopf schrie der als Slowthai bekannte Rapper "There's nothing great about Britain!" von der Bühne der Mercury-Prize-Verleihung 2019 herunter – und ohne, ihn auf diesen kontroversen Paukenschlag reduzieren zu wollen, hätte kaum etwas klarer machen können, wie wütend dieser junge Mann ist. Sein drittes Album "U gotta love yourself", abgekürzt "UGLY", führt mit dieser Andeutung von emotionaler Sanftheit jedoch auf eine erwartbare falsche Fährte. Ästhetisch hat Slowthai nicht weniger als seine lauteste Platte bisher geschaffen.

In diesem Sinne lässt sich "UGLY" als logische Fortsetzung seines Vorgängers "Tyron" begreifen. Der textliche Fokus bewegt sich weiterhin weg vom Gesellschaftsporträt und hin zu mehr Introspektion, doch denkt der Hauptcharakter nicht im Entferntesten daran, seine Raserei abzukühlen. Über dem Industrial-Koksrausch des Openers "Yum" keucht, schnaubt, keift der 28-Jährige die Dämonen seiner selbstdestruktiven Persona aus, bis ihm nur noch der Urschrei bleibt. Musikalisch hat das höchstens am Rande noch mit HipHop zu tun, was auch für den Rest eines Albums gilt, auf dem Slowthai zum ersten Mal seine Affinität für Post-Punk und kathartischen Indie-Rock voll auslebt. Die großen Rap-Namen à la Skepta oder A$AP Rocky fehlen auf der Tracklist, die durchaus vorhandene Prominenz kommt aus anderen Sphären und hält sich eher im Hintergrund. So spielen etwa Fontaines D.C. die Backing-Band für den Titeltrack, der im sich konstant intensivierenden Rausch von Gitarren und Drums seine Abwärtsspirale vollzieht.

Die Lead-Single "Selfish" fetzt nicht nur als dreckigere Variante der elektronischen Bloc Party durch die Londoner Gosse, sie verdichtet auch Slowthais innere Zerrissenheit wie kein anderer Song. "I'm thankful for the life that I lead / I kiss my son before I put him to sleep", rappt der junge Vater da, doch später heißt es: "Rich get rich and I been one of them / I still see it in my friends, the jealousy." Fürsorge und Egoismus, Selbstzweifel und Hypokrisie reiben sich in diesen drei Minuten aneinander, während der Blur im Wembley-Stadion supportende Kritikerliebling an diejenigen denkt, die es nicht nach draußen geschafft haben. "Still got pictures on my phone / I still sleep on your side of the bed", sinniert auch der sich an die Vergangenheit klammernde Protagonist von "Never again", einem an The Streets' Storytelling erinnernden Apartmentblock-Drama. Dass die Rückkehr in die Hood nur mit einer tragischen Erkenntnis enden kann, versteht sich von selbst.

Mit seinem merklich ruhigeren Vortrag scheint der Track stilistisch wie stimmungstechnisch aus dem Rahmen zu fallen, doch offenbart die Platte generell mehr Facetten, als man ihr zu Beginn zutraut. Es gibt eine verzweifelt in den Kosmos gebrüllte Schrammel-Ballade namens "Falling", den fragil-schön gezupften Closer "25% club" und bessergelaunte Brit-Rock-Groover wie "Sooner", das kreativ mit christlicher Bildsprache umgeht: "Wanna swim, yeah, drenched in holy water / Baptized in the blood of my enemies / I just struggle with heavenly thoughts." Manche Momente wie das sehr rudimentäre "Feel good" klingen etwas nach Stückwerk, doch hält Slowthai die Intensität stets hoch genug, um den emotionalen Draht zum Publikum nicht zu kappen. "It's okay to cry", verspricht er im düsteren Sample-Pop von "Happy", ehe er sich nach der anderen Seite des Spektrums sehnt: "I would give everything for a smile." Slowthai kennt mehr als nur die Wut – und kann es einen größeren Akt der Selbstliebe geben, als alle Gesichter der eigenen Persönlichkeit in gleichem Maß zu akzeptieren?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights

  • Yum
  • Happy
  • UGLY

Tracklist

  1. Yum
  2. Selfish
  3. Sooner
  4. Feel good
  5. Never again
  6. Fuck it puppet
  7. Happy
  8. UGLY
  9. Falling
  10. Wotz funny
  11. Tourniquet
  12. 25% club

Gesamtspielzeit: 38:33 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

vinylium_senfterum

Postings: 17

Registriert seit 08.03.2023

2023-03-12 18:15:29 Uhr
Ugly find ich wirklich stark. Slowthai drückt seine Gefühle immer schon sehr bildlich aus, auf diesem Album geht er aber einen noch radikaleren Weg. Yum ist ein absolutes Brett bspw.

Arne L.

Postings: 868

Registriert seit 27.09.2021

2023-03-09 00:16:40 Uhr
Uff, gerade “Never again” gehört und Gänsehaut und Tränen. Da muss ich wohl ans ganze Album ran.

Klaus

Postings: 8934

Registriert seit 22.08.2019

2023-03-08 11:31:36 Uhr
Finde den Einstieg sehr gelungen, danach driftet es für mich zu sehr in eine Indie-Richtung ab, die ich nicht mag.

ichreitepferd

Postings: 825

Registriert seit 22.04.2021

2023-03-08 11:06:19 Uhr
Pitchfork mit ner 5.5, wie hart kann man trollen.

kenny23

Postings: 541

Registriert seit 07.11.2013

2023-03-06 23:30:56 Uhr
Großes Album! Für mich gehören "Sooner" und "Never Again" auf jeden Fall auch zu den Highlights. Eine 8/10 wäre auch okay gewesen!
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