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Big | Brave - Nature morte

Big | Brave- Nature morte

Thrill Jockey / Indigo
VÖ: 24.02.2023

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Krach und Raum

Was die Leute bloß gegen Lärm haben? Genau genommen handelt es sich bei diesem schließlich nur um die Abwesenheit von Stille, die nach kurzer Zeit wieder abebbt. Außer wir befinden uns auf "Nature morte", dem sechsten Album von Big | Brave aus Kanada. Dass sich dessen Titel ausgerechnet auf das Kunstgenre des Stilllebens bezieht, ist ein netter Zufall – und doch fungiert Stille auf den Platten von Robin Wattie, Tasy Hudson und Mathieu Ball als wichtiges, wiewohl nicht gerade augenfälliges Still, äh Stilmittel. Und so massiv die Lärmwälle sind, die das Trio hochzieht, so große Bedeutung kommt auch den Zwischenräumen zu. Selbst der dröhnendste Sludge-Noise muss nun mal Luft holen. Den Rest wird Seth Manchester, der Mann, der ebenfalls knirschende Bösewerke von The Body über Daughters bis Full Of Hell produziert hat, schon (zugrunde-)richten.

Entsprechend fackeln Big | Brave nicht lange und poltern bei "Carvers, farriers and knaves" direkt mitten ins Missvergnügungszentrum – mit mächtiger sechssaitiger Sense sowie Wattie als die unheimliche Wasserschlange, die bereits Kollege Tyczkowski das Fürchten lehrte. Oder einfach als Frau multikultureller Abstammung, die es ein für allemal leid ist, rassistische oder misogyne Kommentare zu kassieren. Und tut sich dieses Stück mal kurz die Ruhe an, dann maximal effektiv, bevor die nächste Eruption hereinbricht. Ein Kniff, den sich Big | Brave womöglich von den geistesverwandten Krach-und-Raum-Meistern My Disco abgeschaut haben, ehe diese jeglichen Anflügen von Rockmusik entsagten. Die Drums pauken dabei nur den stoischsten Tribal-Rhythmus – ein abnormer Vorhöllen-Groove, bei dem man das Kokeln der Griffbretter förmlich riechen kann.

Viel getan hat sich seit den Bohrmaschinen-Tagen von Swans Mitte der Achtziger also nicht: Konsequent verlangsamte Brachialität bleibt das Ausdrucksmittel der Wahl für anhaltende Seelenqual. Wissen auch Big | Brave und haben Zeit und Stehvermögen – gleich drei Tracks überschreiten die Neun-Minuten-Grenze. Etwa das tieffrequenzig sensende "The one who bornes a weary load", das wiederholt der Strukturlosigkeit anheimzufallen droht, sich aber immer wieder zerknirscht aufrappelt, oder das herausragende "The fable of subjugation", in dem Schlagzeugerin Hudson ihre dynamischste Leistung abliefert – zu bassiger Ursuppe und einigen der schneidendsten Riffs, die Wattie je vom Stapel gelassen hat. Da ist selbst der Auftakt im jenseitigen Chelsea-Wolfe-Ornat flugs untergepflügt. Und Big | Brave? Schauen nur stählern und rühren sich nicht vom Fleck.

Dass das kaum weniger vernichtende "A parable of the trusting" kreischend eine Metall-Installation hinter sich herschleift, registriert der Hörknorpel nur mehr mit relativem Gleichmut. Denn was ist so ein bisschen Bonus-Schaben schon angesichts dieser erschreckenden Sound-Walzen über Hoffnungslosigkeit, Verrat und Unterjochung, die auch zwei maßvolle Drone-Fingerübungen nicht zu erleichtern vermögen? Stärker als hier war der Groll von Big | Brave nicht einmal auf dem hinreichend perfiden "Vital" spürbar. Wer möchte, kann nach "Nature morte" wie der im Opener verewigte Pferdebeschlag-Handwerker den Hufeisentest beim Kaffeekochen machen: Ein Pfund leicht anfeuchten – geht das Hufeisen unter, war's zu wenig Kaffee. Und das Endprodukt haut einen ordentlich aus den Socken. Fast so sehr wie dieses gewaltige Album.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Carvers, farriers and knaves
  • The fable of subjugation

Tracklist

  1. Carvers, farriers and knaves
  2. The one who bornes a weary load
  3. My hope renders me a fool
  4. The fable of subjugation
  5. A parable of the trusting
  6. The ten of swords

Gesamtspielzeit: 43:02 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Mann 50 Wampe

Postings: 3548

Registriert seit 28.08.2019

2023-12-26 07:33:50 Uhr
Ich glaube langsam wirklich, außerhalb Deutschlands sind pro Palästina Äußerungen von Künstlern an der Tagesordnung und nichts besonderes.

u.x.o.

Postings: 518

Registriert seit 29.08.2019

2023-12-25 18:47:02 Uhr
Mein album of the year... Es ist allerdings sehr schade, dass die Band eine extreme Palästina-Propaganda fährt. Die IG-Stories sind teilweise sehr erschreckend.

Randwer

Postings: 2980

Registriert seit 14.05.2014

2023-12-25 13:57:46 Uhr
Für mich in diesem Jahr ein essenzielles Album.

Hierkannmanparken

Postings: 1107

Registriert seit 22.10.2021

2023-02-27 18:24:53 Uhr
Die hab ich ja ganz vergessen...

Mann 50 Wampe

Postings: 3548

Registriert seit 28.08.2019

2023-02-27 17:58:31 Uhr
Noch schwerer zugänglich als die Vorgänger-
Werke finde ich. Manchmal brachial-noisig, fast schon Industrial, dann wieder Ambient ähnliche Passagen. Intensiv, ein gewaltiger Sound der fast alle Songstrukturen ersetzt. Gefällt mir, muss es aber wohl noch ein paar mal durchlaufen lassen.
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